Kultur
03.05.2017

Wer schreibt diesen Roman?

Sándor Lénárd war fast ein Arzt, und bestimmt war er Schriftsteller und Universalgelehrter.

Das ist die Geschichte eines jüdischen Medizinstudenten, dessen größter finanzieller Erfolg es war, das Kinderbuch "Winnie-the-Pooh" (= ein Bär von sehr geringem Verstand) ins Lateinische zu übersetzen und der in Brasilien irrtümlich für Joseph Mengele gehalten wurde.

Das war jetzt zu schnell.

Zu viel Leben in einem Satz.

Zu viel Geschichte.

Aufmerksam gemacht wird man auf Sándor Lénárd durch das erstmals ins Deutsche übertragene Buch "Am Ende der Via Condotti" – das sind seine Erinnerungen an die Zeit in Rom, als er 1938 aus Österreich flüchtete, von der Universität weg, ohne Abschluss. Der gebürtige Budapester hatte ab seinem zehnten Lebensjahr in Wien gelebt.

Die Via Condotti nahe der Spanischen Treppe war damals noch keine Luxusmeile . Im Caffé Greco, am Ende auf Nummer 86, durften die jüdischen Flüchtlinge stundenlang bei einem kleinen Kaffee und Wasser sitzen und diskutieren, ob es Krieg geben wird bzw. wie man nach Amerika gelangt bzw. ob die Welt eine psychiatrische Kommission braucht (Heute kostet ein Capuccino neun Euro; immerhin waren in diesem – nach dem Floriani in Venedig – zweitältesten Kaffeehaus Italiens Casanova, Goethe, Grillparzer, Wagner ... zu Gast.)

Die antisemitische Politik in Deutschland wurde zum persönlichen Schicksal, und es hält Herr Rosenwurz, Zahntechniker aus Stuttgart, im "Greco" vor Sándor Lénárd die denkwürdige kleine Rede:

Das Allerschlimmste

"Manche werden geboren, andere nicht. Geboren zu werden ist der schlimmere Fall. Der Mensch kann als Christ oder als Jude auf die Welt kommen. Als Jude geboren zu werden ist der schlimmere Fall. Der Jude kann in Amerika oder in Europa geboren werden. Letzteres ist der schlimmere Fall ... Geboren werden konnte man im vergangenen Jahrhundert oder in diesem. In diesem ist der schlimmere Fall ... zu Hitlers Zeiten der noch schlimmere. Ja, Heinrich Rosenwurz, er ist der allerschlimmste Fall."

Bis Mitternacht hatte das Caffé offen. In jenen Monaten, in denen Lénárd obdachlos war, fuhr er danach für 1 Lira Straßenbahn, und um fünf sperrten die Kirchen Roms auf.

Klavier konnte er gut spielen, Bach war sein Gott, ein Adeliger bat ihn um vierhändiges Übungsspiel, ein römischer Professor engagierte ihn für die Übersetzung eines Buches aus dem Niederländischen ins Englische (Lénárd musste vorher selbst Niederländisch lernen – für 5 Lire pro Seite lohnte es sich.)

Als gut verdienender Blutdruckmesser mit fixem Platz und fixen Messzeiten in einer Apotheke überlebte er die Kriegsjahre; danach arbeitete er als Anthropologe bei der Exhumierung amerikanischer Soldaten. Dass er 1952 mit seiner Ehefrau nach Brasilien übersiedelte, hat nichts mit Italien zu tun, Italien hatte er sehr lieb gewonnen. Man nimmt an, er fürchtete einen nuklearen Konflikt USASowjetunion. Deshalb Brasilien ... wo er in einer TV-Quizshow zum Spezialgebiet " Johann Sebastian Bach" alles, alles wusste und ein Vermögen gewann.

Das neue Haus am Rand des Dschungels im südbrasilianischen Tal von Blumenau verließ er nur, um zeitweise als Professor in South Carolina Latein und Altgriechisch zu unterrichten. Sonst war er daheim Gärtner, er schrieb Bücher – seine lateinische "Winnie-the-Pooh"-Version war 1960 wochenlang in der Bestsellerliste der New York Times.

Ist das genug für ein Leben?

Die Verwechslung

1968 erreichte Lénárd, er war 57, die überraschende Nachricht, in Wahrheit sei er Joseph Mengele, der gesuchte Arzt von Auschwitz ... der sich damals, nur rund 500 Kilometer entfernt, tatsächlich in der Stadt Caieiras versteckt hielt

Ein anderer Auswanderer aus Österreicher namens Erich Erdstein hatte sich als Nazijäger versucht. Der Beschuldigte wurde rasch rehabilitiert, Erdstein hat dann später noch behauptet, er habe Mengele erschossen, die Leiche sei im Fluss Paraná von Krokodilen gefressen worden.

Der Massenmörder ertrank 1979 nach einem Schlaganfall, da war Sándor Lénárd schon sieben Jahre tot. Herzinfarkt mit 69. Die eigene Todesanzeige, von ihm in fünf Sprachen verfasst und illustriert, hatte Lénárd noch zum Verschicken bereitgestellt.

Sein Leben war ein Roman.

Wer schreibt ihn?

Sándor Lénárd:
„Am Ende der Via Condotti“
Übersetzt von Ernö Zeltner.
Nachwort von György Dalos.
dtv. 352 Seiten. 22,70 Euro.