Kultur | Zugabe
22.06.2018

Widerständig: Komponist Johannes Maria Staud macht zornig neue Opern.

Der Komponist Johannes Maria Staud über Politik und Oper, Kultursubventionen und Menschen mit Visionen.

Er will „den salzigen Finger tief in die Wunden bohren“ – und meint damit  die aktuelle rechtspopulistische Politik. Kommende Saison gibt es an der Staatsoper die Uraufführung von Stauds neuem Werk „Die Weiden“.

Die Symphonien Beethovens, Schuberts und Gustav Mahlers waren es, die beim achtjährigen Volksschüler Johannes Maria Staud den musikalischen Schöpfungstrieb auslösten. Nachahmen wollte er diese Klänge, und zwar gleich mit der Blockflöte. „Ich habe gedacht, Komponieren, das möchte ich auch, erinnert sich Staud, der heute mit seinen 43 Jahren zu den gefragtesten Tonsetzern seiner Generation zählt.

Er schreibt für die renommiertesten Orchester wie die Berliner, die Wiener Philharmoniker und das Cleveland Orchestra. Heinrich Schiff, Simon Rattle, Mariss Jansons, Franz Welser-Möst und Solisten wie die japanische Violin-Virtuosin Midori und der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard gaben bei ihm Werke in Auftrag.

Dass die Wiener Staatsoper im Dezember eine Oper von Staud zur Uraufführung bringt, geschah noch auf Anregung des ehemaligen Generalmusikdirektors Franz Welser-Möst. Der Chefdirigent des Cleveland Orchesters, das alljährlich Stipendien an junge Komponisten verleiht (Staud war einer davon), erkannte bereits vor zehn Jahren Stauds Potential. „Er hat eine eigene Stimme, seine Musik ist nichts Abgekupfertes. Und er kann sehr gut orchestrieren. Was Staud anfängt, klingt sofort. Die Balance zwischen Kopf und Herz stimmt. Und er schreibt sehr emotionale Musik“, erklärt Welser-Möst, der eine Vorstudie von Stauds Oper bereits im Jänner in Cleveland aufführte.

„Die Weiden“ heißt die Oper und erzählt auf der Basis von H. P. Lovecrafts gleichnamiger Horrorgeschichte die Story eines jungen Paares, das ein Land am Strom erkundet, aus dem die Familie der jungen Frau vertrieben wurde. Der deutsche Schriftsteller Durs Grünbein verfasste das Libretto.

Durs kommt aus Dresden, er hat das Pegida-Umfeld genau studiert“, erklärt Staud. Aktualität – auch nach der Wahl – war dem politischen Kopf Staud wichtig, der die Oper seine „Form des politischen Widerstands“ nennt. Die müsse „den salzigen Finger tief in die Wunden bohren und dennoch zeitlos bleiben und in 50 Jahren auch noch funktionieren“, erklärt er und nennt Verdis „Macbeth“ als Vorbild für seine dritte Oper.

„Ein Schlag ins Gesicht“

„Es ist nun wieder soweit: eine rechtspopulistische, ehemals christlich-soziale Partei koaliert mit einer rechtsradikalen Partei. Einer Partei, die im braunen Sumpf der ,Einzelfälle’ versinkt. Und das bei unserer Geschichte, unserer Vergangenheit – für jeden denkenden Menschen in diesem Land ein Schlag ins Gesicht. Das macht mich zornig“, sagt Staud. Dass sein politisches Ansinnen auf Kosten der Qualität der Kunst gehen kann, wehrt Staud ab, denn er werte nicht, wie es im linken Theater der Sechzigerjahre üblich war. Beim Komponieren könne er seine politische Wut in Musik umsetzen, erklärt er. „Die Menschen betäuben sich mit irgendwelchen Dingen, damit sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Ich nenne das eine Verkarpfung der Gesellschaft. Die macht mir Angst“, sagt er. Faschismus und „die bierselige Studentenverbindungsbude“ seien immer schon seine Feindbilder gewesen.

In einem SPÖ-nahen Elternhaus in Innsbruck aufgewachsen – seine Eltern waren Kreisky-Fans, sein Großvater ein Bildhauer – war er der erste Musiker der Familie, lernte Klavier, merkte aber bald, dass er kein Interpret war. Als Teenager durchlebte er „eine Phase als Rockmusiker. Dieser Exkurs war mir wichtig, nur eine wasserdichte Klassikerkarriere wäre nichts für mich gewesen.“ Musik war für ihn immer Freiraum, sagt er. Den fand er im Unterricht in Innsbruck nicht und studierte in Wien und Berlin. Rasant verlief seine Karriere, die mit Aufträgen für das Festival Klangspuren in Schwaz und das Konzerthaus begann. Als 2010 Pierre Boulez, das Idol seiner Jugend, ein Werk bestellte, war er „euphorisiert“.

Wir brauchen Visionen

Vom Komponieren zu leben sei nicht leicht, sagt er und verweist auf das Missverhältnis zwischen Kreativen und Interpreten. Die Abendgage eines Sängers entspräche oft dem Honorar für ein Werk, an dem ein Komponist Monate arbeitet. Von einer Krise der neuen Musik will er aber nichts hören. „Subventionen werden oft als Almosen angesehen, aber auch ich zahle Steuern. Und es gibt auch in diesem Land viele Menschen, die lieber ihr Steuergeld in unbequeme Kunst investiert sehen als in sinnbefreite Polizei-Reiterstaffeln. Eine Gesellschaft braucht Menschen, die Visionen bringen.“ Eben Menschen wie Johannes Maria Staud.

Johannes Maria Staud
Der Tiroler (Jahrgang 1947) ist einer der gefragtesten Komponisten seiner Generation. Im Dezember kommt Stauds neues Werk „Die Weiden“ an der Wiener Staatsoper zur Uraufführung,