Mathias Enard kommt zur BuchWien

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Literatur
10/29/2016

Wo Teriyaki mit Opium handeln

"Kompass": Der Prix-Goncourt-Sieger Mathias Enard schenkt uns ein Packerl mit inspirierenden Geschichten über den Westen und den Orient

von Peter Pisa

Was wird auf der nächsten Seite stehen?

Dass in Homs der alte Dichter Dik-al-Dschinn lebte? Er war so eifersüchtig, dass er seine Freundin tötete und verbrannte und ihre Asche mit Tonerde mischte, um einen Becher zu formen, den Todesbecher. Daraus trank er Wein, Todeswein ...

Was steht auf der übernächsten Seite? Die Neugierde ist groß; hoffentlich ist sie groß. Dann ist "Kompass" goldrichtig. "Kompass" ist wenig Roman und sehr viel Essay und lässt sich wie ein Packerl, voll mit Geisteswissenschaften, öffnen.

Man braucht nicht zu fürchten, dass hier jemand mit seinem Wissen protzt. Es kommt einfach so. Ganz unaufdringlich ist es da. Haben Sie von der Abenteuerin Lady Ester Stanhope gehört? Von den Teriyaki, die mit Opium handeln?

Bisher bedeutete Teriyaki eine dicke Marinade aus Sojasauce und Zucker. Jetzt bedeutet das Wort auch: Drogenabhängige ...

Nussdorf–Aleppo

Der Franzose Mathias Enard – jahrelang lebte er in Damaskus, Beirut, Teheran, Wien kennt er auch gut, wie man im Buch erkennt, weil er weiß, dass der D-Wagen in Nussdorf Endstation hat – fangen wir noch einmal an: Mathias Enard hat für "Kompass" den Literaturpreis Prix Goncourt bekommen.

Nach der Verleihung sagte er, Ziel sei es, gegen das vereinfachte Bild eines muslimischen und feindlichen Morgenlands zu kämpfen.

Den Rahmen bildet eine Nacht im Leben des Musikwissenschaftlers Franz Ritter. Eine seiner letzten Nächte. Er stirbt. Krebs. Franz Ritter ist in Wien, was das Sterben nicht unbedingt einfacher macht. Aber die Stadt ist immer noch Tor in den Orient, zumindest verbindet die Donau, und darum geht es.

Er liegt wach im Bett und denkt an einen "happy place" – an mehrere Plätze sogar, Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra ... und seine große Liebe, eine im Laufe der Jahre berühmt gewordene Orientalistin, war meist dabei.

So gerät man zu den vielen Beispielen, als sich der Westen am Osten bediente bzw. inspirieren ließ er sich, Goethe, Balzac, Mozart, Liszt ... und schon ist man bei dem Kernsatz: "Die Welt braucht Vermischung."

Dazwischen lernt man Leichen fressende Ghule kennen, wobei die weiblichen Dämonen, die Ghula, nicht abgeneigt sind, mit Männern Sex zu haben. Falls jemand überlegt hat ...


Mathias Enard:
Kompass
Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller.
Verlag Hanser Berlin.
427 Seiten. 25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *****

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