Schrecklich Schreckhaft

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Foto: Andi.es - Fotolia Die Angst hat viele Gesichter.

Katzen sind von Natur aus scheu. Doch die Angst muss nicht sein. Vierbeiner können umlernen. Im Extremfall hilft der Tierarzt

Gäste kommen und Schneeflöckchen ist dahin – nichts mehr zu sehen von der Katze, die vor zirka zwölf Jahren vom Bauernhof in die Stadtwohnung übersiedelte. Beim Klingelton verzieht sie sich in den hintersten Winkel des Wäschekastens und bleibt dort, bis der Besuch weg ist.
„Katzen sind im Vergleich zu Hunden viel ängstlicher. Sie sind generell scheu. Es gibt aber auch individuelle Unterschiede“, sagt KURIER-Tiercoach Dagmar Schratter. Die Direktorin des Tiergarten Schönbrunn weiß,  warum die Vierbeiner so furchtsam sind und wie Haustierhalter damit richtig umgehen können.
Katzen sind vom Charakter her vielfältig: Sie sind verschmust oder zurückhaltend, sanft oder temperamentvoll, zurückhaltend oder lebhaft. Von Natur aus sind sie eher vorsichtig. Skeptisch erobern die Kleinen die Welt und bleiben meist bis ins hohe Alter zaghaft. Das Misstrauen gegenüber Neuem ist eine Überlebensstrategie. Gene sorgen dafür, dass die Vierbeiner keine Draufgänger sind. Auch eine vorsichtige Mutter prägt, sie wirkt als Vorbild lange nach. Einschneidende Erfahrungen in den ersten neun Lebenswochen spielen bei der Entwicklung von Mut ebenfalls eine große Rolle. In dieser sensiblen Phase findet die Sozialisierung statt, Katzen lernen fürs Leben.

Stressauslöser

„Es gibt viele Faktoren, die bei Katzen Stress verursachen können“, sagt Schratter. Das beginnt bei Gewitter und Knallern, reicht über Transport in Box und Auto hin zur Veränderung von Wohnverhältnissen und der Familiensituation und endet beim Tierarzt. So verschieden die Angstauslöser sind, so unterschiedlich kann auch die Intensität des unangenehmen Gefühls sein. Und damit das Ausleben des Misshagens. „Läuft die Katze in erster Reaktion davon, ist das okay“, sagt der KURIER-Tiercoach. Versteckt sie sich, bis die Gefahr vorüber ist, wird dieses Verhalten am besten ignoriert. Merkt der Vierbeiner, dass er an seinem Zufluchtsort sicher ist, wird er sich rasch beruhigen. Nachgehen, zureden, aufnehmen und streicheln vergrößern dagegen den Stress. In panischem Zustand urinieren Katzen unkontrolliert, sie zeigen ihre Aggression durch fauchen an, fahren mitunter ihre Krallen aus und beißen auch zu – sogar ihre Bezugsperson. Eine Verhaltensänderung ist angesagt.

„Junge Tiere können gut umlernen. Man kann Katzen langsam und behutsam an vieles gewöhnen. Mit Geduld ist das auch noch später möglich“, sagt die Expertin. Sie gibt Tipps zu konkreten Ängsten:
Angst vor Menschen: Die wenigsten Katzen sind kontaktfreudig.  Bei Fremden besteht kein Handlungsbedarf. „Die Angst vor Handwerkern und Gästen ist akzeptabel“, meint Schratter. Kommt ein neues Mitglied in die Familie, kann es das Füttern übernehmen und sich mit Spielangeboten beliebt machen.

Angst vor Tieren: Katzen mögen Spielgefährten. Doch das Kennenlernen braucht Zeit. Ziehen Artgenossen oder Hunde in den Haushalt, muss der Vierbeiner die Möglichkeit haben, sich an den Geruch des neuen Mitbewohners zu gewöhnen. Erst dann wird ein gegenseitiges Beschnuppern funktionieren.
Angst vor Neuerungen: Ein neuer Tisch, ein umgestelltes Bett – Katzen fühlen sich in ihrer Alltagsroutine rasch gestört. „Ignorieren Sie die anfängliche Vorsicht. Wird die Katze mutiger, wird sie belohnt“, rät die Expertin. Jeder Umzugstrubel sollte  ihr so gut wie möglich erspart werden: Ein Zimmer bleibt bis zuletzt das Katzenzimmer, im neuen Heim hat sie von Anfang an ein bequemes Plätzchen.  
Angst vor der Transportbox: Katzen haben ein Elefantengedächtnis. Sie verbinden die Transportbox mit schmerzhaften Tierarzterfahrungen. „Bieten Sie den Korb als Dauerschlafplatz an. Legen Sie eine Decke hinein und ab und zu ein Leckerli, das reduziert den Stress“, sagt Schratter.
Angst vor dem Autofahren: Katzen sind gerne unterwegs – auf den eigenen Pfoten. Beim Mitfahren im lauten Auto wird vielen Vierbeinern übel. „Überdenken Sie Ihren Fahrstil“, sagt Schratter. Man kann Kurven auch vorsichtig meistern. Ein geräumiger Korb, in dem sich das Tier bewegen kann, trägt zum Wohlbefinden bei. Ist die Transportbox festgeschnallt, hilft das ebenfalls. Sehr schreckhafte Katzen werden langsam an das Verkehrsmittel gewöhnt: Zuerst kommt das Tier nur mit Box ins Auto, später wird der Motor gestartet, dann eine Runde gedreht, bis der Vierbeiner längere Ausfahrten duldet.
Angst vor dem Tierarzt: „Eine Desensibilisierung ist möglich, aber nicht notwendig, wenn die Katze ein Mal im Jahr zum Impfen und Durchchecken muss“, sagt der KURIER-Tiercoach.
Wird Furchtsamkeit jedoch zum Dauerzustand, muss der Tierarzt zurate gezogen werden. Der ständige Alarmzustand mit erweiterten Pupillen, flach angelegten Ohren und Erbrechen schadet der Gesundheit des Vierbeiners. Geruchsstoffe, Homöopathie und Psychopharmaka in Kombination mit einer Verhaltenstherapie können beim Entspannen helfen. Keine Katze muss ein Angsthase sein.

(Kurier) Erstellt am
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