Kultur
06.11.2018

Wes Anderson im KHM: Wo die Welt sich noch ordnen lässt

Regie-Star Wes Anderson und seine Partnerin Juman Malouf gestalteten ein „Museum im Museum“

Das Bild einer „Kunst- und Raritätenkammer“, um 1620 von Frans II. Francken gemalt, empfängt die Besucher im Hochparterre des KHM. Im Gemälde hängt ein Seepferdchen neben einem Landschaftsbild, liegen Seeschnecken neben Münzen, und ein Mann – vermutlich der Sammler selbst – blickt aus einem Porträtgemälde direkt durch Zeit- und Realitätsebenen in den Saal heraus: Was wir Museum nennen, hat mit dem, was einst seine Sammlung ausmachte, nicht mehr viel gemein.

Der US-Regisseur Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“, „Isle of Dogs“) ist nun mit seiner Partnerin, der Designerin und Autorin Juman Malouf, angetreten, den Geist der Raritätenkammer auf seine eigene Art zu rekonstruieren: Ohne Rücksicht auf museale Kategorien, auf historische Epochen und gängige Qualitätsmerkmale holte das Paar mehr als 400 Objekte aus allen Sammlungen des KHM-Verbands („Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures“, bis 28. 4. 2019).

Verschachtelt

Es ist die dritte derartige Unternehmung – zuvor hatte das KHM die Künstler Ed Ruscha (2012) und Edmund de Waal (2016/’17) als Kuratoren engagiert. Die Schau von Anderson/ Malouf ist nun insofern anders, als neben der bloßen Auswahl der Objekte deren Inszenierung und Ästhetisierung einen ungleich prominenteren Platz einnimmt: Vitrinen, Schachteln und die schachtelartige Ausstellungsarchitektur sind mindestens so wichtig wie die gezeigten Objekte selbst.

Dicht, leer, laut, leise

Kennerinnen und Kenner von Andersons Werk werden die Analogien zu den perfekt abgegrenzten Räumen, den sorgfältig gerahmten Kameraeinstellungen und den exakt symmetrisch arrangierten Bildern, die als Markenzeichen des Regisseurs gelten, ohne Zweifel in der Schau erkennen können. Tatsächlich erhält der Saal durch das Arrangement von Anderson und Malouf Qualitäten, die man sonst eher nicht mit Ausstellungen assoziiert: Etwa einen Rhythmus, der sich aus den Dimensionen von Vitrinen, die mal dicht, mal kaum befüllt sind, ergibt. Musikalisch-filmisch wirkt auch die Abfolge von farblich codierten Kabinetten.

Da gibt es eine Art „grünes Gewölbe“, in dem antike Bronzen, ein Smaragdgefäß, aber auch Malachite und präparierte Singvögel aus dem Naturhistorischen Museum ausgestellt sind. Das Kabinett gegenüber ist vom Boden bis zur Decke mit Kinderporträts vollgehängt – nicht unähnlich jenem Bild, das der Concierge im Film „Grand Budapest Hotel“ erbt. Ein roter Kubus mitten im Saal ist wiederum voller Miniaturen – Porträts, Statuetten, aber auch kleine Musikinstrumente und Mini-Schneeschuhe sind darunter. Der kleine Kosmos erinnert an die Wunderboxen von Joseph Cornell, die 2015/’16 im KHM zu sehen waren und die Anderson erklärtermaßen bewundert.

Sucht nach Ordnung

Ansonsten aber ist das Ziehen von Verbindungslinien ein unsicheres Unterfangen, zumal Anderson und Malouf erklärende Worte weitgehend verweigern. Im Katalogvorwort mokiert sich der Regisseur bloß darüber, dass selbst einem KHM-Kurator „offensichtliche“ Verbindungen zwischen den Objekten nicht aufgefallen wären: Wo doch eigentlich jeder wissen könnte, dass das Arrangement von Aufbewahrungskisten dazu diene, die Folgen der Erfindung des Scharniers zu illustrieren.Wir merken: Ganz ernst nehmen sich Anderson und Malouf selbst nicht. Und doch kommt ihre Ausstellung immer wieder auf die Grundfragen des Museumswesens zurück: Was ist wertvoll, wie soll das Wertvolle bewahrt werden? Wer stiftet Sinn, wer schafft Ordnung?

Andersons Werk lebt vom Versuch, durch ästhetische Klarheit Momente der Ordnung und Balance herzustellen. Im Grunde bedient er dabei die Fiktion, dass sich die Welt so ordnen lässt, wie ein Kind seine Spielzeugschätze ordnet. Dass diese Methode die Wissenschaft nicht ersetzen kann, liegt auf der Hand. Doch in einer Zeit, in der wissenschaftliche Kriterien oft kaum noch greifbar scheinen, sind perfekt arrangierte Vitrinen probate Mittel, um die Schönheit einer Sammlung zu vermitteln.