"Zemlinsky" in der Josefstadt: Mehr Infoabend als Lebensdrama
Die Musik steht schief. Das schräg und quer aufgestellte Klavier da oben auf der Bühne bei Felix Mitterers „Zemlinsky“ im Theater in der Josefstadt ist ein schönes Bild für die erstaunliche tonale Abenteuerlust jener merkwürdigen Zeit, als Wien von Aufbruchsstimmung, von höchster Geisteskraft und Wagemut geprägt war.
Ja, Wien.
Zuvorderst in der Musik: Mahler, Schönberg, Berg zerhauten die stagnierende klassische Musik und setzten sie ganz neu zusammen. Das Wien der Jahrhundertwende war für eine schöne Minute das intellektuelle und künstlerische Zentrum der Welt.
Die Erfolgsgeschichten von damals – Freud, Klimt, Schiele – erzählt man bis heute auf lukrative Art. Wienerischer aber sind ja eigentlich immer die Geschichten, die nicht in Weltruhm münden. Vor allem dann, wenn diese im engsten Kreis jener passieren, deren Namen man bis heute noch kennt.
Auftritt Alexander Zemlinsky. Der war Teil des engsten Kreises um Arnold Schönberg, Alma Mahler, Franz Werfel, Richard Gerstl, den Hauptprotagonisten von damals. Stand als Komponist streng unter Genieverdacht. Und hat den Durchbruch nie geschafft.
Hochkarätig besetzt
Sein Leben ist eine Geschichte des Scheiterns, der Vertreibung, von Begehren und Tragik und einer späten Wiederentdeckung. Es hätte alle Ingredienzien für einen berührenden Theaterabend. Die Uraufführung blieb aber trotz eines ganzen Lebens, das das 20. Jahrhundert umschreibt, trotz Musik, reicher Kulisse und hochkarätigen Großensemble blass und leblos.
Zemlinsky ist als junger Mann bei Martin Vischer ein derart dauerbesserwissender Komponistenstreber, dass man sich müht mit jener Solidarisierung, die für eine emotionale Bindung nötig wäre. Das liegt weniger am Schauspieler als am Scherenschnittartigen, das sich über den ganzen Abend lang aus dem Bezwingungsversuchen des reichhaltigen Stoffes ergibt (Regie: Stephanie Mohr).
Man bekommt zugleich eine vertrackte Lebensstory, eine Einführung in die doch recht ausufernden Kulturstreits des Fin de Siècle (der sehr slicke Schönberg von Markus Kofler ist sehr stolz auf das legendäre „Watschenkonzert“) und die jüdische Vertreibung aus Europa. Das ist zu viel, und so hastet man von Szene zu Szene auch emotional nach.
In einzelnen Momenten wird spürbar, was hier möglich gewesen wäre. So etwa, als die in die USA vertriebenen Juden, darunter der vom ausbleibenden Erfolg bitter enttäuschte Zemlinsky, nach Amerikas Kriegseintritt in Lager gesperrt werden – und vorher per Gas entlaust.
Wie sich der weiße Nebel herabsenkt, wie sehr die sich Zusammenkauernden fürchten, dass es ein anderes Gas ist, zeigt das Ausmaß dessen, was hier eigentlich alles erzählt wird.
Günter Franzmeier ist ein renitenter älterer Zemlinsky, Martina Ebm seine übergeduldige Frau, die am Schluss seine Asche nach Wien tragen wird. Melanie Hackl spielt die jüngere Gattin, Ulli Maier gibt Alma Mahler, die am Ende Robert Joseph Bartl übernimmt, der vorher Franz Werfel spielte. Allein aus dieser Überfülle zeigt sich, dass der Auftragscharakter des Werks allzu sehr durchscheint, es ist mehr papierener Infoabend als Drama. Freundlicher Applaus.
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