Wunderkind Alma Deutscher: Das Mädchen mit der Springschnur

Alma Deutscher
Foto: KURIER/Jeff Mangione  

Als Alma Deutscher drei Jahre alt war, begann sie Klavier zu spielen, später kam die Geige dazu. Mit sechs hatte sie ihre erste Klaviersonate komponiert, mit sieben die erste Oper. Heute ist Alma elf und kommt nach Wien, um ihre zweite Oper „Cinderella“ uraufzuführen. Ein Gespräch über die magische Quelle ihrer Ideen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Alma Deutscher ist keines dieser Klugschwätzerkinder, das Erwachsenen die Welt erklärt. Wenn man mit ihr spricht, strahlt sie über das ganze Gesicht. Man spürt, dass sie das, was sie tut,  gerne macht. Alma ist elf, spielt ausgezeichnet Geige und Klavier, und hat schon ihre  zweite Oper komponiert. Das macht sie zu dem, was man Wunderkind nennt.  Manche Medien haben ihr sogar den Namen „Mini-Mozart“ verpasst, was Almas Eltern, eine Englischlehrerin und ein Sprachwissenschaftler, stets zurückweisen. Sie wollen, dass Alma ihre Passion ausleben kann, aber nicht zu sehr unter Druck gerät.
In wenigen Wochen wird „Cinderella“, die zweite Oper, die das Mädchen geschrieben hat, in Wien uraufgeführt. Papa Guy ist mit Alma aus Oxford nach Wien gereist, um die Opernproben zu verfolgen. Alma will sich die Sänger ansehen, und, wenn nötig, ihre Musik noch  adaptieren. Doch vorher hat sie Zeit, für ein launiges Gespräch.

 
Du bist eine junge Komponistin und wohnst im Hotel Beethoven ... sehr passend, oder?

Das gefällt mir auch. Hier frühstücken wir aber nur, geschlafen habe ich im Hotel am Schubertring.   

Guy Deutscher: Und später haben wir ein Meeting im Café Mozart.

Von einem großen Musiker zum nächsten.

Wien ist die Stadt der Musik. Mozart, Schubert, Beethoven und Haydn ... es ist eine große Ehre, hier zu sein.

Jetzt hast du lauter Männer aufgezählt. Wenn man Interviews von dir liest, merkt man, wie wichtig es dir ist, die Stärke von Mädchen zu zeigen. Woher kommt das?  

Als Mozart gelebt hat, gab es seine Schwester Nannerl. Sie war auch Komponistin, weil sie sehr, sehr talentiert war. Aber sie musste zuhause bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Deshalb bin ich froh, dass ich heute lebe. Ich muss nicht zuhause bleiben und kochen, sondern darf komponieren.

Du bist zwar erst elf, hast aber ein unglaubliches Talent für Musik und schon zwei Opern geschrieben. Seither musst du immer wieder erklären, wie du das machst. Ist das denn nicht schwierig?  

Manchmal ist es das, weil ich ja selbst nicht weiß, woher die Melodien kommen. Ich mache das nicht bewusst. Meistens kommen sie, wenn ich mich entspanne oder in Momenten, wo ich gar nicht will, dass mir was einfällt. Plötzlich poppt etwas in meinem Kopf auf. Aber wenn ich will, dass mir was einfällt, kommt nie etwas.  

Außer du läufst mit deiner Springschnur im Garten rum, wie ich gelesen habe.

Ja, das stimmt. Dabei entspanne ich mich und die Springschnur gibt mir  Ideen.

Alma Deutscher Foto: KURIER/Jeff Mangione

Du warst einmal in der Talkshow von Ellen DeGeneres in den USA zu Gast und hast von ihr einen Korb Springschnüre geschenkt bekommen.  

Das stimmt, aber das Problem ist, dass es nicht dieselben sind wie meine und deshalb nicht funktionieren. Ihnen fehlen diese langen Quasten und sie glitzern und funkeln nicht. Da kommen auch keine Ideen. Es muss genau diese Springschnur sein.

Woher hast du sie?  

Meine Erste habe ich zum Geburtstag bekommen. Aber sie ist kaputt geworden, weil ich sie so oft verwendet habe. Dann haben wir im Internet eine Neue bestellt. Es ist aber immer dieselbe Art, seit ich sieben bin.  

Stimmt es, dass du dir auch ganz alleine ein Fantasieland ausgedacht hast?  

Ja, Transsilvanien. In meinem Land leben sehr viele Komponisten und Musiker. Sie haben sehr oft schöne Melodien, die ich dann von ihnen stehle.

Weißt du, dass Transsilvanien existiert  und nicht weit von Wien entfernt ist?

Das habe ich erst später erfahren. Als ich mir Transsilvanien ausgedacht habe, war ich drei Jahre alt. Ich habe es auch nicht Transylvania genannt, wie im Englischen, sondern Transsilvanien, wie im Deutschen.

Sehr mutig. Dort wohnt Dracula und der ist nicht gerade nett.

Guy Deutscher: Davon wusste Alma zum damaligen Zeitpunkt auch nichts.

Und deine Oper „Cinderella“? Sie wird am 29. Dezember in Wien uraufgeführt.

Wie weit bist du?

Ich beende gerade die Orchestrierung, weil ich die Oper ja für ein großes Orchester geschrieben habe. Wir haben sie zwar schon einmal  in Israel aufgeführt, aber das war nur eine Kammerproduktion. Seither habe ich weiter an der Musik gearbeitet. Sie ist jetzt länger und viel besser. Ich habe auch einige Szenen hinzugefügt. Derzeit proben wir mit den Sängern. Da sehe ich, ob bei den Stimmen alles sitzt. Sonst kann ich noch Änderungen vornehmen.

„Cinderella“ basiert auf dem Stoff von Aschenbrödel. Eigentlich sehr klug von dir, einen vorhandenen Stoff zu nehmen und ihn dann weiterzuentwickeln.

Ja, meine Cinderella-Story ist eine ganz eigene. Sie spielt in einem Opernhaus, das von der bösen Stiefmutter geleitet wird. Die Stiefschwestern sind zwei Primadonnen, die glauben, dass sie sehr talentiert sind, was aber nicht stimmt.

Und Cinderella?

Die ist Komponistin, ein bisschen wie ich. Sie muss Noten für das Orchester kopieren, wie es ihr die Stiefmutter befohlen hat. Beim langweiligsten Teil fällt ihr eine wunderschöne Melodie ein.  Diese Musik im Kopf werde bei der Aufführung dann ich auf der Geige spielen.  

Alma Deutscher Foto: KURIER/Jeff Mangione

Auffällig ist, dass du den romantischsten Teil des Märchens, wo der Prinz Cinderella den Schuh anzieht, gestrichen hast.

Das stimmt, aber bei mir findet der Prinz, der ja ein Dichter ist,  Cinderella über die Musik. Eines Tages findet Cinderella ein Gedicht des Prinzen, wobei sie nicht weiß, dass es von ihm stammt. Es inspiriert sie zu einem Lied, dass der Prinz auf dem großen Ball hört. Er weiß wiederum  nicht, dass Cinderella es komponiert hat.  Es ist alles ein Kuddelmuddel – mit einem schönen Happy End.

Magst du auch „Alice im Wunderland“? Ich muss immer an sie denken, wenn ich dich anschaue.

Ich habe die Geschichte gelesen, vor recht langer Zeit. Aber ich mochte sie sehr.  

Alma Deutscher Foto: KURIER/Jeff Mangione

Was liest du noch?

Ich habe die Biografien aller Komponisten gelesen, von Mozart bis Brahms. Sonst sind meine  liebsten Autoren Michael Ende, Philippa Pearce, Kästner ... da gibt es viele.  

Kästner war Deutscher. Sprichst du denn die Sprache?  

(spricht deutsch) Ich bin nur ein Anfänger, aber ich verstehe schon ein bisschen und weiß die wichtigsten Sachen: „Einmal Apfelsaft gespritzt bitte und Palatschinken mit Marmelade ... und eine Kugel Eis.“

Wärst du nicht lieber öfter mit Kindern zusammen als so oft mit Erwachsenen?  

Unterschiedlich. Ich mag beides. Mit Erwachsenen kann ich über andere Themen reden als mit Kindern. Mit Freunden klettere ich auf Bäume und bin ganz normal. Und überall, wo ich auf der Welt bin, gehe ich in eine Kletterschule. Wenn ich älter werde, möchte ich  im Belvedere eine Musikschule eröffnen. Zuallererst wollte ich das Schloss kaufen, aber dann hat jeder gesagt, das könnte ein bisschen teuer sein.  

Naja, du könntest Lotto spielen.

Genau. Ich habe mir auch überlegt, dass ich es mieten könnte. Dann bin ich die Chefin der Schule und freue mich darüber, wenn die Leute bei mir Privatstunden nehmen.

Du bist ein lustiges Mädchen. Wenn man sich deinen YouTube-Channel anhört, spielst oder komponierst du aber auch oft traurige Musik. Gefällt dir das denn?  

Ich mag traurige Töne. Keine Ahnung warum, weil ich ja ein lustiger Mensch bin. Es hängt von meiner Stimmung  ab. Vor einigen Jahren wollte ich mit meiner Schwester eine Oper schreiben. Aber sie hat mir nicht zugehört und die falschen Noten gesungen. Das hat mich wütend gemacht und ich habe ein wütendes Stück geschrieben.  

Streitet ihr euch oft?

Manchmal, aber meistens sind wir gute Freunde.   Meine Schwester ist acht und spielt Geige und Klavier. Sie beginnt nun auch Stücke zu schreiben. Ich helfe ihr beim Komponieren.

Kennst du dich eigentlich auch bei Pop-Musik aus?

Popmusik ist nicht die Art von Musik, die mir gefällt.

Okay, aber Justin Bieber sagt dir etwas?  

Nein, ich kenne ihn nicht.

Schaust du denn nie fern?  

Nein, ich lese Bücher, weil ich mir dann vorstellen kann, wie die Dinge aussehen. Fernsehen ist Zeitverschwendung.   

Und Smartphones, magst du die?

Ich habe  kein Telefon. Schau mal, das ist meine Springschnur.

Wow, echt schön. Glaubst du, mir fällt auch eine Oper ein, wenn ich damit herumspringe?

Vielleicht. Du kannst es ja mal probieren. Bei mir funktioniert’s.    

Okay, später. Welchen toten Komponisten würdest du denn am liebsten treffen, wenn das möglich wäre?  

Oh, das ist schwer. Vielleicht Mozart. Ich würde ihn fragen, wie er die 40. Symphonie oder das Requiem komponiert hat und in welcher Stimmung er beim Komponieren war. Ich würde aber auch gerne Schubert treffen.

Und Marxsen? Weißt du, dass ich ihn erst durch dich kennengelernt habe?

Oh ja, Marxsen. Ich habe diese Kinderbiografie über Brahms gelesen und da stand drinnen, dass er beim großen Marxsen studieren durfte.  Da habe ich beschlossen, ihn besser kennenzulernen und zu spielen. Ich habe meinem Vater davon erzählt, aber niemand wusste, wer Marxsen war. Schlussendlich hat mein Vater in Kalifornien jemanden gefunden, der über Marxsen Bescheid wusste und ich konnte seine Klaviersonate spielen.   

Warum machst du eigentlich immer die Augen zu, wenn du Geige spielst?  

Ich fühle die Musik. Ich fühle, wenn etwas lustig, glücklich oder traurig ist.  Dann kann ich die Musik besser spielen. Es geht um die Musikalität.

Du bist erst elf Jahre alt und so begabt. Das bringt mit sich, dass du sehr viele Komplimente kriegst. Weißt du, wie man damit umgeht?

Natürlich kriege ich gerne Komplimente, aber  Murray Perahia (Anm.: ein US-Pianist und Dirigent) hat zu mir gesagt: „Alle werden dir sagen, dass du großartig bist. Wenn du anfängst, ihnen zuzuhören, wirst du irgendwann selber denken: Ich bin großartig und vergisst dabei, wieviel du noch lernen musst.“

Gibt es denn außer Musikern noch Personen, denen du gerne mal begegnen würdest?

Ich habe einmal Stephen Hawking getroffen. Das Problem ist, dass die meisten Menschen, über die ich Biografien gelesen habe, nicht mehr leben – wie Isaac Newton oder Darwin. Das ist schwierig.

Und Hawking? War der nett?

Er ist wundervoll und liebt klassische Musik. Deshalb ist er zu einem Konzert von mir gekommen, das ich gegeben habe. Ich habe auch eine Geschichte  über schwarze Löcher geschrieben. Er hat ja schwarze Löcher entdeckt. Vielleicht kann ich ihm darüber später einmal ein paar Fragen stellen, wenn ich ihn wiedersehe.  

Es ist schwer für ein elfjähriges Mädchen, an die Zukunft zu denken. Aber wo willst du in zehn Jahren sein?

Ich möchte komponieren und eine Symphonie beendet haben. Ich schreibe derzeit auch ein Buch, das ich veröffentlichen will. Daraus soll ein Film werden, für den ich die Musik schreibe. Das ist eines meiner Zukunftsprojekte. Ein anderes darf ich nicht verraten.

Okay, das verstehe ich. Viele kleine Menschen wie du mögen keine klassische Musik, Alma. Was für eine Botschaft hast du denn für sie?  

Well, viele junge Leute denken, dass klassische Musik langweilig, schwer und kompliziert ist. Dabei ist die Musik so schön. Alle glauben, dass die Stücke von alten, dicken Männern geschrieben  wurden, die seit 200 Jahren tot sind. Wenn ein junges Mädchen wie ich diese Art von Musik schreibt, interessiert es sie vielleicht mehr und sie sehen, wie schön die Melodien und wie lieblich die Harmonien sind.   

Lass uns einen Aufruf starten.

Gut. Kommt bitte alle und schaut euch meine Oper an!

Alma Deutscher Foto: KURIER/Jeff Mangione

Alma Deutscher Foto: KURIER/Jeff Mangione

Süße Interviewpartner wie Alma, bekommen ein Geschenk: "Oh thank you,

I like it so much", sagt sie zu den Mozartkugeln in der Geigenverpackung

Das Wunderkind

Alma Deutscher
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Alma Deutscher, 11, wurde 2005 in Oxford geboren und  ist die Tochter eines Sprachwissenschaftlers und einer Englischlehrerin. Bereits im Alter von zwei Jahren soll sie die Bedeutung der Tasten auf dem Klavier erkannt haben, später lernte sie auch Geige und begann schon als kleines Kind zu komponieren: die erste Klaviersonate mit sechs, die erste Oper mit sieben. Seither reist sie mit ihrem Vater Guy um die ganze Welt, um ihr außergewöhnliches Talent unter Beweis zu stellen. „Ich mag zwar keine Flughäfen und Flugzeuge, aber ich bin gerne an unterschiedlichen Orten, um Konzerte zu geben“, sagt sie. Demnächst kommt Alma auch wieder nach Wien, um die Proben zu ihrer zweiten Oper „Cinderella“ zu verfolgen.  Sie hat eine achtjährige Schwester namens Helen.  In ihrem Musikzimmer hängt ein Bild von „Nannerl“ Mozart, „die eine talentierte Komponistin war.  Leider musste sie sich um den Haushalt kümmern, weil sie ein Mädchen war. Das muss ich zum Glück nicht.“ 

Dem Verein Oh!phera unter der Leitung von Cathrin Chytil ist es gelungen,  Alma Deutscher und ihre zweite Oper „Cinderella“ nach Wien zu holen. Termine: 29. und 30. Dezember 2016, 4.  und 5. Jänner 2017, Casino Baumgarten, Wien, Beginn: 19.00 Uhr.

Karten unter: www.oeticket.com;  Infos: www.ohpera.com & www.cinderella-in-wien.com

(Kurier freizeit am Samstag) Erstellt am
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