Der Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem Haus in Hohenems

© Wolfgang Paterno / picturedesk.com

Essay
11/08/2020

Michael Köhlmeier: Gedanken zum Terror in Wien

Wie geht ein Denker mit einer Schreckens-Tat wie dem Terroranschlag von Wien um? Welche Rolle kommt der Religion zu? Wir luden Michael Köhlmeier ein, diesen Text für den KURIER zu verfassen.

Von Michael Köhlmeier

Da rennt einer in einem weißen Kittel durch die Gassen der Wiener Innenstadt, von oben mit dem Handy gefilmt, sieht er aus wie ein Figürchen in einem dieser unseligen Computerspiele, in denen digitale Massenmörder morden, darum wahrscheinlich der weiße Überwurf, damit ihn in der Nacht auch ja jeder sehen kann, er schießt um sich – und plötzlich ruft ein Mann: „Schleich di, du Oaschloch!“ Ein unheldischer Held? Unpathetisches Pathos? Ein Witz mitten im Grauen? Eine schiere Unmöglichkeit: ein Witz, der tröstet. Wo nichts gutgemacht werden kann. Als wären Pathos und Witz Schutzengel der Verzweiflung.

Dass wir uns an einem Witz aufrichten, scheint pietätlos angesichts der Tragödie. Aber was ist, wenn es keine Instanz mehr gibt, an die ich mich kniend wenden kann? Ja, wenn ich vermute, an eben so eine Instanz hat sich der Mörder gewandt? Ein Freund sagte einmal – ohne großes gedankliches Ausholen sagte er: Der Humor ist der liebe Gott des Atheisten. Ich fragte ihn irgendwann später, was er damit meinte. Er erinnerte sich leider nicht. Vielleicht: Der Humor bewegt sich auf einer Ebene, nur Gleiche lachen miteinander. Zwischen dem Gott und dem Menschen gibt es nichts zu lachen. Ich wüsste keine Stelle in den Evangelien, wo Jesus lacht. Mit dem Lachen warten wir lieber, bis sich der Himmel schließt und wir wieder unter uns sind.

Wir hüten uns vor dem Pathos, wehren uns dagegen, verachten es. Dafür gibt es Gründe. Mithilfe des Pathos verführen wir uns selbst. Das heißt, wir betrügen uns. Es ist doch so: Ein großes Leid, eine große Freude, die mir zustoßen, mir allein, die mich berühren, mich allein, sie bringen mich selten zum Weinen, und wenn doch, dann schmecken die Tränen anders.

Das Pathos schießt erst ein, wenn es um „etwas Größeres“ geht, „etwas Höheres“, das über mich hinausreicht; um etwas Allgemeines – wobei dieses Wort ein Platzhalter ist, je nach Gesinnung lassen sich „das Volk“, „die Nation“, „die Religionsgemeinschaft“, „die Rasse“, zuletzt gar „die Menschheit“ einsetzen (zum Beispiel, wenn wackere Männer aus Hollywood dieselbe retten).

Die Tränen, die das Pathos mir in die Augen treibt, sind nicht allein meine, meine darin sind bloß Tropfen in einem großen Strom. Pathos wischt, wenigstens für einen Augenblick, unsere kleine Individualität beiseite und lässt uns Teil von „etwas Größerem“, „etwas Höherem“ sein. Darin aber gehen Schmerz und Trauer unter. Als ob es etwas Höheres, Größeres gäbe als einen Menschen; etwas, für das es sich lohnt zu sterben. Die Geschichte, zumal die des 20. Jahrhunderts, lehrt uns, solcher Überindividualität zu misstrauen. Wofür es sich lohnt zu sterben, dafür lohnt es sich auch zu töten.

Trotzdem: Ich möchte nicht ohne einen Helden sein! Nicht, damit er mich erlöse – wovon auch? Es genügt, wenn er mir die zähe Allgegenwart des Guten vor Augen hält. Und wenn sich das Gute in einem Witz und obendrein in deftiger Sprache äußert – „Schleich di, du Oaschloch!“ –, dann darf ich weinen und zugleich lachen: Der Mörder hat es nicht zum Märtyrer geschafft, nicht einmal zum reindeutschen Arschloch.

Tragödie und Komödie sind aristokratische Sichtweisen auf die Welt, die Tragödie blickt von oben nach unten, die Komödie von unten nach oben. Die großen Tragödien und die großen Komödien wurden nicht in bürgerlich demokratischen Zeiten geschrieben. Die Tragikomödie dagegen gehört zu uns, sie spielt in unserer Gesellschaft in unserer Zeit. Charlie Chaplin, Donald Duck, bereits der liebe Augustin. Der Mensch ohne metaphysischen Hintergrund ist eine Witzfigur, und es ist eine nahezu ontologische Großtat, sich dafür nicht zu schämen, sondern darüber zu lachen. Unsere Helden sind Bürger. Sie lachen, wenn man sie kitzelt, sie weinen, wenn man sie sticht, und wenn man sie beleidigt, wollen sie sich rächen.

Nie hat uns ein Gott zu Tränen gerührt; und wenn doch, dann musste er erst herabsteigen vom Himmel und Mensch werden. Aber dem Gott als Menschen, dem trauen wir nicht. Wir meinen, der schnuppert nur, der tut nur so. Der ist ein Als-ob. Wir nageln ihn ans Kreuz, aber er stirbt nicht wirklich, er steht am dritten Tag wieder auf – das tun wir nachweislich nicht. Er blutet nicht, wenn wir ihn stechen und er lacht nicht, wenn wir ihn kitzeln. Zu einem Witz ist er nicht fähig. Seit es einen göttlichen Willen gibt, der uns vorschreibt, wie wir zu leben haben, was wir zu tun und zu lassen haben, sogar, was wir zu denken und zu fühlen haben, seitdem gibt es keinen Witz mehr im Himmel. Dort nämlich wohnt nur ein Gott, und der ist vielleicht groß, aber er hat nachweislich keinen Humor.

Zu einem Witz gehören immer zwei, einer, der ihn macht, und einer, der darüber lacht. Die homerischen Götter hatten Humor, aber denen waren wir wurscht. Sie haben uns nicht erschaffen, wir waren ihnen entweder Lustobjekt oder einfach nur lästig. Sie gaben sich nicht die Mühe, uns Vorschriften zu machen. Unser Leid rührte sie nicht. Zeus, Athene, Apoll hatten keine zehn Gebote in Stein gehauen. Sie straften uns nur, wenn wir uns an ihnen versündigten, und nicht, wenn wir uns gegenseitig etwas antaten. Im Gegenteil, dann haben sie zugeschaut und sich gekugelt vor Lachen, siehe: der Trojanische Krieg.

Wir sind aufgeklärte Menschen. Ich verwende diesen Begriff mit dem größten Respekt, zu dem ich fähig bin: Aufklärung. Ich muss sogar aufpassen, dass mein Atem nicht nach Weihrauch riecht, wenn ich dieses Wort ausspreche. Oh, das wäre peinlich! Als Gegenmittel möchte ich einmal mehr die berühmte Antwort von Immanuel Kant auf die Frage, was Aufklärung sei, zitieren:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Die Würde dieses Imperativs besteht darin, dass wir unsere Angelegenheiten – und zwar alle unsere Angelegenheiten – selber lösen sollen. Dass wir für nichts Menschliches einen Gott anzurufen brauchen. „Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun“, wird es hundert Jahre später in der Internationale heißen. Unsere zehn Gebote, das sind von nun an die Gesetze, die wir uns geben. Die sind nicht göttlich, nicht unfehlbar, und es sind weit mehr als zehn, sie müssen immer wieder überarbeitet werden; es ist ein ganzer Berufsstand nötig, um sie zu drehen und zu wenden, und nicht selten fallen Recht und Gerechtigkeit nicht in eins – aber: „Es ist besser, es geschehe dir Unrecht, als die Welt sei ohne Gesetz.“ Sagt Goethe in „Maximen und Reflexionen“.

Die Aufklärung hat ihre Wurzel in der Religionskritik. Das dürfen wir nicht vergessen. Auch dann nicht, wenn wir fürchten, von der falschen Seite Applaus zu bekommen. Um konkret zu werden: Kritik am Islam ist noch nicht automatisch ein antimuslimisches Ressentiment. Kritik im Sinn der Aufklärung ist nicht Hetze, niemals. Sie ist Arbeit an der Würde des Menschen. Es ist richtig und wahr, wenn aus dem Koran Stellen zitiert werden, die Grausamkeiten befürworten und zu Grausamkeiten aufrufen. Es gibt solche Stellen auch im Alten Testament, und wenn wir aufrechnen, wie bestialisch das Evangelium in der Welt verbreitet wurde, steht das Christentum in nichts nach.

Natürlich lassen sich in den Grundbüchern dieser Religionen auch gegenteilige Stellen finden. Aber ist es sinnvoll, Texte heranzuziehen, die 1400 Jahre und älter sind, um gegenwärtige Phänomene zu analysieren, zu rechtfertigen oder zu widerlegen?

In Europa sind – dank der Aufklärung – Religion und Politik getrennt, religiöse Überlegungen spielen in der Gesetzgebung keine Rolle – oder nur eine klandestine. Die Zeiten, in denen die Religion die Politik und damit die Gesetze bestimmte, sind längst vorbei, und es waren bei Gott keine guten Zeiten. Wenn sich heute jemand zum Kommunismus bekennt, darf er sich nicht nur auf die Theorien von Marx und Engels berufen, er muss sich auch die Frage gefallen lassen: Wie lebten die Menschen, dort wo der Kommunismus offizielle Staatsideologie war? Nicht erst die unbeschreiblichen Gräuel des Stalinismus geben darauf eine bitter klare Antwort.

Und ebenso muss sich ein Moslem, der von der Friedfertigkeit und Gerechtigkeit des Islam spricht, die Frage gefallen lassen: Wie leben die Menschen in den Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist? In Saudi-Arabien zum Beispiel. Sollen wir in Europa tatsächlich von einem Fortschritt sprechen, wenn den Frauen erlaubt wird, den Führerschein zu machen? Wenn zugleich ein junger Journalist wegen unbequemen Artikeln zu ich weiß nicht wie vielen Stockschlägen verurteilt wird? Wenn wir dies anklagen, ist das kein antiislamisches Ressentiment, es ist aufgeklärte Religionskritik. Wer uns, aus welchen Gründen immer, die Religionskritik madig machen will, der zielt auf das Herz der Aufklärung. Und wenn andere Hetzer nun gekrochen kommen und versuchen, mich zu vereinnahmen, sollen sie es halt versuchen.

Bundespräsident Van der Bellen sprach, wenngleich in anderem Zusammenhang, von der Eleganz unserer Verfassung, und wir haben uns gefragt, was meint er damit. Ich gebe mir selbst die Antwort: Es ist die Gleichgültigkeit unserer Gesetze. Das Wort nicht in der abwertenden umgangssprachlichen Bedeutung verwendet, sondern in seiner Wortwörtlichkeit. Wenn du böse Gedanken in deinem Herzen trägst, so ist das ganz allein deine Sache. Du darfst dir die schrecklichsten Dinge ausdenken, du darfst deiner Fantasie alles zumuten, es gibt keinen Gott, der in dein Herz schaut, dein Gewissen ist ganz allein deine Sache. Erst wenn du in die Öffentlichkeit trittst, in welcher Weise auch immer, unterstehst du dem Gesetz. Das Gesetz entscheidet, ob du Hetze betreibst oder nicht. Hetze ist verboten. Wenn du mordest, spielt es keine Rolle, ob du es für deinen rachsüchtigen Gott tust oder aus purer sadistischer Lust. Mord ist Mord.

Das Gesetz lässt beides gleich gelten. Es schützt dich und bedroht dich gleichermaßen. So geht es zu in einem säkularen Staat. Du darfst deinen Gott um Verzeihung bitten, dass du den österreichischen Gesetzen gehorchst und nicht der Scharia, du darfst, wenn es dich freut, dich über das Gesetz lustig machen – aber brechen darfst du es nicht.

Die Aufklärung hat dem Lachen eine neue Richtung gegeben. Unser Lachen ist nun nicht mehr nur subversiv. Wo hauptsächlich von unten nach oben gelacht wird, dort müssen wir Obacht geben. Dort ist unsere Freiheit, unsere aufgeklärte, demokratische Freiheit in Gefahr, entweder durch eine Obrigkeit oder durch unser eigenes Duckmäusertum, meistens durch beides. Durch die Aufklärung haben wird entdeckt, dass wir über uns selber lachen können. Und zugegeben, dieses Lachen ist bisweilen derb. Die Götter Griechenlands lachten über sich selbst, auf dem Olymp herrschte eine aufgeklärte heitere Atmosphäre. Das sprichwörtliche „homerische Gelächter“ war das Gelächter der Götter, es entsprach gewiss nicht unserer heutigen Vorstellung von Correctness, es galt zum Beispiel dem Gott Hephaistos, weil er humpelte.

Jemanden „Arschloch“ zu nennen, ist nicht fein und nicht korrekt – aber einem verdammten Attentäter zuzurufen „Schleich di, du Oaschloch!“, ist ein tröstlicher Witz inmitten einer Tragödie. Es hat uns verdammt gutgetan, davon zu hören!

Zur Person

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier studierte u. a. Germanistik, Philosophie und Mathematik. Er schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und tritt als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Manès-Sperber-Preis,  den Anton-Wildgans-Preis, sowie das Österr. Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt Köhlmeier heute in Hohenems/Vorarlberg und Wien.  
Er ist mit der Schriftstellerin Monika Helfer verheiratet

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