"Bildende": Wien, die Kunst & die Welt

Akademie der bildenden Künste
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Vor 325 Jahren wurde die "Akademie der bildenden Künste" in Wien gegründet. Sie ist damit eine der ältesten Kunstuniversitäten der Welt. Und so jung wie kaum eine andere Hochschule. Die "freizeit" war zum Lokalaugenschein im Semperdepot, am Campus Augasse und im Prater.

Sie kommen aus allen Ländern der Welt. Der Mandschurei und Mexiko, der Türkei und Neuseeland. Den USA, Südamerika, Afrika – und natürlich aus Österreich. 1.400 junge Menschen studieren an der "Bildenden", obwohl nur rund zehn Prozent nach der Zulassungsprüfung aufgenommen werden. Es ist der Ruf einer der ältesten Kunsthochschulen Europas, der sie anzieht – und die Tatsache, dass die Akademie der bildenden Künste Wien sich keineswegs nur auf diesen Ruf verlässt. "Wir waren die erste Kunstuni, die ein Kunst- und ein Wissenschaftsdoktorat angeboten hat", erklärt Rektorin Eva Blimlinger. Digitale Medien, performative Kunst, Installationen – den Tätigkeitsfeldern sind auch neben Klassikern wie Malerei, Bildhauerei und Architektur kaum Grenzen gesetzt. "Aber es ist doch erstaunlich, wie beliebt das altmodische Zeichnen mit Bleistift und Papier im Aktsaal gerade bei den Digital Natives ist", sagt die Rektorin augenzwinkernd. Die hat zehn Studierende besucht und mit ihnen über ihre Arbeit, ihre Motivation und ihre Wünsche gesprochen.

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Vera, eine ungemein elegante Studentin der Bühnengestaltung kommt aus Weißrussland

Die Liebe. Träume. Die Natur, die sich nicht um unsere Hoffnungen schert. Menschliche Abgründe. Im Semperdepot entwerfen Studenten der Bühnengestaltung gerade Welten für einen großen Bühnenstoff: Kleists "Erdbeben in Chili" wird als Oper uraufgeführt. Die Erwartungshaltung ist groß, am 1. Juli ist Premiere. Wird einer der studentischen Entwürfe dabei umgesetzt? "Nein, natürlich nicht", sagt Vera, eine ungemein elegante Studentin aus Weißrussland, die man sich auch jederzeit als Frontfrau einer angesagten Artpopband vorstellen könnte. "Das tatsächliche Bühnenbild für die Aufführung in Stuttgart kommt von unserer Professorin Anna Viebrock. Aber: Wir arbeiten alle an einem realen Projekt, nichts Hypothetisches. Wir müssen uns an die gleichen Bedingungen halten, die Bühne, den Stoff, die Gegebenheiten des Musiktheaters – die Präsentation unserer Entwürfe wird spannend, ich freu mich schon." An die Oper selbst musste sich Vera erst gewöhnen, "aber in den fünf Jahren, die ich jetzt in Wien bin, hab ich auch das Musiktheater lieben gelernt." Ihr Kommilitone Lasha, ein Student aus Georgien, nickt bekräftigend. "Das ist auch einer der wirklich faszinierenden Aspekte dieses Studiums: Design, Kostümentwurf, Malerei, Plastik, Musik – hier kommt alles zusammen."

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Vor zwei Jahren hat Ina es schon einmal probiert – und wurde nicht angenommen. "Natürlich trifft dich so etwas", sagt sie ruhig. "Man wird abgelehnt, da denkt man schon nach, fragt sich warum?" Aber die junge Kärntnerin gab nicht auf, fing an, in Linz Malerei zu studieren. Und versuchte es heuer im Frühling noch einmal. "Diesmal hat’s geklappt", sagt sie und ein leises Lächeln huscht über ihr Gesicht. "Ich glaube, ich war beim ersten Mal einfach zu wenig strukturiert, zu chaotisch. Die zwei Jahre in Linz haben mir gut getan. Es war auch sehr schön dort …"

Aber die Möglichkeit, an der Akademie zu studieren, wollte sie sich dann doch nicht entgehen lassen. Wir betrachten einige ihrer Bilder, so präzise wie verstörende Stillleben – was wir mit einer Handvoll Studenten gemeinsam haben, die fröhlich plaudernd auf der Pausencouch nur zwei Meter hinter uns sitzen. Ina arbeitet praktisch auf einer Bühne. Braucht ein Künstler nicht mehr Abgeschiedenheit? Sie zuckt die Schultern. "Man gewöhnt sich dran", sagt sie. "Und im Lauf der Jahre werde ich mich schon in eine ruhigere Nische vorarbeiten."

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione So wie Matthias aus Erfurt, der seit vier Jahren hier ist. Derzeit beschäftigt er sich in seinen Bildern mit Überlagerungen und Spiegelungen: Wer sieht aus einem Fenster hinaus, wer hinein, wer ist "echt", wer nur ein Spiegelbild? Die Motive für seine faszinierenden Bilder findet er oft beim Radfahren. "Die Mariahilfer Straße ist eine Fundgrube", sagt er. Früher wollte er Bühnenbildner werden, hat an der Angewandten zu studieren begonnen. "War nichts für mich", sagt er trocken, "zu viele Kompromisse".

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Bahareh (r.) hat schon im Iran Bauingenieurwesen studiert. Une (l.) aus Litauen arbeitet an ihrem Bachelor in Architektur

"Ich habe im Iran meinen Bachelor an einer technischen Universität gemacht, bin Bauingenieurin", sagt Bahareh, die vor zwei Jahren nach Wien gekommen ist. "Bevor ich ins Berufsleben einsteige und mich als Architektin erst wieder mit technischen Problemen beschäftige, wollte ich meine kreative Seite stärken. Deshalb stand für mich fest, dass ich meinen Master an einer Kunst-Uni machen werde", fährt sie fort. Und: "Es ist nicht ganz leicht, an der Akademie angenommen zu werden – genau deshalb wollte ich unbedingt hierher. Ich WOLLTE eine Uni mit Aufnahmeprüfung." In der alten WU hinter dem Franz-Josefs-Bahnhof, wohin die Architekturstudenten ausweichen mussten, weil das ehrwürdige Haus am Schillerplatz saniert wird, führen uns Bahareh und die junge Une aus Litauen, die in Wien gerade an ihrem Bachelor arbeitet, durch Städte, die an Bindfäden hängen, vorbei an filetierten Stutzflügeln, waghalsigen Konstruktionen aus Draht, Holz und Blech, die kaum etwas mit Architekturmodellen, wie wir sie kennen, zu tun haben. "Es ist nicht einfach, sich von formalen Konzepten, die wir verinnerlicht haben, zu lösen", sagt sie und sieht mich ernst an. "Aber es ist wichtig, um neue Räume zu öffnen."

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione "Hitler hat sich hier beworben. Und wurde zwei Mal abgelehnt. Das spricht eindeutig für die Akademie", sagt Majia und lächelt. Sie kommt aus der Mandschurei im Nordosten Chinas, hat dort Malerei studiert und später in Peking unterrichtet. "Aber China ist sehr konservativ. Es war schwierig, sich als Künstlerin weiterzuentwickeln, Abstraktion etwa ist praktisch nicht vorhanden." Durch ihr Atelier in Peking lernte sie einige österreichische Maler kennen – und kam schließlich 2011 nach Wien. Wieso sie als 30-jährige akademische Malerin hier mit Bildhauerei noch einmal ganz von vorn angefangen hat? "Das hab ich gar nicht", sagt Majia und lächelt wieder, "hier in Österreich habe ich begonnen, meinen Horizont zu erweitern."

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Darum ging es auch ihrem Kollegen Nicholas, einem jungen Amerikaner aus Ohio. "Ich war 2009 an der Sommerakademie in Salzburg. Wollte dann natürlich auch noch Wien sehen …" Und fand sich mitten in den großen Studentenprotesten des Herbstes wieder. Deren Ausgangspunkt das besetzte Stammhaus der Bildenden am Schillerplatz war. "Studenten organisieren sich und es gelingt ihnen tatsächlich, auf Probleme aufmerksam zu machen. Wo so etwas möglich ist, da kann auch Kunst wirklich frei sein. Da will man als junger Künstler bleiben, lernen, studieren!" – "Ja, kannst du dir etwas Ähnliches in Amerika vorstellen?", fragt Myles, ein Student aus New York. "Ich meine, in den 60ern und 70ern vielleicht. Damals hatten auch die Studenten bei uns noch eine Meinung, setzten sich für etwas ein. Aber heute, unter den rigiden Umständen, die zurzeit herrschen, wäre das auch gar nicht mehr möglich …"

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Sanddüne und Kamel. Gemälde und Objekt von Myles

Myles ist studierter Wirtschaftswissenschaftler, entschied sich dann aber gegen eine Karriere an der Börse und für seine Leidenschaft, die Kunst. Sein eigenes Atelier in Mexiko City gab er auf, als sich die Möglichkeit bot, nach Wien zu gehen. "Ich kannte die Arbeiten von Heimo Zobernig und wollte bei ihm studieren, die Entscheidung fiel mir leicht", erklärt er. Wir stehen im Garten des "Bildhauerhauses" in der Böcklinstraße im 2. Bezirk, ganz nah an der Prater Hauptallee. Ein beinahe magischer Ort, längst vergessene Skulpturen ehemaliger Studierender stehen wie stumme Zeugen einer vergangenen Zeit zwischen Bäumen und Gestrüpp. Abstrakte Monolithen, Bögen, fein gearbeitete Figuren, ein kleiner Priapos träumt unter einer Kastanie vor sich hin. "Niemand weiß mehr, von wem die alle sind", erklärt Myles. "Aber es kommen auch immer neue Objekte dazu. Letztes Sommersemester hatten wir hier unser Steinbearbeitungsseminar." – "Du hast Steinbearbeitung gemacht?", fragt Laura, eine junge Studentin aus Dänemark, interessiert. Sie ist erst seit einem Jahr in Wien, studiert "Performative Kunst und Bildhauerei" bei Monica Bonvicini, lotet die Möglichkeiten von Minimal und Conceptual Art aus. Denn die alte Frage, was unter dem Begriff "Bildhauerei" heute zu verstehen ist, wurde von Professoren wie Gironcoli und Pistoletto in den 1990ern in Richtung einer umfassenden Einbeziehung neuer Medien und Techniken beantwortet. "Aber die Arbeit mit Hammer und Meißel hat schon auch was", sagt Myles und grinst. Laura nickt. Sie hat in Dänemark ursprünglich ein Handwerk gelernt, ist Tischler-Gesellin. Sie wird auch den Stein bändigen.

Akademie der bildenden Künste Foto: KURIER/Jeff Mangione Von links: Majia, Nicholas, Laura, Myles

Nicholas winkt mit seinen rot bemalten Fingernägeln lachend ab. Ihm geht es um den feinen Grat zwischen Design und Skulptur, dem Verhältnis von Inhalt und Oberfläche. Mit einer Performance über "weiße Männer, die uns die Welt erklären", feierte er heuer Erfolge, im nächsten Semester will er sein Diplom machen. Aber davor dreht er mit seiner Freundin noch einen Film. Einen Monat lang werden sie dafür im Februar durch Mexiko reisen.

Und vielleicht ist es ja genau das, egal ob Skulpturen, Performance, Installation oder Video: Wenn ein Studium junge Menschen dazu bringt, über ihren Tellerrand zu schauen und Grenzen zu überwinden, dann hat es schon einen Beitrag dafür geleistet, die Welt zu einer besseren zu machen. Und damit eine der wichtigsten Aufgaben erfüllt, die es gibt.

DATEN & FAKTEN

Portal Akademie der bildenden Künste Wien, Hauptge… Foto: Lisa Rastl Alt – aber alles andere als verstaubt. Die Akademie von ihren Anfängen im Strudlhof bis heute.

1692 wurde die private Akademie des kaiserlichen Hofmalers Peter Strudl erstmals urkundlich erwähnt und vom Hof offiziell unterstützt. Die Schule befand sich damals übrigens außerhalb der Stadt im „Strudlhof“, dem kleinen Weingut des Malers. Genau dort, wo heute die durch Heimito von Doderer berühmte „Strudelhofstiege“ steht.

Portrait Otto Wagner = Foto: Anonym / Imagno / picturedesk.com Otto Wagner

165 berühmte Akademie-Studenten sind auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite aufgelistet. Zwei der bekanntesten sind Otto Wagner, der dort nicht nur studiert hat, sondern von 1894–1912 Professor für Architektur war – und Egon Schiele, der nach anfänglicher Begeisterung ohne Abschluss die Schule verließ: „Meine rohen Lehrer waren mir stets Feinde“, hat er später geschrieben.

Schiele im Aktzeichensaal Foto: Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com Egon Schiele (hinten links) beim Aktzeichnen

300 Lehrende kümmern sich heute um 1.400 Studenten. 6 Institute (Bildende Kunst, Konservierung/Restaurierung, Lehramt, Architektur, Kunst- und Kulturwissenschaften, Naturwissen- schaften und Technologie in der Kunst) bieten 9 Studienrichtungen und 37 Fachbereiche an.

3 Frauen leiten seit 2011 die Akademie: Eva Blimlinger (Rektorin), Andrea B. Braidt (Vizerektorin/Kunst) und Karin Riegler (Vizerektorin /Lehre). Eine Premiere in der 325-jährigen Geschichte der Universität.

Rektorin Eva Blimlinger, Foto: Claudia Rohrauer… Foto: Claudia Rohrauer Rektorin Eva Blimlinger

RUNDGANG 2016

Vom 25.–28. Jänner  öffnet die „Bildende“ ihre Pforten zum traditionellen „Rundgang“. Offene Studios,  Ausstellungen, Kunstauktionen, Performances, Diskussionen, Konzerte, Studieninformationen u.v.m. stehen auf dem Programm. www.akbild.ac.at

(kurier "freizeit" am samstag) Erstellt am
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