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Kultur | Zugabe
05/24/2019

Autorin Sophie Reyer hat zwei Feinde: Feigheit und Müdigkeit

So fing es an: „Mein Bruder musste immer den Mund halten, und ich hab ihm alle Sätze vorgesagt. Es ging nicht anders.“

Man kann sich Sophie Reyer als kleines Mädchen vorstellen, das Freude daran findet, das Wort PARALLEL auszusprechen. Stundenlang konnte sie es wiederholen.

Par. All. Lala. Rap. Paralell. Prall alle ...

Und man kann sich Sophie Reyer jetzt als 34-jährige Wienerin vorstellen, die zwei Feinde hat: Feigheit und Müdigkeit.

Nein, Müdigkeit nicht mehr, das war vor einer Ewigkeit, als sie ... 25 war. Dass jemand müde ist, kann sie mittlerweile etwas besser verstehen. Aber Feigheit bleibt ihr Feind.

Als „Riesentalent“ hat sie sich verabschiedet, sie gehört nun in die erste Reihe der österreichischen Schriftstellerinnen.

So stand es heuer in der KURIER-Kritik ihres aktuellen Romans „Die Freiheit der Fische“.

Ihr Mut, in unverbrauchten Bildern Leid zu beschreiben, ist groß. Schwerer Autismus war zuletzt ihr Thema: Jakob wächst in einem Tiroler Bergdorf auf, wo niemand eine Ahnung hat, was Autismus bedeutet. Jakob ist gut mit Fischen. Er kann schlecht mit Menschen. Er streichelt den Kuchen, er streichelt das Brot ...

Er ist: Ein Loch ohne Ränder.

Er ist: Ein verlorenes, stummes A.

Sophie Reyer ist (so befürchtet sie): „ ... gar nichts wirklich und von allem viel ...“

Viel von Celan (so meint sie), von Mayröcker, Streeruwitz, Jelinek und viel von der französischen Schriftstellerin und Feministin Hélène Cixous.

„... und ich möchte gern einmal ganz Sophie Reyer geworden sein beim Schreiben.“

Par. All. Lala. Rap. Paralell. Prall alle – Sophie Reyer studierte parallel Germanistik und Komposition, zuletzt wurde im Konzerthaus „Die traurige Träne“ aufgeführt.

Sie hat eine fixe Professur an der Pädagogischen Hochschule Wien, wo sie Kreatives Schreiben unterrichtet.

Parallel lernt sie und lehrt sie.

Parallel lebt sie und schreibt sie.

Bisher wurden von ihr rund 25 Bücher veröffentlicht. Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Gedichte.

Bitte ein Gedicht!

(aus „Einer“)

... Einer hat meine Stöpsel gezogen

einer hat mir Knöpfe angenäht

einer ging unter mich wie ein Kind in Sonnenblumenfelder geht

um sich lachend zu verstecken

Einer blieb

und er nahm dem Zwang

die Pfeile und spießte sie mit Schaumröllchen auf

und zog ihm das Hemd aus und darunter war es ganz bunt

und einer ging mit dem nackten Zwang auf den Jahrmarkt

und bewarf ihn mit Gummibärchen bis der Zwang lächelte als wär nix

und einer lächelte mit

und blieb

im Hinterzimmer meiner Angst

und spielte da

für immer mit ihr

verstecken

Sophie Reyers Vater ist Psychotherapeut, er ist „sehr beeinflussend“ für ihre Arbeit., Burgschauspieler Walther Reyer, acht Jahre Salzburgs „Jedermann“, war ihr Großvater. Fotomodell Cordula Reyer, fotografiert von Annie Leibovitz und Helmut Newton, ist eine ihrer Tanten.

Sophie Reyer, bitte übernehmen Sie, schreiben Sie Ihr Porträt weiter:

„ ... Palle. Rar. Parle. Para. Laller ... Sprache hat mich von Anfang an unglaublich fasziniert. Ich ließ mir Wörter mir auf der Zunge zergehen, fand es witzig, bekam komische Bilder im Kopf. Später hab ich immer viel erfunden, zum Beispiel auch Theatertexte, beim Playmobil- und Barbiespielen mit meinem Bruder.

Er musste immer den Mund halten, und ich hab ihm alle Sätze vorgesagt, sodass meine Mutter schon geschimpft hat. Aber das ging nicht anders, ich hab damals schon sozusagen Theatertexte inszeniert mit dem Spielzeug, und weil mein Bruder jünger war, ging das.

Er war mein bester Schauspieler.

Er hat alles gemacht, was ich wollte.

Wichtig waren auch die Einschlafgeschichten meines Vaters, er erfand immer Fortsetzungs- Storys von der fliegenden Badewanne Aqua Nella, bei denen er selber einschlief, und das hat meine Freude am Fabulieren natürlich geschärft.

Auch die Orgel in der Kirche, auf der meine Oma immer gespielt hat, fand ich toll – die hab ich dann trotz des Verbots während der Predigt eines Priesters betätigt, weil ich schauen wollte, wie das ging – und der Sound hat mich beeindruckt!

Später habe ich also Komposition studiert, aber da auch immer wieder gehört, Frauen komponieren ja anders als Männer, weil sie ein anderes Hirn haben, und irgendwie hab ich mich da nach und nach selbst blockiert und beim Schreiben ausgetobt.

Ich hätte den Lehrern damals gern gesagt, dass man ja nicht mit dem Penis komponiert, aber dazu war ich viel zu schüchtern.

Richtig rotzig bin ich erst in späteren Jahren geworden. Seit das mit dem Komponieren so schwierig war, hab ich immer, wenn ich in einem Feld zuviel gemacht hab, versucht, mich durch andere Arten der Weltanschauung abzulenken. Ich bin also vom Komponieren weg zum Schreiben, vom Schreiben weiter zum Film, vom Film zum Zeichnen, vom Zeichnen in die Wissenschaft, von der Wissenschaft in die Lehre – und hab dann auch immer wieder alles parallel gemacht. So wurde mir nie langweilig. Außerdem hab ich bewusst Freunde gesucht, die ganz was anderes machen: Eine meiner besten Freundinnen ist Notfallschirurgin, die andere Shiatsu- Therapeutin, eine dritte ist Frisörin, eine weitere afrikanische Schamanin; und zwei sind „einfach nur“ Mütter. Dadurch ist mein Leben – abgesehen von den vielen Lesereisen, ich komme gerade aus Teheran zurück – immer spannend geblieben.“

Texte sind für Sophie Reyer immer auch Musik.

Bach ist ihr Lieblingskomponist.

Zu ihren Lieblingsbüchern gehören Josef Roths „Hiob“ und „Stiller“ von Max Frisch.

Wenn sie schreibt, braucht sie Stille, die Texte singen ja eh schon in ihr. Schildkröte Kasimir ist idealer Partner.

Nach schwierigen Themen gönnt sie sich etwas Süßes. Also immer