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Festwochen: Die Heilige Messe mit Alice Diop

Die französische Filmregisseurin Alice Diop und ihr erster Theaterabend "Le Voyage de la Vénus Noire".
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Schwarze Frauen in der Kunstgeschichte muss man mit der Lupe suchen. Das tut die Erzählerin von Alice Diops Abend "Le Voyage de la Vénus Noire", uraufgeführt im November 2025 beim Festival d’Automne à Paris und nun bei den Wiener Festwochen zu sehen, mitunter: In den Ecken und Rändern sucht sie Bilder nach schwarzen Frauen ab und findet dort allerhand, nur keine schwarzen Frauen. 

Oder aber sie muss zugeben: Bei einem wie Hieronymus Bosch erkennt man nicht wirklich, was er da gemalt hat. Einer der wenigen Momente, die einen an diesem ansonsten sakral anmutenden Abend zum Schmunzeln bringen. 

Die französische Filmregisseurin Alice Diop, die für ihren ersten Spielfilm „Saint Omer“ mit dem Silbernen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet wurde, stützt ihre erste Theaterarbeit auf Texte der Poetin Robin Coste Lewis. In ihrem Gedichtband „Die Reise der Schwarzen Venus“ führt die Kalifornierin vom antiken Rom und Griechenland über das Mittelalter, die Kolonial- und Postkolonialzeit bis in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und schließlich die Gegenwart. Schwarze Frauenkörper kamen dabei als Gebrauchsgegenstände vor: Sie verzierten Möbel, Bilderrahmen und dekorierten Kunstobjekte. Vor, während und nach der Sklaverei. 

Als eigenständige Kunstwerke kamen sie so gut wie nicht vor, und wenn, hatten die Kunstwerke keine Titel. Eine Ausnahme ist etwa die sogenannte Schwarze Venus aus dem 17. Jahrhundert, eine Skulptur, die dem Bildhauer Barthélemy Prieur zugeschrieben wird. 

Eine schwarze Venus ist es auch, die die Icherzählerin als Kapitänin eines unsichtbaren Schiffs hier durch die Kunstgeschichte führt. Mit dabei auf dem Schiff: Millionen kaputter Frauenstatuetten. Kunst, erkennt die Erzählerin, ist eine „Propagandamaschine“, die Schönheit eine „Doppelagentin“ und das „größte ideologische Gebiet“. 

Alice Diops Vortrag hat etwas Feierliches, beinahe Sakrales. Mit klarer, getragener Stimme liest sie auf Französisch, es gibt deutsche und englische Übertitel. In der Ankündigung heißt es, Diops schaffe Bilder und das gelingt ihr tatsächlich allein durch die Sprache. Diops alleiniges Accessoire auf der ansonsten komplett verdunkelten Bühne ist ein mit Büchern bedeckter Schreibtisch. Die Lichtregie schafft Atmosphäre und Drama. 

Musik gibt es zur Halbzeit: Cello, Oboe. Einmal steht sie auf, dreht sich zur Seite, trinkt Wasser. Der Text endet mit diesen Zeilen: „Bitte, setz dich hier her und lies mir vor.“

Bewegend ist dieser mit einer guten Stunde gerade richtig lange Abend für die einen, eine Spur zu heilig für die anderen. 

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