Der Kitsch als Avantgarde

Roy Lichtenstein, Wir standen langsam auf, 1964; Öl und Acryl auf Leinwand / MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST, Frankfurt, Ehemalige Sammlung Karl Ströher, Darmstadt (DE)
Was die Kunst von Roy Lichtenstein (1923–1997) so brisant und revolutionär machte

Es ist gewiss kein Zufall, dass das erste Bild, dem das Publikum in der großen „Centennial Exhibition“ zum Werk des  Pop-Art-Pioniers Roy Lichtenstein in der Albertina entgegentritt, die Ruinen eines griechischen Tempels zeigt. Gibt es denn ein besseres Sinnbild für die Hochkultur und das Ideal, an dem sich die westliche Welt über Jahrhunderte hinweg ausrichtete? 

Auch wenn die Werke des 1997 verstorbenen US-Künstlers in ihrer prägnanten Form- und Farbgebung wie ein Siegeszug der Massenkultur anmuten, entstanden sie doch stets in Sichtweite der elitären Musentempel: Der Künstler war mit der Historie stets im Gespräch und warf wiederholt die Frage auf, welche Stellung Bilder in der kulturellen Hierarchie einnehmen. 

Der Kitsch als Avantgarde

Roy Lichtenstein Ertrinkendes Mädchen, 1963, Öl und Acryl auf Leinwand

 

Lichtenstein, der eine akademische Ausbildung genossen und auch Kunstgeschichte unterrichtet hatte, wählte auch nicht zufällig einen „Tempel des Apoll“ –  des Gottes der Künste – aus, um ihn 1967 mit seinem zum Markenzeichen gewordenen Stil zu einem „Billboard Poster“, einem Werbeplakat, umzuformen. 

Es lohnt, sich ein wenig die Situation in den USA der 1950er-Jahre zu vergegenwärtigen, um die revolutionäre Dimension von Lichtensteins Kunst besser erkennen zu können. In jener Zeit nämlich hatte New York Paris als Nabel der Kunstwelt abgelöst, der „Abstrakte Expressionismus“ von Malern wie Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Franz Kline galt als Amerikas originärer Beitrag zur Kunstgeschichte. Die genannten Maler gingen allesamt mit wild geführtem Pinsel oder tropfenden Farben zu Werke und tilgten alles Gegenständliche aus ihren Bildern. 

Der Kitsch als Avantgarde

Trickreich: Roy Lichtenstein in seinem Atelier, 1964  

Abgrenzung 

Der Theoretiker der Bewegung, Clement Greenberg, hatte in seinem Aufsatz „Avantgarde und Kitsch“ bereits 1939 derlei Reinheitsbemühungen von all dem abgegrenzt, was seiner Ansicht nach den Massen nur „Erfahrung aus zweiter Hand“ und „vorgetäuschte Empfindung“ auf Basis wiedergekäuter „echter Kultur“ bot: „Populäre, kommerzielle Kunst und Literatur mit ihren Vierfarbdrucken, Zeitschriftentitelbildern, Illustrationen, Werbeanzeigen,  Groschenromanen, Comics.“

Der Kitsch als Avantgarde

Gerasterte Hochkultur: „Temple of  Apollo“ in der Albertina 

Greenbergs abwertendes Verzeichnis liest sich wie eine Liste jener Dinge, die Roy Lichtenstein sich aneignen sollte. Als er 1961 erstmals ein Disney-Motiv mit grellen Farben abmalte – das Schlüsselwerk „Look Mickey“ ist Teil der Albertina-Schau – muss das den Eliten des US-Kunstbetriebs sauer aufgestoßen sein. Emotionen, die Comicbilder mit einfachen Gesichtsausdrücken und Gesten prägnant auf den Punkt bringen, rieb Lichtenstein dem „Highbrow“-Publikum ebenso frech unter die Nase – oft im Format großer Leinwände, wie sie auch die Abstrakten Expressionisten, aber auch Historienmaler früherer Tage verwendet hatten.   

Der Kitsch als Avantgarde

„Little Big Painting“ (1965): Wilde Pinselstriche, kühl gemalt

Vergeistigte Kunst?

Emotion und Leidenschaft hatten in der Kunst  immer ihren Platz gehabt – die Idee, jeglichen Effekt als billig zu brandmarken und dem Kitsch zuzuweisen, ließ sich nicht lange halten, zumal die Attraktivität von Comics und Kinofilmen nicht mehr zu bremsen war.  Zugleich tilgte Lichtenstein selbst aber jede Handschrift aus seinem Werk, stilisierte sich zur kalten Maschine oder zum Comic-Bösewicht der Kultursphäre, etwa im Bild „Image Duplicator“ oder dem Werk „Mad Scientist“ in der Albertina-Schau (beide 1963). 

„Wenn die Avantgarde die Verfahrensweisen der Kunst nachahmt, dann ahmt der Kitsch ihre Wirkungen nach“, hatte Greenberg geschrieben. Lichtenstein trieb zwischen diesen Polen ein gefinkeltes Spiel und blieb auf seine Weise Avantgardist – besonders in seinem Spätwerk, in dem er sich an Vorbildern der Kunstgeschichte abarbeitete. Heute, wo die Frage im Raum steht, ob intelligente Maschinen originelle Bilder erzeugen können, lässt sich  dieses Spiel noch einmal neu betrachten.

„Act Like an Artwork“: Die Social-Media-Challenge

Der Kitsch als Avantgarde

„Woman in Bath“: Influencer-Ästhetik im Jahr 1963 

  • Ausstellung. „Roy Lichtenstein“ – A Centennial Exhibition“ läuft bis zum 14. Juli in der Albertina. Gezeigt werden 89 Gemälde und Zeichnungen, dazu Skizzenbücher und Skulpturen. 
  • Challenge / Gewinnspiel
    Kommt in die große Roy Lichtenstein-Ausstellung und gewinnt mit eurem Foto oder eurem Reel eine Roy-Lichtenstein-Swatch, Jahreskarten und Merchandise Packages.
  • So funktioniert’s
    Sucht euch eines der weltberühmten Werke des Pop-Art-Künstlers  aus und stellt das Motiv für ein Foto nach. Egal ob allein oder mit Freund_innen, Hauptsache kreativ! Anschließend postet ihr euer Video oder euer Foto auf Instagram, Facebook oder TikTok. Verwendet für das Posting den Hashtag #ActLikeAnArtwork und markiert @albertinamuseum. Die Challenge läuft von 17.3. bis 30.6. auf Instagram, Facebook und TikTok.
  • Regeln 
    Die Fotos und Videos müssen in der Albertina entstehen, Werke aus anderen Museen sind ausgeschlossen. Die GewinnerInnen werden ausgelost und via PM verständigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Gewinnen Sie Tickets!  
Der KURIER verlost 10x2 Tickets für die Ausstellung „Roy Lichtenstein“, die bis 14. 7.24 in der Albertina läuft. Mitspielen können Sie bis Sonntag, 24.3., auf kurier.at/gewinnspiele. Rechtliche Infos dort. 

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