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„A Day before“ bei den Festwochen: Furioses Manifest gegen Gewalt

Brigitta Muntendorf hat eine Gabe, Klangwelten zu schaffen: Sie holt in ihrem Auftragswerk den Krieg ins Odeon.
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Im ersten Jahr seiner Intendanz initiierte Milo Rau die „Akademie der Zweiten Moderne“, die sich für Diversität und Gleichstellung im Klassikbetrieb einsetzt. Mit einem Auftragswerk an Brigitta Muntendorf, Leiterin des Instituts für Neue Musik in Köln und Intendantin der Festspiele Herrenhausen (den Co-Produzenten ihres Werks) zeigt er, dass sich diese Initiative lohnt. Denn diese Komponistin hat eine Gabe, Klangwelten zu schaffen.

Das zeigt auch ihr Stück „The Day Before“. Der Saal im Odeon ist dafür zur Tanzfläche umfunktioniert, Metallgerüste rahmen diese ein. Techno-Sound vermittelt eine Art Clubbing-Atmosphäre. Das Publikum tanzt. Jäh geht die Party-Musik in live geschlagene Rhythmen über. Die Musiker sind auf und unter Gerüsten platziert. Sie lassen die Musik zur Kulisse werden. Auf Videowänden sind zwei Darstellerinnen zu sehen. Eindringlich deklamieren sie Sätze aus Simone Weils Essay „Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt“.

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Rosa Montero hat Auszüge daraus mit Szenen aus Homers „Ilias“, Erzählungen von Kriegsgräueln aus verschiedenen Epochen und Terror zu einem knappen Libretto verwoben. Christiane Jatahy fügt in ihrer Inszenierung Text, Musik und Live-Erlebnis zu einem begehbaren Kunstwerk. Als Bindeglied fungieren Zitate von Weil und Tschechows Diktum „Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert“.

Berührende Erzählung

Subtil schwingt die Warnung vor dem Aufrüsten mit. Zu Tränen rührt die Erzählung vom Terroranschlag auf die Pariser Konzerthalle Bataclan. Man spürt die Beklemmung eines Menschen, der einem Attentäter direkt in die Augen blickt und so mit dem Leben davonkommt. Wie gewaltfreier Widerstand möglich ist, demonstriert Sofia Jernberg subtil in einer der eindrücklichsten Szenen mit einem Musiker, der sich ihr erst mit einer Trommel, dann mit Berimbau (brasilianisches Instrument) gegenüberstellt. Man kann alles nah verfolgen oder auf Distanz über die Projektionen. An Intensität geht da wie dort nichts verloren. Das liegt nicht zuletzt an den Darstellerinnen. Sofia Jernberg ist eine virtuose Vokalkünstlerin, die keine Grenzen kennt. Margaux Marielle-Trehoüart führt sublim durch die Facetten des Kriegs.

Fulminant agieren Les Percussions de Strasbourg, überaus berührend der Landesjugendchor Wien. Der Ausklang mit „Let the Sunshine in“ ist diskussionswürdig, aber das ist der einzige Einwand gegen dieses bejubelte Manifest gegen den Krieg.

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