Der Canaletto-Blick: Wien, wie man es noch nie gesehen hat
„Wien vom Belvedere aus gesehen“, Bellotto (1722–1780)1759/60, Öl auf Leinwand.
Venedig, London, Dresden und Wien: Für viele Menschen sehen diese Städte bis heute so aus, wie Canaletto und Bernardo Bellotto sie einst auf Leinwand festhielten. Die Ausstellung „Canaletto & Bellotto“ in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums widmet sich zwei der bedeutendsten Vertreter der Vedutenmalerei und macht deutlich, dass touristische Inszenierung und ikonische Stadtbilder keine Erfindungen der Gegenwart sind. Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, und sein Neffe Bernardo Bellotto prägten mit ihren Werken bis heute oft unsere Vorstellung europäischer Städten.
Inszenierte Realität
Wer heute ein Urlaubsfoto bearbeitet, den Horizont begradigt oder störende Elemente entfernt, verfolgt oft dasselbe Ziel wie die beiden Künstler im 18. Jahrhundert: die Wirklichkeit in ihrer schönsten Form zu zeigen. Die Ausstellung verdeutlicht, dass die berühmten Stadtansichten keineswegs objektive Abbilder ihrer Zeit sind. Vielmehr handelt es sich um sorgfältig komponierte Bildschöpfungen, die architektonische Präzision mit künstlerischer Gestaltung verbinden.
Mit Hilfe von Perspektivkonstruktionen, optischen Instrumenten und genauer Beobachtung erschufen Canaletto und Bellotto Werke, die auf den ersten Blick beinahe fotografisch wirken. Tatsächlich wurden Gebäude versetzt, Blickachsen verdichtet und einzelne Elemente ergänzt, um eine möglichst eindrucksvolle Wirkung zu erzielen. Die Ausstellung zeigt damit nicht nur Meisterwerke der Malerei, sondern eröffnet zugleich einen spannenden Blick auf die Mechanismen visueller Inszenierung.
Die Riva degli Schiavoni in Venedig, Canaletto (1697–1768) um 1730, Öl auf Leinwand.
Europa entdecken
Im 18. Jahrhundert wurden gemalte Stadtansichten zu begehrten Erinnerungsstücken wohlhabender Reisender. Vor allem junge britische Aristokraten erwarben auf ihrer „Grand Tour“ durch Europa Veduten als Zeichen ihrer Bildung, ihres Geschmacks und ihrer Weltgewandtheit. Städte wurden zu Sehnsuchtsorten, Kunstwerke zu Statussymbolen.
Die Schau folgt den Lebenswegen der beiden Künstler und führt von Venedig über London bis nach Dresden und Wien. Dabei wird deutlich, wie eng Kunst, Reisen und kultureller Austausch bereits damals miteinander verbunden waren. Die Werke zeigen Europa als Raum der Begegnung und vermitteln zugleich ein facettenreiches Panorama einer Epoche, in der neue wissenschaftliche Erkenntnisse, internationale Mobilität und kulturelle Neugier das Denken prägten.
Ein Name, zwei Karrieren
Der Name „Canaletto“ sorgt bis heute für Verwirrung. Denn auch Bernardo Bellotto signierte manche seiner Werke mit dem Zusatz „genannt Canaletto“. Damit verwies er nicht nur auf seinen berühmten Onkel und Lehrer, sondern stärkte zugleich seine eigene Marktposition.
London: Die Themse am Lord Mayor's Day, Canaletto (1697–1768) um 1748, Öl auf Leinwand.
Die Lebenswege der beiden Künstler entwickelten sich jedoch sehr unterschiedlich. Während Canaletto als freischaffender Maler von wechselnden Auftraggebern abhängig blieb, erhielt Bellotto schließlich eine feste Anstellung am Hof des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen. Beide reagierten auf politische Umbrüche ihrer Zeit mit bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit und suchten neue Wirkungsorte außerhalb ihrer venezianischen Heimat.
Wien im Fokus
Einen besonderen Schwerpunkt legt die Ausstellung auf Bellottos Wiener Schaffensperiode. Während seines Aufenthalts in der Residenzstadt entstanden monumentale Ansichten der Innenstadt und der kaiserlichen Schlösser, die bis heute das Bild des historischen Wien prägen. Zu den Höhepunkten zählt „Wien vom Belvedere aus gesehen“ (1759/60), eines der bekanntesten Stadtpanoramen Österreichs.
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Gerade an diesem Werk wird sichtbar, wie bewusst Bellotto komponierte. Gebäude wurden hervorgehoben, Blickachsen optimiert und architektonische Details gezielt eingesetzt, um Wien als glanzvolle Metropole der Aufklärung erscheinen zu lassen. Seine Darstellung entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte zum berühmten „Canaletto-Blick“ und beeinflusst bis heute die Wahrnehmung der Wiener Skyline.
Doch Bellotto interessierte sich nicht nur für Paläste und Kirchen. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtete er auch die Menschen seiner Zeit. Adelige, Handwerker, Mägde, Soldaten und Kinder bevölkern seine Bilder und verleihen den Stadtansichten eine bemerkenswerte Lebendigkeit. Dadurch werden die Veduten nicht nur zu architektonischen Dokumenten, sondern auch zu eindrucksvollen Zeugnissen des gesellschaftlichen Lebens im Europa des 18. Jahrhunderts.
Mit 32 herausragenden Gemälden aus den Sammlungen des Kunsthistorischen Museums sowie bedeutenden internationalen Leihgaben bietet „Canaletto & Bellotto“ eine seltene Gelegenheit, die Werke beider Künstler im direkten Vergleich zu erleben. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie eng Beobachtung und Erfindung, Realität und Inszenierung miteinander verbunden sein können – und warum diese Bilder bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.
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