Thornton Wilder im Burgtheater: Ein goldenes Zeitalter – trotzdem
Familie Antrobus überlebt die Eiszeit: "Wir sind noch einmal davongekommen"
Man könnte den Abend in einem Satz zusammenfassen. Er lautet schlicht: Es geht weiter! Stefan Bachmann, der Direktor des Burgtheaters, braucht für die Hoffnung machende Botschaft allerdings drei Stunden. Weil er Thornton Wilders überbordende, reichlich absurde, auch etwas belehrende Menschheitskomödie „The Skin of Our Teeth“ fulminant mit viel Respekt, tiefem Ernst und noch mehr Witz umgesetzt hat. Ohne radikale Kürzungen, so nah wie möglich an der 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, uraufgeführten Vorlage.
Der deutsche Titel, das erleichtert geseufzte „Wir sind noch einmal davongekommen“, fällt bereits nach ein paar Minuten – und er verrät ohnedies alles. Damals war die Weltwirtschaftskrise gemeint gewesen, und seither sind weitere recht brenzlige Situationen hinzugekommen. Aber grundlegend hat sich nichts geändert: Die Menschheit meistert aufgrund des Prinzips Hoffnung die schlimmsten Katastrophen.
Ein Parforceritt
Wilders verspieltes Stück hat also keinen wahnsinnig spannenden Plot: Die Familie Antrobus – „anthropos“ bedeutet im Altgriechischen einfach „Mensch“ – durchlebt nacheinander, in einer Art Revue, die Eiszeit, die Sintflut und den Krieg. Es kommt also ganz auf das Wie an. Und Wilder macht sein Lehrstück, gespickt mit Verfremdungseffekten, hoch attraktiv. Unter anderem, weil das Publikum eine Komplizin auf der Bühne hat, die den Text – auf gut Wienerisch – „Oasch“ findet. Stefanie Reinsperger zuzuschauen und zuzuhören, wie sie mit ihrer Rolle als Sabina kämpft und aus dieser tritt, bereitet ein höllisches Vergnügen. Sie ist, wenngleich „nur“ das Hausmädchen, die treibende Kraft: Mit ihrer enthusiasmierenden Art nimmt sie alle mit auf diesen Parforceritt, der altphilologisch weniger Versierten Langmut abverlangt, wenn Homer die Irrfahrten des Odysseus im Original-Hexameter besingt.
Zudem hat Bachmann das Publikum schon mit dem Vorspann, einer auf den güldenen Eisernen Vorhang projizierten „Wochenschau“, abgeholt. Denn er gewann Bürgermeister Michael Ludwig für einen Cameo-Auftritt.
Fast alles, was im Haus Rang und Namen hat, wirkt in der grotesken Aneinanderreihung weltpolitischer wie lokaler Ereignisse mit: Norman Hacker, Maria Happel, Dörte Lyssewski, Martin Schwab, Markus Meyer, Jörg Ratjen und so weiter. Der letzte Beitrag – Thornton Wilder hat sich noch mit Dias beholfen – beschäftigt sich mit George Antrobus, dem Erfinder des Rads und des Alphabets: Nicholas Ofczarek darf als zivilisierter Mann mit durchblitzender Neandertaler-Vergangenheit in die Kamera lächeln. Zusammen mit der Familie – in der Gstettn der „Liliom“-Produktion.
Komödie mit Staubsauger in der Eiszeit: Caroline Peters und Stefanie Reinsperger
Der Vorhang hebt sich, und die ganze Bühne gehört Stefanie Reinsperger, die ja den patscherten Liliom spielt. Sie hantiert mit einem Staubsauger, der keinen Strom hat, und kommt aus dem Palavern nicht heraus. Sie serviert das Stichwort, sie serviert es nochmals, aber die Hausherrin, Mrs. Antrobus, erscheint nicht. Nils Strunk, der Ansager und Showmaster, eilt herbei, flüstert ihr ein paar Worte zu. Da platzt der Reinspergerin der Kragen: „Ich kann zu diesem Scheißstück keinen Text erfinden! Deswegen bin ich aus Berlin weg?“ Und zu Bachmann irgendwo: „Ich hasse meine Rolle, Stefan!“
Aber dann erscheint Caroline Peters doch: ähnlich aufgemascherlt wie Reinsperger – im goldgewirkten Kostüm, ob der eisigen Kälte in einen Pelzmantel gehüllt, aber mit nackten Beinen. Wie bei den „Flintstones“ gibt es Mammut und Dino als Haustiere. Ganz in Gold präsentieren sich auch die Kinder, der ultraböse Henry (Mehmet Ateşçi) und die schöntuende Gladys (Zeynep Buyraç à la Cher).
Die Weisen auf der Flucht – eine fulminante Rentnergang mit Elisabeth Augustin, Martin Reinke, Barbara Petritsch, Hans Dieter Knebel und Branko Samarovski – tragen silbrigen Glitzerfummel: Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki durfte sich nach Herzenslust austoben. Und Olaf Altmann steuerte ein gewaltiges Raumschiff in Stahlplattenoptik samt Panoramafenster sowie Damm bei.
Ein Rettungsanker
Alle Zeiten fließen in eins, daher ist Gladys auch Lilith – und Henry Kain. Dass er wieder jemanden erschlagen hat, bringt den Vater zur Verzweiflung: Es wäre besser, in der Eiszeit ausgelöscht zu werden. Doch dann erweist sich die Kunst (Schiller!) als rettende Kraft: Wie von Wilder verlangt, verscheucht Reinsperger Zuschauer, um mit dem Holz der brutal herausgerissenen Sesseln das rettende Feuer zu nähren.
Er motiviert sich zu Höchstleistungen: Nicholas Ofczarek als Mr. Antrobus
Nach der Pause folgen für die Akteure einige explizite „Arschlochszenen“. Weil es angesichts von Hedonismus und Krieg tatsächlich ans Eingemachte geht. Längst ist all das absurde Beiwerk vergessen: Die Dialoge zwischen Peters und Ofczarek beziehungsweise der Showdown zwischen Ofczarek und Ateşçi sind Glanzstücke der Schauspielkunst. Zum Heulen schön. Da spürt man trotz der Brüchigkeit: Es geht weiter!
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