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Kultur Zugabe
03/29/2019

Die Musik der Jugend strebt nach Sicherheit statt nach Rebellion

Rock-Musiker wollen ein Heim mit Balkon, Rapper nur das schnelle Geld. Der Neokonservativismus ist in den Charts angekommen.

von Brigitte Schokarth

„Ich würd gern mit dir in 'ner Altbauwohnung wohnen. Zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon.“ Das wünscht sich AnnenMayKantereit-Frontmann Hennig May in dem Song „Balkon“. Auch auf anderen Songs des Debütalbums der Kölner ging es um die Sehnsucht nach Glück in einer kleinen Welt, die sich selbst genügt und nicht um andere scheren will. Das Album stieg in Österreich auf Platz 1 der Charts ein.

Rapper Kontra K predigt, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Und RAF Camora und Bonez MC haben unlängst zwei Mal die Wiener Stadthalle ausverkauft – mit banalen Parolen über Rausch und Reichtum, bei denen Frauen Staffage zur gelegentlichen Benützung sind. Alles egoistisch, kapitalistisch, machohaft. Und mit der Welle des introspektiveren, aber ähnlich belanglosen Deutsch-Pop von Künstlern wie Mark Forster oder Philipp Poisel feiern brave, biedere Sounds unglaubliche Erfolge.

Spießig ist die Szene geworden, sagen Kritiker. Sie stammen aus der Generation, die mit den rebellischen Sounds der Rolling Stones oder den Protestsongs von Bob Dylan aufgewachsen sind. Wo sind heute Acts, die aufrütteln, etwas bewegen und die Gesellschaft oder die Musik verändern wollen?

Verschwunden,sagt Professor Michael Huber, Musiksoziologe an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien: „Früher war Popmusik eine gesellschaftskritische, progressive Stimme. Das Feindbild war das Establishment, der Kapitalismus. Mit einem sicheren Lebensplan konnte sich meine Generation mit anderen Denkhaltungen beschäftigen, was sich kulturell in Bewegungen wie den Hippies oder Punks äußerte. Heute leben wir in einer unsicheren Zeit: Aufrüstung ist wieder Thema, die Umwelt, schlechte Job- und Verdienst-Chancen selbst für Maturanten. Sachen wie die lange Diskussion um den Brexit geben das Gefühl der Planlosigkeit der Regierungen. Durch all das fühlen sich junge Leute überfordert und sehnen sich nach Sicherheit und Verlässlichkeit.“

So sieht Huber die Musik der Jugend als Spiegel der Zeit, nicht aber des politischen Rechtsrucks. Denn wegen des Überangebots an Songs, aber auch anderer Unterhaltungsmöglichkeiten im Internet, bauen Jugendliche keine Identifikation mit der Musik mehr  auf – weder mit ihren Inhalten noch mit ihren Stars.


„Meine Generation hatte nur die Musik, um sich abzugrenzen“, sagt er. „Da musste man das neue Stones-Album haben, um cool zu sein. Man hat stundenlang im Booklet gelesen und Texte analysiert. Heute hören alle online, haben keine Booklets und auch nicht die Zeit, sie zu lesen. Deshalb spricht man zwar über Pop, beschäftigt sich aber nicht  mit den Inhalten. Und man kann sich über Musik auch gar nicht mehr abgrenzen und cool sein. Denn es gibt 20 Millionen Tracks auf Spotify, die in Sekunden für jeden verfügbar sind. Dass einer etwas hat, was der andere nicht hat, ist  damit unmöglich. Deshalb, aber auch aufgrund des Darniederliegens von Bewertungskriterien wie Charts weiß  heute keiner mehr, was er hören soll, um Verbindlichkeit und Zugehörigkeit zu  finden.“


Insofern sieht Huber den Erfolg von RAF Camora & Bonez MC als Hype, der in einem Jahr vorbei ist – man geht hin, weil es alle tun, nicht wegen der Botschaften. Das Frauenbild wird dabei nicht gefeiert, es ist egal.
Außerdem: „Rock hatte auch frauenfeindliche Tendenzen. Man muss nur an Rolling-Stones-Songs denken. Im Rap war das auch so. Anfangs ging es mit Native Tongues Posse oder Public Enemy schon stark um gesellschaftsverändernde Inhalte und das Anprangern von sozialen Missständen. Aber die dominante Ideologie war wegen der starken Ausrichtung auf  Wettbewerb  sehr bald eine Macho-Haltung. Neu ist aber, dass das jetzt so ein großes Publikumssegment anspricht.“


Bedenklich findet Huber den Erfolg von Andreas Gabalier: „Das ist Erwachsenen-Pop mit einer sehr konservativen, wenn nicht reaktionären Grundhaltung. Ich weiß nicht, ob er das bewusst oder instinktiv macht, aber er schaut, was sind die tiefen Ressentiments der Leute, und bedient sie.“
Was hält Huber von der Rockband Frei.Wild, die laut Spiegel wie „der Soundtrack zum Parteiprogramm der AfD“ klingt und seit 2015 mit all ihren Alben die Spitzenplätze der Charts eroberte? „Da gibt die Politik  den Ton vor: Urplötzlich sagen Leute wie Trump das, was  früher ein Tabu war, das, was sich viele schon immer gedacht haben, aber nie   gesagt hätten. Weil die Stimmung in der Politik  so ist, ist es jetzt auch nicht mehr verwerflich, Frei.Wild gut zu finden.“