Arbeitet an der Neuausstellung „Wien um 1900“: Hans-Peter Wipplinger (51) mit einer Skulptur von Max Klinger 

© Manfred Thumberger

Kultur
03/11/2019

Wipplinger übers Leopold Museum: „Wir stehen an der Spitze“

Hans-Peter Wipplinger, der Direktor des Leopold Museums, präsentiert Rekordzahlen und ab Mitte März die Schau „Wien um 1900“

von Thomas Trenkler

KURIER: Das Leopold Museum verzeichnete im 2018 trotz einmonatiger Schließzeit eine Steigerung der Besucherzahl von 380.000 auf 521.847 – ein neuer Rekord. Der Abstand zum Belvedere mit 1.592.748 Besuchern wurde trotzdem größer. Enttäuscht?

Hans-Peter Wipplinger: Nein. Wir vergleichen uns nicht mit den Bundesmuseen, weil wir als Privatstiftung mit weniger Subvention eine ganz andere Ausgangslage haben. Es gibt zum Beispiel keinen vom Kulturministerium finanzierten Gratiseintritt für junge Menschen bis 19 Jahre. Was letztendlich zählt: Wir erzielen pro Besucher im Schnitt 8,70 Euro Eintrittserlös. Das ist äußerst hoch. Daher gab es 2018 mit 6 Millionen Euro auch einen Einnahmenrekord – und eine neue Bestmarke beim Eigenfinanzierungsgrad. Dieser liegt nun bei 60 Prozent. Damit stehen wir an der Spitze der österreichischen Museen. Zudem gelang es uns, den Anteil der heimischen Besucher von 20 auf 31 Prozent zu steigern.

Wegen der Schau „WOW! The Heidi Horten Collection“, die auf knapp 360.000 Besucher kam?

Ja, sie löste mit den vielen Masterpieces tatsächlich einen Wow-Effekt aus. Und ich bin überzeugt, dass es kein Einmaleffekt war. Die Besucher werden wiederkommen, weil sie viel geboten bekamen, also nicht nur die Heidi Horten Collection, sondern parallel dazu die Schiele- und Klimt-Ausstellungen.

 

 

Ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Wir sind am oberen Anschlag. Viel mehr Frequenz verkraftet das Haus nicht. Es wurde in den späten 1990er-Jahren für rund 150.000 Besucher pro Jahr konzipiert und hat daher infrastrukturelle Begrenzungen, zum Beispiel nur zwei Lifte. Wenn wir uns bei 400.000 bis 500.000 Besucher jährlich einpendeln, bin ich mehr als glücklich.

Letztes Jahr standen die Künstler, die 1918 starben, im Zentrum. Nun folgen ein Expressionismus-Schwerpunkt – und eine Neuaufstellung von „Wien um 1900“. Worin unterscheidet sich diese Dauerausstellung, die am 15.3. eröffnet wird, von der bisherigen?

Die Neuaufstellung mit dem Untertitel „Aufbruch in die Moderne“ erstreckt sich über drei Etagen mit rund 1300 Exponaten, wir haben kleine bauliche Veränderungen vorgenommen, um neue Sichtachsen zu ermöglichen, und ergänzen unsere Sammlung um nationale wie internationale Dauerleihgaben. Wir setzen in der Markart-Zeit ein, gehen u. a. auf die Weltausstellung 1873, den Bau der prachtvollen Ringstraße und zugleich das Wachsen der Armenviertel ein, thematisieren den beginnenden Antisemitismus, den Ersten Weltkrieg und den Untergang der Monarchie. Im Zentrum steht naturgemäß der Aufbruch in die Moderne mit der Secessionsgründung und der darauf folgende Expressionismus. Wir betrachten die bildende und angewandte Kunst nicht isoliert, sondern im Wechselspiel etwa mit der Geistes- und Naturwissenschaft, mit Tanz, Theater oder Musik. Zahlreiche Verweise auf Persönlichkeiten wie Ernst Mach, Ludwig Wittgenstein, Sigmund Freud oder Arnold Schönberg werden mittels Archivmaterial integriert und eröffnen wichtige Zusammenhänge.

Das heißt: Das Leopold Museum macht die Dauerausstellung, die eigentlich das Wien Museum anbieten sollte?

Mein Ansinnen ist: Wenn man die spannende Zeit der Wiener Moderne verstehen will, dann ist das Leopold Museum der richtige und vielleicht sogar der einzige Ort. Es hat aufgrund des enzyklopädischen Ansatzes, den Rudolf Leopold beim Sammeln verfolgte, die Möglichkeit, die gesamte Bandbreite von Wien um 1900 zu zeigen. Es werden Objekte zu sehen sein, die wir noch nie gezeigt haben, darunter wunderbare Entwürfe von Kolo Moser und Josef Hoffmann. Zudem integrieren wir internationale Positionen wie Auguste Rodin, Franz von Stuck, Max Klinger oder Ferdinand Hodler. Zwischen ihnen und den Secessionisten gab es intensive Wechselbeziehungen und gegenseitige Beeinflussungen. In diesem Zusammenhang konnten wir übrigens etliche spannende Neuankäufe tätigen.

 

 

Die Kunsthalle Wien wird im Museumsquartier kaum wahrgenommen. Falls sie den Standort aufgibt: Wären Sie interessiert? Oder beschränken sich die Expansionspläne auf die gläserne „Libelle“, die derzeit auf dem Dach des Leopold Museums errichtet wird?

Meine Strategie ist, nicht lediglich in der Zeit um 1900 zu verharren, sondern den Brückenschlag in die Gegenwart zu praktizieren. Egon Schiele wurde schon mehrfach, auch vor meiner Zeit als Direktor, mit zeitgenössischen Künstlern von Tracey Emin bis Berlinde De Bruyckere konfrontiert. Ich habe deponiert, dass wir mehr Platz benötigen könnten – und das Potenzial hätten, das Kunsthallen-Gebäude mitzubespielen. Die Eigentümer-Situation im MQ ist leider sehr komplex. Es bräuchte eine große kulturpolitische Übereinkunft zwischen der Stadt Wien und dem Bund. Die sehe ich derzeit nicht. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

Was macht Ex-Kulturminister Josef Ostermayer, der Vorstandsvorsitzende?

Er unternimmt einen neuen Anlauf, die sogenannte „Sammlung II“ von Rudolf Leopold näher ans Haus zu binden. Das könnte man erreichen, wenn die Familie Leopold auch in Zukunft, nach dem potenziellen Ausscheiden von Elisabeth Leopold, im Stiftungsvorstand vertreten wäre. Ich unterstütze diesen Vorschlag generell. Das Museum trägt den Namen des Stifters – und es gibt noch viele bedeutende Werke in der Privatsammlung.

Sind in der letzten Zeit neue Fälle von Raubkunst aufgetaucht?

Die Provenienzforscher arbeiten kontinuierlich weiter. Die Klimt-Gemälde und seine Papierarbeiten sind abgeschlossen. Es gibt keinen neuen Fall. Was aber nicht heißt, dass auf dem einen oder anderen Blatt nicht ein dunkler Schatten liegen kann. Es gibt glücklicherweise keine aktuellen Belege für eine Entziehung oder einen Raub.

Sie wurden in die Kommission berufen, die bis zum Sommer Vorschläge für das Haus der Geschichte Österreich ausarbeiten soll. Wie das?

Ich bekam einen Anruf von Kulturminister Gernot Blümel – und finde es eine spannende Herausforderung, über den Standort und die Inhalte nachzudenken. Ich bin kein Historiker, aber ich weiß, wie man Ausstellungen konzipiert und inszeniert und wie man erfolgreiche Vermittlungsarbeit leistet.

 

 

Ihr Eindruck von der Dauerausstellung über 100 Jahre Republik?

Das Haus der Geschichte ist räumlich viel zu klein ausgefallen. Ursprünglich war von 3000 die Rede, die Ausstellung erstreckt sich nun über 700 . Kein Wunder also, dass sich die Informationen dicht aneinanderdrängen und einer stringenten Narration schwer zu folgen ist. Man muss das Haus der Geschichte auf jeden Fall entscheidend größer denken, um Perspektiven zu entwickeln, die dem Museum und dem wichtigen Thema der Geschichte Österreichs würdig sind.

Soll das Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg bleiben?

Es braucht mehr Präsentationsfläche, und das geht dort wohl nicht. Man muss daher an andere Standorte denken. Ob eine bestehende Architektur oder ein Neubau: Darüber diskutieren wir im Gremium. Die grundlegende Frage lautet jedoch: Welches Budget ist die Politik bereit zur Verfügung stellen? Ohne ein solches braucht man gar nicht beginnen nachzudenken.

Haus der Geschichte“ oder, wie Blümel vorschlug, „Haus der Republik“?

Ich finde „Haus der Republik“ zeitlich zu einschränkend. Denn man nimmt sich damit die Möglichkeit, die Entwicklungen hin zur Ersten Republik darzustellen.

 

 

Sie waren etliche Jahre Leiter der Kunsthalle Krems. Unmittelbar davor wurde nun die Landesgalerie Niederösterreich errichtet. Dieser verdrehte Kubus hat kaum senkrechte Hängeflächen. Ihr Kommentar?

Die Ausstellungsarchitekten werden viel Arbeit haben.