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175 Jahre Fotografie
04/10/2014

Jäger des Augenblicks

Das elitäre Handwerk von einst wird durch die Handyfotografie zurückgedrängt.

von Martin Burger

Im ersten Raum des "Museums der Photographie" in Fischamend stehen Dunkelkammern aus mehreren Jahrzehnten. Die sperrigen Gerätschaften lassen eine schmale Gasse zum Durchkommen frei. Es zahlt sich aus, sich zum nächsten Raum vorzutasten. Dort ist nämlich ein "Steinzeit"-Kino aufgebaut, das ursprünglich in Frankenfels, NÖ, stand und mit einem Plattenspieler und Metallkästen zum Schutz der selbst entflammbaren Nitrofilme ausgestattet ist – Willkommen in der Welt des Photographie-Nostalgikers Erwin Schwab.

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts dünnt Schwabs opulente Sammlung allerdings etwas aus, werden die Objekte weniger. "Mein Schwerpunkt ist das 19. und das frühe 20. Jahrhundert bis 1930."

Photographie mit Ph

Wenn Herr Schwab (www.museumderphotographie.at) über seine seltenen Stücke spricht, meint man das "ph" heraus zu hören, wenn er "Photoapparat" sagt. Es klingt wesentlich liebevoller als das schnelle "F" in "Foto". Schwab: "Früher wurde sorgfältig gearbeitet, schon wegen der Materialkosten musste der Photograph im vorhinein wissen, wie das Bild aussehen soll."

Österreichs Fotodoyen Gerhard Sokol (links sein preisgekröntes Bild mit fliegenden Milchkannen, das 1992 entstand) ist ein Mann der alten Schule: "Heute kann jeder ein x-beliebiges Mickey-Mouse-Bild anfertigen, und zwar in Nullkommanix. Aber wenn es dann um den Goldenen Schnitt, die richtige Belichtung oder um eine bewusste Unterbelichtung geht, um eine besondere Stimmung hervorzuholen, das ist dann die Sache eines echten Fotografen."

Und dieses über Generationen tradierte handwerkliche Können soll im digitalen Zeitalter von Instagram, Selfies und Handyfotos keine Rolle mehr spielen?

Fotografie mit F

In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Fotografie massiver und rapider verändert als je zuvor in den 175 Jahren ihrer Geschichte. Das sagt Andreas J. Hirsch, Profi-Fotograf und Kurator am Kunst Haus Wien. "Nicht nur die Dominanz digitaler Aufnahmetechnik, Bearbeitung und Verbreitung haben die Fotografie zu einem anderen Medium gemacht", sagt Hirsch, auch die Akteure seien andere. Sogenannte "Digital Natives", also junge Menschen, die bereits mit Smartphone samt Kamera und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind. Ob die wirren Bildersammlungen, die laut dem Netzwerkausrüster Ericsson mit bald 5,6 Milliarden Smartphones weltweit aufgenommen werden, Kunst sind oder nicht, ist laut Hirsch "letztlich irrelevant. Es kommt auf den Gestaltungswillen an, auf die Intention der Bildfindung und auf ihren sozialen Gebrauch. Egal, welche Art von Kamera ich verwende".

Der Wiener Fotograf Michael Janousek (www.janousek.at, Bild) betont die technische Qualität gut gemachter Handyfotos, diese seien um Klassen besser als die Klassiker der frühen Fotografie – "technisch jedenfalls. Für die Inhalte mag das nicht gelten, aber wer beurteilt schon die Inhalte der Millionen Briefe, die im Lauf der Zeit geschrieben wurden? Denn genau den gleichen Status haben Fotos, die via Smartphone um die Welt geschickt werden".

Die Gralshüter der Fotografie, Museen und Magazine, haben Handyfotos als ernst zu nehmendes Medium akzeptiert. Hirsch erläutert, "dass traditionsreiche Magazine wie Harper’s Bazaar auch auf Instagram für ihre Fashion-Bildstrecken setzen, oder das British Journal of Photography ein eigenes, primär am Smartphone zu lesendes Magazin namens FLTR herausgibt, sagt schon einiges aus". Nicht zuletzt, weil Smartphonebilder hoch relevant sind, man denke nur an die Handyfotos aus dem "Arabischen Frühling".

Im Photographie-Museum von Erwin Schwab haben digitale Spiegelreflexkameras Seltenheitswert. Dafür gibt es echte Raritäten sonder Zahl, eine Eumigetto aus den 1970er-Jahren etwa, die in Wiener Neudorf zusammengebaut wurde. Die Firma existiert längst nicht mehr. Mittlerweile hat sich Schwab aufs Fotosammeln verlegt. "Sie sammeln von den Malern ja auch nicht die Pinsel, sondern ihre Bilder, oder?"

Die ersten fotografierenden Österreicher

Die Albertina sammelt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Fotografien, ergänzt werden die Bestände durch Bilder der Höheren Graphischen Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt. Etwa 450 Daguerreotypien gehören in diese Sammlung, das visuelle Gedächtnis Österreichs.

Einige wenige Frühwerke bieten private Einblicke.

Am ungewöhnlichsten ist das Bild einer beleibten ungarischen Dame in einer Kutsche in einem Innenhof. Die Herausgeberin des Buchs "Inkunabeln einer neuen Zeit. Pioniere der Daguerreotypie in Österreich 1839–1850 (Brandstätter Verlag, Preis: 20,46€), Monika Faber, erläutert: Wäre das Bild im 21. Jahrhundert entstanden würde man von Street Photography sprechen, so spontan wirkt die Aufnahme, es wurde aber 1844 gemacht. Der Kutscher ist abgeschnitten,möglicherweise hat der Autor selbst zur Schere gegriffen, um den "Schnappschuss-Effekt" zu verstärken. Der ungewöhnliche Bildausschnitt ist kein Zufall. Die sorgfältige Rahmung zeige, dass das Bild geschätzt wurde.

Über die Beziehung des Autors zu der Ungarin ist nichts bekannt. Aber offenbar war es schon in der Frühzeit der Fotografie nicht ungewöhnlich, sich in ungekünstelten Posen auf der Straße ablichten zu lassen. Momentaufnahmen sind keine Erfindung der Selfie-Generation.

1839 Louis Jacques Mandé Daguerre präsentiert sein fotografisches Verfahren („Daguerreotypie“) in Paris und erregt größtes Interesse. Zwei Jahre zuvor hatte er die Eigenschaft der Kochsalzlösung als Fixiermittel entdeckt. Sir John Herschelerwähnt in seinem Laborbuch zum ersten Mal das Wort “Photography”.

1841 Das erste europäische Porträtatelier wird in London eröffnet. Personenaufnahmen erforderten vom Fotografen wie vom Fotografierten Disziplin und Ausdauer. Die langen Belichtungszeiten, die erst durch lichtstärkere Objektive verschwanden, erforderten eigene Vorrichtungen zum Festspannen der Fotografierten.

1853 sichert sich Platt D. Babbitt das Monopol für Aufnahmen von Touristengruppen vor den Niagarafällen: der erste Andenkenfotograf.

1888 Die private Fotografie ist erfunden. Die erste preiswerte Rollfilmkamera von Kodak, „Kodak Nr.1“, kommt auf den Markt. Die „Box“ stellte praktisch keinerlei technische Ansprüche an die Fertigkeit des Fotografen.

Die 1930er Jahre Die Farbfotografie entsteht. Die ersten Bilder glichen dilettantisch colorierten Schwarz-Weiß-Fotografien und wurden damals sogar „Antikunst“ genannt.

1942 Ein Sofortbildverfahren wird von Edwin Herbert Land in den USA patentiert und 1947 als „Polaroid“ der Öffentlichkeit vorgestellt.

1959 Ein Zoomobjektiv wird von Voigtländer entwickelt.

1963 Canon präsentiert die erste Kamera mit automatischer Schärfeeinstellung.

1995 Erste digitale Amateurkameras kommen auf den Markt.

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