Kultur
05.12.2011

Ziegler: Hunger & Spekulationsbanditen

Die Eröffnungsrede, die der ein- und wieder ausgeladene Globalisierungs-Kritiker Jean Ziegler bei den Salzburger Festspielen nicht halten darf.

Sehr verehrte Damen und Herren!

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag, fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Derselbe World-Food-Report der FAO, der diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung ernähren könnte.
Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht.
Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Gestorben wird überall gleich. Ob in den somalischen Flüchtlingslagern, den Elendsvierteln von Karachi oder in den Slums von Dacca, der Todeskampf folgt immer denselben Etappen.
Bei unterernährten Kindern setzt der Zerfall nach wenigen Tagen ein. Der Körper braucht erst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Die Kinder werden lethargisch, dann immer dünner. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod.

Die Reichen

Wie zig-tausendfach in der Tragödie, die sich gegenwärtig in Ostafrika abspielt. In den Savannen, Wüsten, Bergen von Äthiopien, Dschibuti, Somalia und Tarkana (Nordkenia) sind 12 Millionen Menschen auf der Flucht. Seit fünf Jahren gibt es keine genügende Ernte mehr. Der Boden ist hart wie Beton. Neben den trockenen Wasserlöchern liegen verdurstete Zebu-Rinder, Ziegen, Kamele. Wer von den Frauen, Kindern, Männern noch Kraft hat, macht sich auf den Weg, in eines der vom UNO-Hochkommissariat eingerichteten Lager.
Zum Beispiel nach Dadaad in Kenia. Dort drängen sich seit drei Monaten über 400.000 Hungerflüchtlinge, die meisten aus Südsomalia, wo die mit El-Kaida verbundenen Chebab-Milizen wüten. Seit Juni treten täglich rund 1500 Neuankömmlinge aus dem Morgennebel. Platz im Lager gibt es schon lange nicht mehr. Das Tor im Stacheldrahtzaun ist geschlossen. Vor dem Tor machen die UNO-Beamten die Selektion: Nur noch ganz wenige - die eine Lebenschance haben - kommen herein.
Das Geld für die intravenöse therapeutische Sondernahrung - die ein Kleinkind, wenn es nicht zu sehr beschädigt ist, in zwölf Tagen zum Leben zurückbringt - fehlt.
Das Welternährungsprogramm, das die humanitäre Soforthilfe leisten sollte, verlangte für den Juli einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Millionen Euro. 62 kamen herein. Das Budget des World-Food-Programms war 2008 sechs Milliarden Dollar, 2011 nur noch 2,8 Milliarden.

Warum? Weil die reichen Geberländer - insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien - viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bank-Halunken bezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für Sofort- und Entwicklungshilfe blieb und bleibt praktisch kein Geld.
Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind Hedge-Funds und andere Groß-Spekulanten auf die Agrarrohstoffbörsen umgestiegen und treiben die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euro. Ihr Preis war genau die Hälfte im Jahr zuvor. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent.

Die Folge? Weder Äthiopien noch Somalia, Dschibuti oder Kenia konnten Nahrungsmittelvorräte anlegen - obschon die
Katastrophe seit fünf Jahren voraussehbar war.
Dazu kommt: Die Länder des Horns von Afrika sind von ihren Auslandschulden erdrückt.

Wunder

Für Infrastruktur-Investionen wie Bewässerung fehlt das Geld. Die Dürre tötet ungestört. Diesmal wird sie viele Zehntausende töten.
Die Verursacher Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.

Was ist mein Traum? Die Musik, das Theater, die Poesie transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen. Und plötzlich bricht die Defensiv-Mauer seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Staub und Asche. Ins Bewusstsein dringen die Realität, die sterbenden Kinder.
Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! - Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen.
Ich erwache. Mein Traum könnte wirklichkeitsfremder nicht sein!

Kapital ist immer und überall stärker als Kunst. "Unsterbliche gigantische Personen" nennt Noam Chomsky die Konzerne. 2010 haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8% des Weltbrutto-Sozialproduktes, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer - kontrolliert. Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist egal, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert es dieses nicht, wird er aus der Vorstands-Etage verjagt.
Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos. "L'art pour l'art" hat Théophile Gautier Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst schützt die Mächtigen vor ihren eigenen Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel.

Die Gegengewalt

Die Hoffnung liegt im Kampf der Völker der südlichen Hemisphäre, von Ägypten und Syrien bis Bolivien, und im geduldigen, mühsamen Aufbau der Radikal-Opposition in den westlichen Herrschaftsländern. Kurz: in der aktiven, unermüdlichen, solidarischen, demokratischen Organisation der revolutionären Gegengewalt. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.

Mutter Courage von Brecht erklärt diese Hoffnung ihren Kindern:
"Es kommt der Tag, da wird sich wenden / Das Blatt für uns, er ist nicht fern.
Da werden wir, das Volk, beenden / Den großen Krieg der großen Herrn.
Die Händler, mit all ihren Bütteln / Und ihrem Kriegs- und Totentanz
Sie wird auf ewig von sich schütteln /Die neue Welt des g'meinen Manns.
Es wird der Tag, doch wann er wird, /Hängt ab von mein und deinem Tun.
Drum wer mit uns noch nicht marschiert, /
Der mach' sich auf die Socken nun."

Ich danke Ihnen.

Jean Ziegler: "Das sind ja die Geldsäcke"

Mich hätte das Publikum fasziniert. Das sind ja die Geldsäcke, die dort sitzen. Die hätten eine halbe Stunde lang zuhören müssen, bei geschlossenen Türen, die hätten nicht weglaufen können."
So erklärte Jean Ziegler (77), weltberühmter Globalisierung-Kritiker und Kämpfer gegen den Hunger in der Welt, im April im ausführlichen KURIER-Interview, warum er sich über die Einladung von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller gefreut hatte, bei den Salzburger Festspielen die Eröffnungsrede zu halten.
Kurz vor dem Gespräch war er von derselben Gabi Burgstaller wieder ausgeladen worden - wegen angeblicher Nähe zu Libyens Diktator Muammar Gaddafi.
"Totaler Blödsinn", sagt Ziegler dazu, vielmehr hätten mit höchster Wahrscheinlichkeit Sponsoren der Festspiele interveniert.
Jetzt hält der deutsche Bürgerrechtler Joachim Gauck kommenden Donnerstag die Eröffnungsrede. Die Einladung zu einer Gegenveranstaltung der Grünen und der Jungk-Stiftung schlug der Schweizer Ex-Politiker und Autor (u. a. über die Holocaustgelder in der Schweiz), der nach wie vor für den UNO-Menschenrechtsbeirat tätig ist, aus.
Für den KURIER aber brachte Ziegler seine nicht gehaltene Rede über den Hunger und jene, die ihn aus seiner Sicht nicht bekämpfen, zu Papier.
(Andreas Schwarz)

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