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Kultur Zugabe
05/24/2019

Billie Eilish: Die neue Authentizität

Die 17-Jährige Billie Eilish singt von Albträumen, Depressionen und unsensiblen Männern. Sie gestaltet ihre Videos entsprechend mit schwarzen Tränen oder Spinnen im Gesicht.

von Brigitte Schokarth

Ein Zimmer, drei mal drei Meter klein. Links vorm Fenster zwei Keyboards und ein Computer. Keine 50cm Abstand sind es von den Kanten der Instrumente zum Bett des Jugendzimmers im Haus der Baird-O’Connell-Familie in Highland Park,Los Angeles. Hier, auf dem Bett ihres Bruders Finneas, saß Billie Eilish, als sie mit dem vier Jahre älteren Baird-O’Connell-Sproß die Songs ihres Debüt-Albums „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ schrieb. Hier sang sie ihre Melodien, während er als Produzent den Computer bediente. Es machte die 17-Jährige zum Shooting-Star: Jedes ihrer Videos kommt auf hunderte Millionen YouTube-Views, sie hat 1,76 Millionen Twitter- und über 14 Millionen Instagram-Follower.

Mit gutem Grund: Eilishs Musik ist eine funkelnde, facettenreiche Mischung aus Indie-Pop und Hip-Hop, hier mit eine Brise Goth, dort mit jazzigem Piano gewürzt. Mal sind Songs auf verträumte Gitarren aufgebaut, mal auf atmosphärische, elektronische Beats. Eilish singt sinnlich wie Lana Del Rey oder agitiert wie Florence + The Machine von Albträumen, Teenagerängsten, der Liebe und Depressionen. Und das Beste daran: Jedem Song ist die Entstehung im Jugendzimmer anzuhören. Das ist kein glatt polierter Sound, zugeschnitten auf Radioformate, um Millionen zu machen. Das ist kein Industrie-Hype mit einer Marionette, die ein Produkt verkauft. Das ist intimes Teenagerleben in Töne gegossen, Talent in (noch) unverdorbener Reinkultur. Es geht unter die Haut.

„Was wir machen, ist roh und echt“, erklärt Eilish. „Wenn wir mit einem neuen Song aus diesem Schlafzimmer kommen, sind wir total stolz darauf. Ich glaube, das ist der Grund des Erfolges: Die Leute können hören, dass wir zu 100 Prozent dahinterstehen, dass es uns und niemanden sonst repräsentiert.“

Authentisch ist auch die optische Umsetzung, für die Eilish alleine verantwortlich ist – für ihre sportlichen, immer viel zu großen Outfits, für die blaue Mähne und vor allem für die morbiden Videos, in denen sich Eilish mit Spinnen im Gesicht oder dickem, schwarzen Tränenfluss zeigt. Es unterstützt perfekt die kantige Musik, die direkte Sprache und oft brutal abgehandelten Themen.

GegenreaktionDiese Direktheit hat der Amerikanerin aber auch schon die erste Gegenreaktion eingebracht. Ihren Song „Wish You Were Gay“ deutete die LGBT-Community als das „Fetischisieren und Benützen schwuler Männer, um den Mann zu bekommen, den sie will“.

„Es ist so klar, dass das keine Beleidigung ist“, erklärte Eilish im Interview mit Apple Music. „In dem Song geht es darum, wie man – wenn man jemanden mag, der das nicht erwidert – immer denkt: Warum, was ist da los? Liegt es daran, dass ich das und das gesagt habe, daran wie ich aussehe, was ich angehabt habe und so weiter. Die Idee hinter der Zeile ,I wish you were gay’ war: Wenn er schwul wäre, könnten diese Gedanken pausieren, denn dann hätte es nichts mit mir zu tun, sondern einzig und allein mit ihm.“

Die verhängnisvollen, bedrohlichen Untertöne mancher Songs kommen von Eilishs psychischen Problemen. Sie kämpft mit Depressionen und leidet am Tourette-Syndrom, das sich bei ihr mit unkontrolliertem Rollen der Augen äußert.

„Ich war immer schon eine sehr melancholische Person“, sagt sie. „Das hat meinen Leben kontrolliert. Es ist eigenartig, denn Leute, die von Natur aus fröhlich sind, können das nicht verstehen. Sie sagen: ,Warum bist du unglücklich, wenn du das und das hast?’“

Der Titel des Albums „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ kommt von Eilishs Fähigkeit, luzid zu träumen, aber auch häufigen Albträumen. „Wenn ich träume, bin ich mir bewusst, dass ich träume, kann die Träume auch steuern. Andere Nächte sind mit Horroträumen richtiggehender Terror. Und manchmal wache ich auf, und habe genau das geträumt, was am nächsten Tag passiert.“

Auch deshalb arbeitet sie so gerne mit ihrem Bruder. Ihm, sagt sie, brauche sie diesbezüglich nichts zu erklären. Und sie ist froh, mit der Musik ein Ventil für diese innere Unrast gefunden zu haben.

EifersüchtigZu verdanken haben Eilish und Finneas die Fähigkeit, all das künstlerisch auszudrücken, ihren Eltern. Maggie Baird und Patrick O’Connell waren Künstler. Nicht berühmt, nicht reich. Sie konnten sich und ihre Kinder mit Engagements in lokalen Theatergruppen, Komparsentätigkeit und Stimmsynchronisationen bis zur Rezession ganz gut versorgen. Danach besserte der Papa das Einkommen mit Tischlerarbeiten und Gelegenheitsjobs auf. Ihre Reitstunden musste sich Eilish mit der Mistgabel im Stall verdienen.

Aber sowohl sie als auch ihr Bruder gingen nicht in die Schule, wurden zu Hause unterrichtet. Das sieht sie als Basis dafür, dass sie ihr Talent entwickeln konnte: „Es gab mir die Chance, sehr früh zu erkennen, was ich machen will. Das ist anders, als wenn du mit all den Infos zugeschüttet wirst, von denen andere wollen, dass du sie lernst. Bei uns war der Fokus auf dem, was wir lernen wollten.“

Für die achtjährige Billie war das zunächst Chorsingen und das Tanzen, später Klavierspielen. Mit elf Jahren schrieb sie erste Songs – eifersüchtig auf den Bruder, der schon eine Band hatte. „Er war draußen, spielte Shows, wurde bejubelt und trat in TV-Shows auf. Er konnte all das machen, was ich liebte.“

Ein Schlüsselerlebnis für Eilish kam, als sie mit ihrer Patentante in New York in eine Broadway-Vorstellung des Musicals „Matilda“ ging. „Ich war dort total unglücklich. Ich dachte, was mache ich hier, Musicals sind mir scheißegal. Und dann – obwohl ich total dagegen war – verliebte ich mich in das, was ich sah. Und am Ende, als sich die Darsteller verbeugten und Standing Ovations bekamen, kullerten Tränen über meine Wangen, denn alles, was ich wollte, war auf der Bühne zu stehen und auch so einen Erfolg zu haben.“

Der sollte kommen, schneller als gedacht. Die Tanzlehrerin fragte sie, ob ihr Bruder einen Song für sie schreiben würde, zu dem sie eine Choreografie machen könnte. Finneas bot ihr „Ocean Eyes“ an, fand ohnehin, dass der in seiner Bandversion nicht gut klang und viel besser zur Stimme der Schwester passe. Im November 2015 stellten sie den Song auf Soundcloud: „Eigentlich nur, damit meine Tanzlehrerin ihn runterladen konnte. Aber er ging viral, und über Nacht begannen Tausende ihn zu teilen. Es war surreal.“

Das war aber erst der Anfang. Mittlerweile hat Eilish Bedenken wegen ihres Erfolges. Sie kann nicht mehr auf die Straße gehen, ohne von Fans belagert zu werden. In einem Interview mit Elle beklagte sie unlängst, Angst zu haben, Leute zu enttäuschen. Auf die Frage, wen sie enttäuschen könnte, sagte sie: „Hauptsächlich mich – eigentlich die ganze Welt.“

Eilish macht sich außerdem Sorgen, nicht mehr so für ihre Fans da sein zu können, wie sie es gerne wäre. Dafür sind es schon viel zu viele. „Ich war Justin-Bieber-Fan, richtig vernarrt in ihn“, erklärt sie. „Deshalb weiß ich, wie es ist, jemanden so extrem zu lieben, zu dem du keinen Kontakt haben kannst, der gar nicht weiß, dass du existierst. Ich hab so viel geweint, weil ich Bieber viel zu sehr liebte. Wenn mir jetzt Leute schreiben: ,Ich fühle für dich dasselbe, wie du für Justin Bieber’, denke ich: ,Oh nein, das tut mir leid, ich will niemanden in diese Position bringen. Denn das tut höllisch weh!’“

Vermutlich bekommt Eilish bald auch aus Österreich ähnliche Nachrichten. Am 15. August kommt sie im Rahmen der Sommertour zum FM4-Frequency Festival nach St Pölten, um sich hierzulande live vorzustellen. Nach dieser Tour will sie weiter an Songs arbeiten. Wieder mit Finneas und – auch wenn sie sich jetzt die teuersten Studios Hollywoods leisten könnte, und er gerade in eine eigene Wohnung gezogen ist – wieder in seinem drei mal drei Meter großen Jugendzimmer im Elternhaus in Highland Park. Denn auch mit nur 17 Jahren ist Eilish klug genug, zu wissen, dass eine dauerhafte Karriere davon abhängen wird, wie sehr sie mit dem nächsten Album bei sich bleiben kann: „Das Arbeiten in dem Zimmer funktioniert für uns. Warum soll man etwas reparieren, das nicht kaputt ist?“