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„Das beste Stück aller Zeiten“: Durch den Fleischwolf gedreht

Milo Rau startete mit einer Revue zum 75-Jahr-Jubiläum der Wiener Festwochen, die alles sein will und doch so gut wie nichts ist
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Das beste Stück aller Zeiten ist „Das beste Stück aller Zeiten“ natürlich nicht. Aber was ist es dann, was Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen im dritten Jahr, zur inoffiziellen Eröffnung des Festivals am Freitag in der Halle E des Museumsquartiers ablieferte? Eine Bringschuld, weil das 75-Jahr-Jubiläum gebührend gefeiert zu werden hat?

Oder eine Werbeveranstaltung für das, was in den nächsten fünf Wochen unter der Verheißung „Republic of Gods“ abgehen wird? Denn eine reine Festwochen-Selbstbeweihräucherung wollte der Schweizer sicher nicht zur „Welturaufführung“ (die jenseits der Stadtgrenze kaum jemanden interessieren dürfte) bringen. Mithin strebte er nach Höherem, einer Stückentwicklung aus dem Geist der Revue, garniert mit der Genesis, aber abgewandelt, denn am Anfang sei nicht das Wort gewesen, sondern die Stille. Jedenfalls zu Beginn eines Theaterabends.

Ins Programm ließ Milo Rau schreiben, dass sein „Bestes Stück aller Zeiten“ eine „vielstimmige, so schöne wie schockierende“ Symphonie sei. In der nachfolgenden Chronologie (ab der „Entstehung der Erde aus einer Urwolke“) werden ein paar Daten geliefert und wichtige Namen genannt, Peter Brook zum Beispiel, Claus Peymann, Peter Zadek, George Tabori, Luc Bondy, Christoph Schlingensief und René Pollesch. (Vier von ihnen erscheinen zusammen mit der Quotenfrau Elfriede Jelinek als „Ikonen“ im Wortsinn auf der Bühne.) Ein einziger Name wird gleich mit drei Produktionen genannt. Natürlich Milo Rau. Der von der Kulturpolitik gottgleich verehrte Mann hat keinen Genierer.

Eine Eisenstange fällt um

Aber er ist eben ein echter Schelm. Anders als im Programmheft angegeben, bildet nicht „Die Stunde der wahren Empfindung“ von Peter Handke das Grundgerüst für den Rückblick, sondern dessen 1992 im Burgtheater uraufgeführte Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Dieses besteht ausschließlich aus Szenenanweisungen für einen Platz im hellen Licht. Rau hat querbeet ein paar Sätze entnommen: Ein Mädchen darf sie vom Blatt lesen, parallel dazu erwachen sie auf der Bühne zu Leben. Ein Matrose schlendert vorbei, eine Eisenstange fällt um und so weiter.

Als Darsteller fungieren auch Laien, eigentlich Menschen mit Festwochen-Erinnerungen, ähnlich bunt zusammengewürfelt wie die Figuren bei Handke, die zunächst nichts voneinander wussten, aber dann doch Teil eines Ganzen werden. Sie erzählen zum Beispiel, dass sie sich einst bei einer Aufführung des „Deutschen Requiems“ kennengelernt haben. Das wirkt – wenngleich die Geschichte dieses Paares berührt – unbeholfen. Weil sie eben keine Schauspieler sind, sondern bestenfalls Statisten in der Burg oder bei den Salzburger Festspielen.

Ähnlich zur Festwochen-Produktion „100 Prozent Wien“ von Rimini Protokoll im Jahr 2010 dürfte das 20-köpfige Ensemble (plus zwei Babys) nach demografischen Aspekten rekrutiert worden sein: Die Menschen kommen aus Polen, Indien, Usbekistan oder Ex-Jugoslawien, sie sitzen im Rollstuhl, sind Muslime und/oder schwul ... Auch ein Sexarbeiter aus Bayern stellt sich vor: „Dein Arsch ist mein Arbeitsplatz.“ Stolz kündigt er sein bestes Stück an, dann strippt er, legt sich hin – und tut so, als würde er sich in den Mund pinkeln. Das erinnert an Gelatin mit ihrem „Arc de Triomphe“, aber der musste in Salzburg eingehaust werden und hat nichts mit den Festwochen zu tun.

Wir sind nun bei Werner Schwab und Florentina Holzinger angelangt. Dem Bayern wird ratzfatz (wie bei Wilhelm Busch die Finger) die Wurst abgeschnitten, das Prachtstück landet auf dem Griller und eine Performerin, die bei „Wir Hunde“ von Signa mitgewirkt hatte, verspeist sie. Rau haut alles in den Fleischwolf, es gibt auch KI-Fake-Interviews mit Tabori und Pollesch, als Höhepunkt wird das Porträt eines Heiligen mit roter Farbe bespritzt.

Im Hintergrund steht der Nachbau des Schlingensief-Containers „Ausländer raus“ aus dem Jahr 2000. Ohne Erklärung der einstigen Hintergründe, aus Raus purer Lust an der Provokation, ist er mit dem SS-Spruch „Unsere Ehre heißt Treue“ garniert.

Der Journalist Heinz Sichrovsky wird auf die Bühne gebeten, um als „Zeitzeuge“ von seinem Freund Christoph zu erzählen. Er erlaubte sich nebenbei einen Vergleich: Die Rau-Festwochen provozieren auf Teufel komm raus, aber fast niemand regt sich auf. Schlingensief hingegen regte auf, weil die Provokation ein Einzelfall gewesen sei – und nicht inflationär.

Ein Ball landet im Korb

Erstaunlich, wie viel man in 100 Minuten packen kann, in diesem „Kuriositätenkabinett“ gibt es auch einen nackten Countertenor (eine Reverenz an Romeo Castellucci) und einen schwarzen Darsteller als Jesus mit Metalldornenkrone, der ans Kreuz genagelt wird. Mein Gott! Selbst eine Lipizzaner-Stute wird aufgeboten (wir befinden uns in der ehemaligen Winterreithalle) – samt vorgegaukeltem Live-Interview.

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Samouil Stoyanov wirft einen Basketball in den Korb - und die Stute redet. 

Zusammengehalten wird der religionskritische Mix von Inge Maux und Samouil Stoyanov als ESC-Moderatorenduo, wenngleich noch viel schräger. Sie mühen sich rechtschaffen, werfen einen Basketball in den Korb (Szenenapplaus) oder geben Lulus Todesschrei zum Besten.

Rau singt ein Loblied auf das Theater, und dann greift er auf einen Laien zurück, der glaubwürdig berichtet, todgeweiht zu sein. Im Publikum sitzen Menschen, das Mitgefühl ist groß. Milo Rau darf sich die Hände reiben.

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