Kultur
25.05.2017

Wiener Festwochen: Ich sag’ Disco, ihr sagt Party

Und der Festwochen-Chef sagt "Hyperreality": Der Club als Utopieraum im Schloss Neugebäude.

Kennen Sie den Witz über die Probleme des mitteljungen intellektuellen Paares bei der Abendplanung?

Er sagt: "Wollen wir mal wieder ausgehen?", sie antwortet: "Ja, wovon?"

Bei den Wiener Festwochen kann man beide Seiten der Pointe erleben: Ausgehen, und beim Ausgehen davon ausgehen, dass es im Club ein ordentliches Maß an intellektuellem Überbau gibt.

Bloß keine Angst vor sinnlosem Vergnügen!

Die elektronische Musik ist, und es ist ein immens wichtiges Statement, dass die Festwochen dies ans Kulturpublikum herantragen, ein Utopieträger. Der Laptop ist längst das weitest verbreitete Instrument und der große Gleichmacher der Musik: Noch mehr als die Synthesizern vergangener Tage ebnet der Computer so gut wie jedem Interessierten den Weg zur Musik. Und für das Publikum birgt der Club ein fast paradiesisches, zumindest jedoch Hoffnung stiftendes Versprechen: Im lichtdurchblitzten Halbdunkel des Tanzbodens, im Dröhnen der Beats sind alle gleich.

Die wichtigsten populärmusikalischen Strömungen der vergangenen 40 Jahre, Disco, Hip-Hop, House (und in Folge Techno), sind ursprünglich Minderheitenmusiken, ihr Siegeszug war (auch) ein sozialpolitischer Meilenstein.

Herrschaftsraum

Nun also ist dieser kulturelle Ausnahmestatus der elektronischen Musik bei den Festwochen angekommen – und der utopische Gedanke des Gleichseins in einem ehemaligen Herrschaftsraum: Mit Autos, Fahrrädern, Bussen und insgesamt etwas überausgerüstet (wie bei einer Fern- oder Studienreise), eroberte das städtische Intellektuellenpublikum am Mittwochabend erstmals für die Programmschiene "Hyperreality" das Schloss Neugebäude in Wien-Simmering. Im ehemaligen, schon im Bauprozess nicht so richtig in Schwung gekommenen kaiserlichen Lustschloss läuft noch bis Sonntag das Clubkultur-Festival im Festival.

Und so grummelte und knarzte, ziepte und brummte es zum Auftakt ordentlich in den nur teilsanierten und discohaft beleuchteten Hallen; und man kann davon ausgehen, dass die Tanzbarkeit nicht die oberste Prämisse einiger der Acts war. Zum Auftakt gab es vielmehr, in Zeiten der Ent-Industrialisierung schon ordentlich historisch anmutend, einen Rückblick auf die Sounds von Industrial und Goth, also auf die düsteren frühen, u.a. von den Klängen der Großindustrie inspirierten Ausformungen elektronischer Musik.

Laptopmusikern Holly Herndon jagte ihren Chor durch die weitestentfernten Stile, auf dem Weg zum Ost- und Westsaal im weitläufigen Schloss huschte ein Igel zwischen die Mülltonnen. Und ja, man durfte auch tanzen, etwa bei Jlin oder dem Labelshowcase von Príncipe.