Von der Uniformität eines Putztrupps zu Individuen in schrägen Karikatur-Trachten: ein Teil des „Zelt“-Ensembles, darunter – in der Mitte – Sebastian Wendelin, der ein letztes Mal glänzen darf

© Reinhard Werner/Burgtheater

Kultur
04/29/2019

"Zelt"-Uraufführung im Burgtheater: Hohle Hochleistungsschau

Herbert Fritsch bietet mit seiner Stückentwicklung „Zelt“ bloß eine harmlose Varieté-Show – aufwendig und ohne Worte

von Thomas Trenkler

Karin Bergmann hatte recht stolz verkündet, dass Herbert Fritsch dieses Mal nicht nur (wie beim „Eingebildeten Kranken“ und der „Komödie der Irrungen“) inszenieren, sondern ein Stück entwickeln werde. Am Samstag erlebte „Zelt“, so der schlichte Titel, seine Uraufführung im Burgtheater – als letzte Premiere der scheidenden Direktorin. Ob Bergmann sich aber wirklich mit einer solch nichtssagenden Hochglanzproduktion verabschieden wollte?

Die Szenenfolge, eigentlich ein paar in die Länge gezogene, nett garnierte Sketches, wird zwar von einem riesigen Ensemble in Perfektion dargeboten, aber Fritsch unterläuft jeden Anspruch.

Der deutsche Regisseur dürfte zudem etliche Anleihen genommen haben – nicht nur bei eigenen „Opern“ ohne Titel: Immer wieder muss man an die hinreißende Percussion-Show „Stomp“ denken, die mit dem Besentanz einer Putzkolonne beginnt.

Wisch und weg

Auf der Bühne der Burg wischt zunächst eine ebensolche – ganz bedächtig, beinahe in Zeitlupe. Individualität ist nicht gefragt: Die insgesamt 22 Figuren stecken in giftgrüner Arbeitskleidung, wahlweise Kittel oder Anzüge, am Rücken bestickt mit „AlleSauber GmbH“, sie tragen rote Schuhe und rote Kopfbedeckungen.

Synchron wringen sie die weißen Reibfetzen aus, sie zupfen an den Fingern der Gummihandschuhe – und nacheinander, im Takt, stellen sie ihre Plastikeimer ab. Oder sie klatschen die Fetzen auf den Boden. Oder sie summen kniend ein „Om“ in die Kübel, was dann schön verzerrt hallt. Oder sie stoppen auf ein nicht hörbares Kommando, nur ein junger Mann wischt weiter. Er erschrickt, fügt sich sogleich wieder in die Masse ein.

Mitunter aber wird die Uniformität durchbrochen: Einer der Besenstiele ist nicht rot, sondern grün. Hermann Scheidleder, auf Clown geschminkt, watschelt als Capo durch dieses Corps de ballet . Nach etwa 20 Minuten gehört ihm die riesige Bühne allein: Untermalt von schrägen Tönen, die Matthias Jakisic seitlich seiner E-Geige entlockt, zieht er ein Zelt aus der blauen Hülle und setzt es patschert zusammen. Mit dem Gestänge lässt sich natürlich jede Menge Schabernack treiben, zudem hantiert Scheidleder mit einem Greifer. Es braucht also viel Zeit, dann ist es vollbracht: Freudig wirft der Clown mit den roten Backen die Hülle in die kleine Stoffkuppel.

Widerborstig wippend

Doch als sei er der Zauberlehrling, der die Geister rief: Aus der Zeltöffnung fliegen 16 weitere Hüllen. Und 16 clowneske Figuren entsteigen: neun Püppchen in grotesken Dirndln, sieben Burschen in Karikatur-Tracht (von Bettina Helmi). Erneut hat das widerborstige, wippende Gestänge mit reichlich Geklapper bezwungen zu werden. Man muss den Nippel durch die Lasche ziehen, wie Mike Krüger sang. Und es herrscht Entzückung bei den Mannsbildern, wenn die Stange das Loch durchstößt.

Jetzt darf jeder Individuum sein. Und jedem gibt Fritsch die Gelegenheit für ein Solo. Sebastian Wendelin fällt beherzt von der Bühne, Markus Meyer versucht den Spagat, Simon Jensen begeistert mit Artistik und Stefanie Dvorak mit Grimassen.

Dann wird es Nacht im bunten Zeltdorf, der nächste Akt beginnt. Nun sind wieder alle im Einsatz, um stampfende „Musik“ zu machen, je elf ziehen an Akkordeons oder schlagen die Gitarrensaiten – und eine tut so als ob. Matthias Jakisic versucht zu dirigieren, Friedrich Rom drückt alle Register der Lichtorgel. Es folgen Chaos (wie bei Federico Fellinis „Orchesterprobe“) – und schließlich ein dämonisches Endbild.

Den Applaus nach 100 Minuten hat Fritsch gekonnt inszeniert: mit vielen kleinen Zugaben, sodass man nicht aufhören kann zu katschen. Das Ensemble, darunter Gäste wie Selina Graf oder Ruth Brauer-Kvam, gab schließlich alles. Und manche sah man vorerst zum letzten Mal. Denn deren Verträge wurden von Bergmanns Nachfolger nicht verlängert. Im Fall von Wendelin ist das ganz besonders unverständlich.