Wieso fragte niemand nach Marta Karlweis?

Honorarfrei…
Foto: /Verlag Das einzige Foto: Marta Karlweis

Ein österreichischer Don Juan: Ärger über Desinteresse nach dem Krieg

Wenn der Fiaker Wodicka, genannt Grafen-Toni, dem Baron Erewein von Raidt am 30. Jänner 1889 vor dem Wiener Jockeyklub zuraunt: Mord und Selbstmord des Kronprinzen in Mayerling ... dann bahnt sich ein höchst veritabler österreichischer Roman an, in dem der Herr Baron die Maderln und die Damen verführt und sie abserviert, bis die Monarchie tot ist.

Sein Herz blieb sowieso immer kalt.

Desinteresse

"Ein österreichischer Don Juan" war 1929 ein Bestseller, auch in New York wurde das Buch verlegt ("The Viennese Lover"), und danach ging es ihm und seiner Autorin Marta Karlweis wie den Schriftstellerkolleginnen Veza Canetti, Maria Lazar, Hermynia Zur Mühlen ... und ihren Werken.

Man verschwand unter der Naziherrschaft, und in der Nachkriegszeit herrschte großes Desinteresse, die Literatur der Vertriebenen wiederzuentdecken.

Marta Karlweis war jemand. Der Vater war ein erfolgreicher Theaterautor. Bruder Oskar war Schauspieler ("Die Drei von der Tankstelle" mit Harvey, Fritsch, Rühmann). Ihr Mann war der populäre Schriftsteller Jakob Wassermann ("Der Fall Maurizius"). Ihre eigenen Romane wurden wahrgenommen, rezensiert, gekauft. Sie verkehrte bei Schnitzler und im Salon der Berta Zuckerkandl.

Und heute, ärgert sich Germanist Johann Sonnleitner, heute hat die Universitätsbibliothek Wien nur zwei der acht Bücher Karlweis’, ebenso lückenhaft seien die Bestände der Österreichischen National- und der Wienbibliothek.

Literaturlexika wissen mit ihrem Namen nichts anzufangen.

Marta Karlweis literarisch zu rehabilitieren, diese Aufgabe fällt offensichtlich dem kleinen Wiener Verlag DVB (= Die vergessenen Bücher) zu. Gefördert vom Zukunftsfonds der Republik, erlebt "Ein österreichischer Don Juan" die Neuauflage.

Eine schöne Überraschung, weil diese Autorin kein Rohdiamant war, sondern ein längst geschliffener Edelstein, noch dazu bereits in Fassung gebracht.

Der Operettenstaat wird vorgeführt, der doppelte Boden wird aufgerissen. Der Verführer und Schuhfetischist ist ja eine Leser bringende Figur. Die Frauenporträts der Marta Karlweis aber sind noch besser. Man merkt, dass sie viel von Psychologie verstand.

Im Exil – zuerst in der Schweiz, dann in Kanada – nahm sie das in Wien unterbrochene Studium auf, unter anderem bei C.G. Jung, und bis zu ihrem Tod 1965 arbeitete sie als Psychoanalytikerin in Ottawa.

Marta Karlweis:
„Ein österreichischer Don Juan“
Herausgegeben von Johann Sonnleitner.
DVB Verlag.
270 Seiten.
17,90 Euro.

(kurier) Erstellt am
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