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Kultur
01/27/2020

Wiens Kultur ist zu teuer für die Pet Shop Boys

Das Duo spricht im KURIER-Interview über die Berlin-CD, den Brexit und wilde R&B-Partys im Tonstudio.

von Brigitte Schokarth

„Die Kunstszene bei euch ist hochinteressant.“ Neil Tennant, Sänger der Pet Shop Boys, freut sich, im Londoner Büro seiner Plattenfirma jemanden aus Wien zu treffen, und erzählt, was ihn und seinen Duo-Partner Chris Lowe mit der Stadt verbindet: „Wir haben uns tatsächlich einmal überlegt, dorthin zu ziehen. Aber die Preise für Wohnungen in Wien sind so stark gestiegen.“

Deshalb sind die beiden doch bei Berlin als zweite Heimat geblieben und haben der Spree-Metropole das eben erschienene Album „Hotspot“ gewidmet. Vor zehn Jahren haben sie dort eine Wohnung gekauft – wegen der Electronic-Szene, der Kunstgalerien und Antiquitäten-Läden und der Clubs in der Warschauer Straße. Jetzt verbringen sie rund zehn Wochen im Jahr in Berlin – vornehmlich im Sommer. „Man ist schnell an einem der Seen, es gibt viel Grün und viel Platz“, sagt Tennant. „Der Song ,You Are The One‘ handelt von einem perfekten Sonntag, wenn man nach Zehlendorf zum See fährt. Wir lieben außerdem den Tiergarten und das Café am Neuen See.“

 

Weil sie in Berlin oft mit der U1 fahren, haben Tennant und Lowe der Linie in dem Song „Will O’ The Wisp“ ein Denkmal gesetzt, auf einer Fahrt sogar im Zug Geräusche aufgenommen und in den Song eingebaut. Das hatten sie davor nur bei ihrem Erstlingshit „West End Girls“, einer Hommage an das Londoner Party-Viertel, in den 80er-Jahren gemacht.

Überhaupt kehrt das Duo mit „Hotspot“ wieder mehr zu den Sounds jener Zeit zurück. „Wir waren im Hansa Studio, wo David Bowie ,Heroes‘ aufgenommen hat“, erzählt Tennant. "Aber obwohl das für uns Briten immer eine große Sache ist, und wir uns immer gefragt haben, ob er wirklich vom Fenster aus die Berliner Mauer sehen konnte, ging es uns dabei nicht primär darum. Ich hatte 2014 im Hansa Studio für das deutsche Electronic-Duo Diamond Version den Song ,Were You There‘ eingesungen und gesehen, dass die dort viele analoge Synthesizer und alte Ausrüstung haben. Diesen Sound wollten wir auf diesem Album haben.“

Dass Berlin nicht mehr so lebenswert ist, wie es einmal war, weil die Gentrifizierung schnell voranschreitet, können die Pet Shop Boys nicht nachvollziehen: „Noch sind nicht alle kultigen Ecken, Lokale und Läden verschwunden“, sagt Lowe. „Offenbar sind die Mieten immer noch erschwinglich. Wir gehen dort nämlich immer in ein Restaurant, das köstliches Essen hat. Aber da ist außer uns nie jemand drinnen. Das geht nur mit günstiger Miete.“

Gemischt haben die Pet Shop BoysHotspot“ im „Record Plant“-Studio in Los Angeles – in einer Atmosphäre, die Tennant noch mehr faszinierte als die im Hansa Studio in Berlin: „Das ist mit all den Hip-Hop und R&B-Künstlern eine ganz eigene Szene. Die beginnen am späten Abend und feiern im Prinzip eine Party. Nebenbei nehmen sie dann einen Track auf. Wir kamen immer am Morgen an, haben die nie getroffen. Da war auch immer schon alles weggeräumt. Was sie nicht wussten, war, dass uns die Studioangestellten erzählten, was da alles weggeputzt wurde.“

Auch wenn sich der Albumtitel „Hotspot“ auf Berlin bezieht, handeln andere Songs des Albums von anderen Hotspots der Erde: Für „Dreamland“ stellte sich Textautor Tennant einen Syrer vor, der in seinem zerbombten Land sitzt. „Ich habe das  absichtlich nicht konkret so beschrieben“, erklärt er. „Wir haben auf der EP ,Agenda‘ Anfang vorigen Jahres vier dezidiert politische, teils sehr zynische Songs veröffentlicht. Wir sind Pop-Stars und wollten das als separate Sache behandeln. Auf diesem Album sind politische Referenzen deshalb nicht eindeutig. Man kann ,Dreamland‘ als Brite auch auf sein Land beziehen.“

Auf den Brexit also. Was  denkt  der ehemalige Geschichtsstudent Tennant über den Austritt seines Landes aus der EU? „Meine Erfahrung mit Geschichte hat gezeigt, dass Stabilität etwas ist, was man für garantiert hält, was aber genau die Gefahr ist. 1914, vor dem Ersten Weltkrieg, erschien Europa ziemlich stabil, war es aber nicht.  Abgesehen von  Wirtschaftskrisen hatten wir jetzt in Europa eine  sehr lange Periode der Stabilität. Das liegt natürlich nicht nur an der EU.  Sie hat aber geholfen, diese lange Periode ohne Kriege zu schaffen.  Um das zu verlassen und für drei Jahre lang die eigene Politik ausschließlich davon diktieren zu lassen, muss man sehr gut Gründe haben. Ich habe aber noch keinen Einzigen gehört!“

Auch wenn die Pet Shop Boys in der Electronic-Music-Szene Kultstatus haben, mit den  Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz wollen sie nicht Musik machen: „Ich stehe dieser Entwicklung sehr skeptisch gegenüber“, sagt Soundtüftler Lowe. „Wo bleibt der Spaß, wenn man auf einen Knopf drückt und dem Computer sagt, schreib einen Song? Ich habe im Gegenteil für ,Hotspot‘ Songs wie ,Burning The Heather‘, zu dem mir Neil den Text geschickt hatte, ausschließlich am Klavier geschrieben.“

 

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