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Kultur
01/30/2021

Weltwirtschaftsforum in Davos ist die "Gartenbaumesse der Mächtigen“

Daniel Hösl und Julia Niemann zu ihrem kapitalismuskritischen Film „Davos“ (Von Susanne Lintl).

1971 vom deutschen Wirtschaftswissenschafter Klaus Schwab gegründet, findet im schweizerischen Davos seither jährlich das Weltwirtschaftsforum (WEF) statt. Ein Treffen der wichtigsten Unternehmer, Politiker, Wirtschaftsexperten und Wissenschafter weltweit, das vordergründig dazu dient, globale Fragen zu diskutieren, tatsächlich aber das international hochkarätigste Networking-Event ist. Der Österreicher Daniel Hösl und die deutsche Filmemacherin Julia Niemann haben ein ganzes Jahr lang in Davos gelebt, um den Schweizer Bergort abseits des Promi- und Security-Auflaufs im Jänner zu erfassen. Sie nahmen Kontakt auf mit den Organisatoren des WEF, aber auch und vor allem mit den Menschen im Dorf, die sich schon aus rein ökonomischen Gründen dem Spektakel unterordnen. Bei der Viennale 2020 stellten Hösl und Niemann ihren Film vor (seit 26. 1. auf dem Streamingportal VOD Club Online zu sehen).

KURIER: Wie haben Sie die Leute in Davos geknackt? Schweizer sind ja nicht sehr redselig, wenn Fremde in ihren Ort kommen.

Julia Niemann: Wir haben viel Zeit investiert ohne Kamera. Beispielsweise die Bauernfamilie haben wir oft besucht und sehr gut kennengelernt, bevor wir dort mit unserem Kamerateam angetanzt sind. Die Menschen dort sind von Natur aus sehr schüchtern, sehr zurückhaltend, sehr für sich. Das hat schon gedauert, bis wir deren Vertrauen gewannen.

Wie sind Sie auf das Thema Davos gekommen?

Daniel Hösl: Meine letzten beiden Filme kreisten immer ums Geld. Diesmal war es die Idee, „Follow the Money“ dokumentarisch anzugehen. Ich bin zum Weltwirtschaftsforum als Zaungast gefahren.

Kommt man da – nicht akkreditiert – überhaupt nah ran?

Hösl: Ich kam nicht rein bei den WEF-Veranstaltungen, aber bin dort herumgewandert und war beeindruckt vom Aufgebot an Militär und Sicherheitskräften. Aber das eigentliche Davos war ja auch Kern meines Interesses.

Sie versuchen mit dem Film, neutral zu bleiben, nicht zu werten, was gut oder schlecht ist.

Hösl: Es ist nicht alles schlecht, was die WEF-Leute machen. Aber sie schaffen halt nicht das, was sie sich vornehmen: die Welt verbessern.

Niemann: Irgendwann haben sich dort auch Arafat und Peres die Hand geschüttelt. Also, es gibt schon Begegnungen, die anderswo nie stattfinden würden. Das ist schon eine Leistung. Aber die wahre Intention ist dort, dass sich nicht viel verändert. Dass die Welt vielleicht ein bisschen besser wird, solange sie nicht schlechter wird für die, die sie besser machen wollen.

Glauben Sie, dass der Kapitalismus schon obsiegt hat, oder lässt sich da noch etwas ändern?

Niemann: Ich glaube nicht ans Ende der Geschichte, wie von Francis Fukuyama prophezeit: Dass der Kapitalismus für immer die vorherrschende Staats- und Wirtschaftsform sein wird. Es wird wieder etwas anderes geben. Aber die Geschichte wird das nicht von sich aus erledigen. Schon 2008, während der Weltfinanzkrise, hätte sich zeigen müssen, dass es so nicht weitergehen kann. Lustigerweise ist dann wieder so eine riesige Selbstvergessenheit über uns hereingebrochen.

Hösl: Man muss bei den Menschen Bewusstsein schaffen, dass es Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren. Nicht nur, dass man den Konsum ändert, sondern auch anders investiert. In eine Solar- statt in eine Ölfirma. Dass man selber aktiv wird in dieser Zeit der 4. Industriellen Revolution. Das nächste Amazon ist wahrscheinlich ein Klimaschutzunternehmen.

Wollten Sie einen linken Film machen?

Niemann: Man kann nicht die total neutrale Weltsicht abbilden. Aber wir hatten immer den Vorsatz, keine klare Position zu beziehen. Der Film ist jedenfalls nicht komplett gegen das WEF – ich glaube nicht, dass das WEF einen Schaden anrichtet. Ich glaube aber auch nicht, dass es irgendetwas Gutes macht.

Hösl: Es ist eine Gartenbaumesse der Mächtigen.

Niemann: Es wäre gelogen, wenn wir sagen, wir sind Kapitalismuseuphoriker. Wir sind vor allem mit großer Neugierde hingefahren.

Wird Geld auch Teil Ihres nächsten Projekts sein?

Hösl: Das Geld ist mein. Geld ist so zentral in unserer Welt, es hat die Religion abgelöst. Ich mag Geld gern, es ist so sinister. Ich plane unter anderem eine Dokumentation über eine Stadt gegenüber von Lugano: Campione d’Italia, eine italienische Exklave im Kanton Tessin. Sie gehört zu Italien, rundherum ist Schweiz. Eine Steueroase mit dem größten Casino Europas. Das Tolle daran: Das Casino ist pleite gegangen. Und ich möchte nun einen Film machen über den Niedergang des klassischen Geldes.

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