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Kolumne
12/23/2018

Advent-Essay: O Fichtenbaum, wie schief sind deine Äste

Krisen-Fest. Weihnachten mit einem Restposten. Von Gabriele Kuhn.

von Gabriele Kuhn

Früher war ja mehr Fichte – oder, wie die wunderbare Christine Nöstlinger schrieb: schlichte Fichte. Genau genommen war die schon okay, zumindest von der typischen Nadelwald-Ausdünstung her. Außerdem hatte man jede Menge Platz, um ganz viel Zeugs draufzuhängen. All die Christbaumstückerln in Form von Flaschen, Stiefeln, Engel und Sternen, von denen oft schon am zweiten Weihnachtstag fast alle vom Baum gepflückt waren. Egal, die Fraßlöcher wurden eh vom üppig wallenden Engelshaar zugedeckt.

Da fällt mir ein: Unten im Keller steht nach wie vor dieser kaputte Karton. Davon trennen? Nein. Der ist, bitteschön, so alt wie ich. Für einen Karton also sehr alt. Der wird nicht entsorgt, da drin sind sehr alte Sachen. Etwa Kerzenhalter aus den Siebzigerjahren, die meine Mutter zwischen struppige Glitzergirlanden gelegt hat. Eine einsame Ziege und ein Single-Josef, dem die Heilige Maria abhandengekommen ist (möglicherweise hat sie der erste Hund zerbissen, man weiß es nicht so genau). Ein paar alte Christbaumkugeln gibt es auch noch, zum Einsatz kommen sie nicht mehr. Die Farbe geht leider gar nicht. Heutzutage trägt man ja Baummode wie andere Hosen oder Stilettos auf dem Catwalk. Saisonal abgestimmt, im Look des Moments. Heuer allenfalls schwarzmauveviolett, sehr schlicht, mit Silberfäden, in kaltes LED-Licht getaucht. Das Fest-Must-have. Karpfen schmort, Schmuck sitzt.

Ich kann mich noch gut erinnern, als es angesagt war, die städtischen Wohnzimmer in Bauernstuben zu verwandeln – mit Strohsternen, rot glänzenden Äpfelchen und Holzfiguren wie frisch aus Meister Eders Werkstatt. Ende der 1980er ließ ich zu diesem Zweck sogar Salzgebäck backen, rustikaler Baumschmuck in Form von Striezeln und Brezeln, mit karierten Schleifchen drauf. Habe ich alles aufgehoben. Bis zum vorigen Jahr. Da meinte eines der Familienmitglieder trocken: Die derbeiß’ ma aber jetzt auch nimmer.

Asymmetrisch

Das interessanteste Erlebnis in Sachen Christbaum hatte ich im Rahmen meiner ersten Lebensabschnittspartnerschaft. Der Mann war nicht nur ein akribischer Benzingeld-Abrechner, er ökonomisierte auch den Weihnachtsbaumeinkauf. Als er auszog, um unser erstes gemeinsames Bäumchen zu erstehen, meinte er: Ich fahr zum Hansi, der gibt uns Rabatt. Zwei Stunden später kam der Rabatt in Form eines Christbaums daher, mit dem es die Schöpfung nicht gut gemeint hatte.

Er war asymmetrisch, hatte also nur an einer Seite Zweige. Ein Krewecherl, windschief bis in die Nadeln, von denen schon ein paar rieselten. Der klassische Restposten. Die Crux: Der Gute konnte nicht stehen, nur liegen. Die Asymmetrie ließ ihn umkippen. Also wurden kleine Nägel in die Wand geschlagen, und der Baum mit Packerlschnur festgezurrt.

Wie der Abend ausging? Im Geiste des Baums. Die Gute, also ich, konnte bald nicht mehr stehen, sondern liegen. Ich hatte mir die schiefe Fichte gerade zu trinken versucht. Da half leider keine Packerlschnur. Seither gibt es nur mehr Prachtexemplare in meinen vier Wänden – gerade, dicht, duftend und, schmucktechnisch, von zeitloser Schönheit – in meiner Christbaumlieblingsfarbe tiefrot. So wie das halt sein muss, beim Fest der Liebe. gabriele.kuhn

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