Thea Dorn

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Literatur
04/30/2016

Zuckende Froschschenkel treffen Nukleinbasen

Thea Dorn macht es uns im neuen Buch „Die Unglückseligen“ mit ihren Zebrafischen nicht ganz einfach.

von Peter Pisa

Der Tod ist eine Schweinerei. Vielleicht können uns die Schwanzlurche helfen, ihn hinauszuzögern.

Schwanzlurche regenerieren ihre verloren gegangenen Gliedmaßen – und Zebrafische: Denen kann man das Herz zu 40 Prozent zerstören – es erholt sich.

In "Die Unglückseligen" steht die deutsche Molekularbiologin Johanna in einem amerikanischen Labor und bemüht sich, Zebrafischgene in den menschlichen Stammbaum einzuschleusen.

Das ist heute gar nicht mehr so weit hergeholt.

So ein Zufall! Im Supermarkt der kleinen Ortschaft Dark Harbor ist ausgerechnet Johann Wilhelm Ritter als Lebensmittel-Einpacker angestellt.

Obwohl er am 23. Jänner 1810 in München starb.

Finger wächst

33 war der Physiker.

(Allwissende Feuilleton-Redakteure tun jetzt so, als hätten sie seine gesammelten Entdeckungen zur Elektrochemie immer unter dem Kopfpolster, jaja, der alte Ritter!) Er hat die UV-Strahlung entdeckte, war Freund von Brentano und wissenschaftlicher Partner von Goethe und Humboldt.

33 ist er jetzt noch immer. Johanna hält den ungepflegten Kerl zwar für einen Verrückten, aber sie wird es schon noch merken:

Er ist unsterblich.

Seht nur, er schneidet sich den kleinen Finger ab, und der Finger wächst nach.

Ritter findet das nicht so gut. Er würde lieber sterben. Und damit hat die deutsche Autorin – und Philosophin und TV-Moderatorin – Thea Dorn einen (faustischen) Stoff, mit dem sie schwer beeindrucken kann.

Auch der Teufel mischt sich ein.

Das ist ein Wissenschaftsroman, meistens ist er das, und vom Computer ausgewertete DNA-Fragmente mit der unüblichen Basenfolge GCAGCCCC ... prallen auf die Physik aus der Zeit der Romantik: als elektrische Experimente mit dem eigenen Augapfel gemacht wurden und galvanisierte Froschschenkel zuckten.

Thea Dorn hat auch sprachlich ausschöpfen wollen, was sich so Verschiedenes anbietet. Toll.

"Fleends zu unne’m Herrgodd um Gnood", sagt der schwäbische Pfarrer.

"Fuck !"

"Wohlauf! Noch getrunken den funkelnden Wein!"

"Have fun!"

Der Teufel sagt, sehr freundlich ist er: "Huch! Verehrte Leser! Da sind Sie ja! Ich hab Sie gar nicht bemerkt, verzeihen Sie!"

Wir sind eh immer da. Vielleicht nicht voll konzentriert bis zum Schluss. Aber stets voller Anerkennung für die gebotene Leistung. Ins Herz wird man diese "Unglückseligen" nicht schließen können.


Thea Dorn:
„Die Unglückseligen“
Knaus
Verlag.
560 Seiten.
25,70 Euro.

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