Martin Walser

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Literatur
01/07/2017

Wem geht es ein bisschen zu gut?

Martin Walser, kurz vor seinem 90. Geburtstag ...

von Peter Pisa

In seinem Tagebuch hat Martin Walser notiert, April 1979: "Der Mensch ist ein Dichter. Und wenn er kein Dichter mehr ist, dann ist er auch kein Mensch mehr."

Walser ist 89 (am 24. März wird er 90), Dichter und Mensch. Er ist aber auch, was im neuen Buch mit dem sich wichtigmachenden Titel "Statt etwas oder Der letzte Rank" auf Seite 29 steht ... "geschwätzig, haltlos."

Selbstverliebt, so muss man wohl noch ergänzen.

Und trotzdem sympathisch, lesenswert, wenn er philosophiert, wenn er nachdenkt: über Dankbarkeit, über seinen "Erzfeind", den Kritiker Marcel Reich-Ranicki (= selbstvergrößerungssüchtig), über eine Fliege, die sein Bier trinkt, no, dann bestellt er halt ein neues Kölsch.

Biegung

Wenn der Deutsche, der mit "Ehen in Philippsburg" und "Ein fliehendes Pferd" Literaturgeschichte geschrieben hat, besonders gelungene Sätze jeweils in eine eigene Zeile setzt, unterstreicht er damit schreiend, dass er noch nicht verstummt ist:

"Mir geht es ein bisschen zu gut."

"Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt."

"Ich hoffe mehr, als ich will ..."

Jeder Satz könnte, wie bei jedem, sein letzter sein. Deshalb wird behutsam damit umgegangen.

"Statt etwas oder Der letzte Rank" klingt nicht nach Roman. Recht privat klingt das Buch, manchmal erzählt ein "Ich", manchmal ein "Er" – wobei "Ich" verrät, dass "Er" auch "Ich" ist ... und jetzt verraten wir, was "Rank" im Titel bedeutet.

Ist ja nicht sehr gebräuchlich in Österreich. In der Schweiz ist Rank eine Biegung, Wendung des Weges, die man gern nimmt, um einen lästigen Verfolger abzuschütteln.

Den Tod? Einen Aphorismus von Martin Walser?

Überraschung

Dieses Buch ist immer auf der Suche, wer ich bin und warum. Eine Erkenntnis ist: Ich huste, also bin ich.

Es ist ein witziges Buch – etwa, wenn uns Walser "etwas Neues" mitzuteilen hat, nämlich:

Er kann etwas suchen, ohne zu wissen, was er sucht. Auf diese Art findet er Überraschendes, So etwas findet man in keinem Ratgeber sonst.

Es ist ein trauriges Buch – mutterseelenallein steht da auf einer Seite:

"Es ist schwer, sich einen Menschen, den man gut gekannt hat, tot vorzustellen, bloß weil er gestorben ist."


Martin Walser:
„Statt etwas
oder
Der letzte Rank“
Rowohlt Verlag. 160 Seiten. 17,50 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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