Svante Pääbo (links) mit dem Knochen von Ust-Ishim im Gespräch mit Nikolay Peristov über den Fund aus Westsibirien.

© /mpi fhdhb

Wissenschaft
10/22/2014

Wann Neanderthaler und moderner Mensch Sex hatten

Wissenschaftler haben das Erbgut des bisher ältesten modernen Menschen entschlüsselt. Dabei konnten sie auch feststellen, wann genau sich der Homo sapiens mit dem Neandertaler vermischt hat.

von Susanne Mauthner-Weber

Begleiten Sie uns in eine unwirtliche Region in Westsibirien. "Außer Gelsen und Sümpfen gibt es in diesem Gebiet, das um einiges nördlicher als Stockholm liegt, gar nichts", erzählt Bence Viola. Es gäbe also gemütlichere und schönere Wohngegenden. Trotzdem hat der österreichische Anthropologe vom Max Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig dort den bisher ältesten modernen Menschen außerhalb von Europa nachweisen können und berichtet mit Forscherkollegen über die Ergebnisse im Fachjournal „Nature“.

Und das kam so

2008 machte sich ein russischer Elfenbein-Schnitzer am Ufer des Flusses Irtysch in der Nähe des Dorfes Ust-Ishim auf die Suche nach seinem Rohmaterial.

Er fand einen Oberschenkelknochen, den er nicht zuordnen konnte. Also zeigte er ihn einem Orthopäden und einem KGB-Mann, der auch Paläonthologe ist. Die erkannten: Der Knochen ist menschlich und rieten zur Datierung.
Im Labor in Leipzig stellte man dann fest, dass das, was da auf ihrem Tisch lag, älter ist als alles, was man bisher aus Europa und Asien kennt. "Beim Ust-Ishim Mann handelt es sich um den ältesten moderen Menschen, den man bisher außerhalb von Afrika entdeckt hat", sagt Viola.
Anschließend sequenzierten die Forscher unter der Leitung von Svante Pääbo das Genom dieses Menschen und verglichen es mit den Genomen heute lebender Menschen aus mehr als 50 verschiedenen Populationen. Dabei stellten sie fest, dass der Knochen aus Ust-Ishim einer männlichen Person gehörte, die enger mit heute außerhalb von Afrika lebenden Menschen verwandt ist als mit Afrikanern. Es handelt sich bei diesem Mann also um einen frühen Vertreter der modernen Population, die Afrika verließ. "Wir haben festgestellt, dass er zu einer Population gehörte, die mit heutigen Europäern und Asiaten nichts zu tun hat. Die Population ist wahrscheinlich vor ca. 38.000 Jahren ausgestorben – eine Geisterpopulation." Viola tippt darauf, dass ihnen eine Kälteperiode den Gar ausmachte.

Gen-Flow

Seit einigen Jahren weiß man auch, dass Neanderthaler und moderner Mensch gemeinsame Nachkommen gezeugt haben. Bei Gen-Analysen stellte man fest, dass 1,5 bis 2,1 Prozent des Genoms heutiger Menschen auf die Neanderthaler zurückgehen. "Dieses Fossil erlaubte uns auch, den Gen-Flow auf den Neanderthaler genau zu datieren", erklärt der Anthropologe. "Wir alle außerhalb von Afrika haben geringe Mengen von Neanderthaler-DNA in uns. Diese Stückchen sind sehr kurz." Je näher man am Vermischungszeitpunkt mit den Neanterthalern dran ist, desto größer sind die Gen-Stücke. "Wir können also die Länge der DNA-Stücke hernehmen und so feststellen, wann die Vermischung mit den Neanderthalern passiert ist", sagt Viola.
Bisher war man der Meinung, dass die sexuelle Verbandelung zwischen 80.000 und 40.000 vor heute passiert ist. Durch den Mann von Ust-Ishim können wir den Zeitpunkt viel genauer eingrenzen – auf etwa 50.000 bis 60.000 Jahre vor heute. "Es ist sehr befriedigend, dass wir jetzt zusätzlich zu den Genomen von Neanderthalern und Denisova-Menschen auch das Genom eines sehr frühen modernen Menschen in so hoher Qualität vorliegen haben", ergänzt Studienleiter Svante Pääbo.

Warum der Homo sapiens seine Vettern überlebte

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben oder zumindest von jenen, die überlebt haben. Kein Wunder also, dass die Forschung lange von der Unterlegenheit der ausgestorbenen Neandertaler ausging und mit Studien untermauerte. Der moderne Mensch habe, als er sich vor 100.000 Jahren anschickte, die Welt zu erobern, eine ausgefeiltere Sprache benutzt, habe über bessere Waffen verfügt und Tierfallen genutzt. Zudem seien die sogenannten modernen Menschen insgesamt innovativer und vernetzter gewesen.

Dieses Bild hat Risse bekommen. Tiefe Risse mittlerweile. Und die Untersuchungen von Paolo Villa von der Universität Colorado und Wil Roebroeks von der Universität Leiden verbreitern sie noch. Die beiden Forscher melden massive Zweifel an: "Wir haben keine Beweise gefunden, dass die Erklärungen von fundierten archäologischen Daten gedeckt sind", heißt es in der im Fachmagazin Plos One veröffentlichten Zusammenschau früherer Studien.

Sowohl beim Neandertaler als auch beim Homo sapiens seien Malereien und Schmuck entdeckt worden. Auch die Annahme, Neandertaler seien schlechtere Jäger gewesen, ist laut der Plos One-Studie nicht zu halten. Es fehlen einfach die Beweise. Stattdessen habe der Neandertaler nachweislich Großwild gejagt. Mit einer Überlegenheit des modernen Menschen sei das Aussterben des Neandertalers – etwa 28.000 Jahre vor unserer Zeit – nicht zu erklären. Wahrscheinlicher sei es, dass die Neandertaler im modernen Menschen aufgingen, als sie sich mit diesem paarten. Homo sapiens sei zahlenmäßig so überlegen gewesen, dass die Neandertaler-Gene größtenteils verdrängt worden seien.

Bei jedem Europäer entstammen immerhin 1,5 bis 2,1 Prozent des Erbguts aus der steinzeitlichen Vermischung mit dem Urvolk. Es sind nicht viele, aber entscheidende Gene. Die Gene der Neandertaler halfen den Vorfahren des modernen Menschen dabei, sich an die kühlere Witterung in Europa anzupassen. Neandertaler-Erbgut ist in heutigen Europäern und Ostasiaten insbesondere an Stellen vorhanden, an denen Wachstum und Ausgestaltung von Haut und Haaren geregelt werden.

Wahrscheinlich ist das Aufgehen des Neandertalers im Homo sapiens eine Fortsetzung jener evolutionären Vorgänge, die sich zuvor in Afrika abgespielt haben. Der Londoner Paläogenetiker Chris Stringer hält die Menschwerdung für einen auf ganz Afrika verbreiteten Prozess, an dem verschiedene verstreute Frühmenschen-Gruppen beteiligt waren. Der Mensch von heute wäre demnach einer Art Verschmelzung entsprungen, die sich über Hunderttausende Jahre hingezogen habe. "Die Idee von Adam und Eva ist eine Illusion."

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