© Wien Museum

Kultur
10/26/2021

Wenn die Zeit zerrinnt wie die Uhren von Dalí

Wir gehen ins Uhrenmuseum, aber wohin geht die Zeit, wenn sie vergeht?

von Werner Rosenberger

In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren von der Sommerzeit wieder eine Stunde zurückgestellt. Aber kann man die verlorene Zeit suchen wie Marcel Proust?

Ob „Zappler“, Kuriositäten oder die Taschenuhrensammlung der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach, die erklärte: „Meine Uhren machen mir das Sterben schwer.“ Unterschiedlichste Zeitmesser warten im vor 100 Jahren eröffneten Uhrenmuseum (heute im Verbund Wien Museum) auf Connaisseure und staunende Laien.

Am Schulhof 2/Kurrentgasse 1 im barocken Obizzipalais, einem der ältesten Gebäude Wiens, errichtet auf dem Grund, der vom 13. Jahrhundert bis 1421 zum Judengarten und dann zum Friedhof des Karmeliterklosters gehörte, führt über drei Stockwerke eine „Zeitreise durch die Jahrhunderte“ vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit.

Chronometer

Zu sehen sind rund 700 Kostbarkeiten von der riesigen Turmuhr des Stephansdoms bis zu Wunderwerken im Miniaturformat. Neben typischen Wiener Kreationen wie der „Laterndluhr“ oder den „Bilderuhren“ mit biedermeierlichen Veduten als Blickfang finden sich auch Beispiele der Pariser und Genfer Uhrmacherkunst.

Der älteste Zeitanzeiger ist die Sonne. Von einem Sonnenaufgang bis zum nächsten vergeht ein Tag. Sonnenuhren maßen die Zeit anhand des Schattens, den ein Balken oder eine Latte je nach Tageszeit auf eine Skala warf.

Die erste öffentliche Uhr erwähnte in der italienischen Renaissance der Dichter Francesco Petrarca: Er schrieb, dass ihn ein junger Mönch mit langen Reden nervte: „Und endlich erlöste mich der Schlag der neu erfundenen Uhren von diesem lästigen Gesprächspartner.“

Schon im 16. Jahrhundert trugen Wohlhabende kleine Uhren am Gürtel oder im Täschchen an der Weste. Wie Hans Holbein der Jüngere auf einem um 1530 gemalten Porträt des Danziger Kaufmanns Georg Giese zeigt.

„Musik ist hörbare Zeit“

Beim Spazieren durch die Automatenwelt des Tickens und Tackens, des Spieldosenmusizierens, Kuckuckrufens und der langsamen Zeigerbewegungen fällt’s mir plötzlich ein: Das Londoner Publikum gab Haydns 101. Symphonie den Titel „Die Uhr“, inspiriert vom gleichmäßigen Ticktack der Streicher und Fagotte. Und Igor Strawinsky fand: „Musik ist hörbare Zeit“, uns zu dem einzigen Zweck gegeben, „Ordnung zwischen den Dingen herzustellen“.

Auch wenn es im Museum durcheinander surrt und schnurrt, ist’s doch unwirklich ruhig und irgendwie geheimnisvoll. Man wird das Gefühl nicht los, dass alte Uhren gemächlicher gehen als moderne. Als hätten sie es noch nicht so entsetzlich eilig wie unsereiner.

Die alten Meister ihres Handwerks hatten ja noch so wunderbar viel Zeit. Wie sonst hätten sie all die winzigen Rädchchen mit der Hand zuschneiden und die Kloben, Schlüssel, Brücken, Zeiger und Pendel so zart ziselieren und gravieren können.

Unbeantwortet bleibt die Frage: Was macht die Zeit, wenn sie vergeht? Zu dem Phänomen fiel sogar Albert Einstein nicht mehr ein als: „Zeit ist, was man an der Uhr abliest.“

Aber Trost spenden mag Maurice Chevaliers Bonmot: „Eine schöne Uhr zeigt die Zeit an, eine schöne Frau lässt sie vergessen.“

1., Schulhof 2; Di. bis So. und Fei. 10 bis 18 Uhr; 24. 12. und 31. 12.: 10 bis 14 Uhr. www.wienmuseum.at

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