© Atrium Press/Literaturmuseum

Ausstellung
07/22/2021

Weltbürger und Vordenker Europas: Stefan Zweig im Literaturmuseum

„Stefan Zweig. Weltautor“ (bis 27. Februar) untersucht das Phänomen der Strahlkraft des bis heute meistgelesenen und unvermindert aktuellen deutschsprachigen Schriftstellers.

von Werner Rosenberger

Kollegen nannten ihn den „Literaturindustriellen“. Oder spöttisch auch „Erwerbszweig“. Für Ludwig Marcuse war er „die mächtigste Großmacht im Reich der Gedruckten.“ Tatsächlich ist Stefan Zweig (1881–1942), der einmal meinte, der Erfolg habe ihn „wie ein fremder Gast überrascht“, noch immer der meistgelesene und -übersetzte Autor deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts.

Das Literaturmuseum widmet dem „Weltautor“ eine Sonderausstellung – „nicht zuletzt auch wegen seiner Aktualität als lebenslang überzeugter Pazifist und Vordenker eines geeinten übernationalen Europa, dessen Vorbild die Donaumonarchie war“, sagt ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger.

„Er blieb lebenslang einer nostalgischen, aber immer auch zeitkritischen Erinnerung an ein untergegangenes Österreich verbunden.“ Das schilderte er als „das goldene Zeitalter der Sicherheit und kunstdurchtränkte Windstille der Weltstadt Wien vor dem Ersten Weltkrieg“ in seinem Spätwerk und Erinnerungsbuch aus dem alten Europa, einer Art Testament, das er ohne jede Aufzeichnungen, Briefe und Gedächtnisstützen geschrieben hatte. Denn die waren über alle Welt verstreut. Ursprünglich sollte es „Drei Leben“ heißen und erhielt erst im Exil den neuen Titel: „Die Welt von gestern“.

Vieles vom Vielschreiber ist von bezwingender Zeitlosigkeit und Aktualität. In seinem in der Französischen Revolution angesiedelten Drama „Adam Lux“ heißt es: „Niemals kann Hass etwas Fruchtbares schaffen ...“

Und schon 1932 fordert er in der Zeitung Der Morgen: „Nehmt allen die Waffen weg, allen ...!“

„Er war ein sehr guter Manager seiner selbst“, sagte Arturo Larcati, mit Literaturmuseum-Chef Bernhard Fetz Kurator der Schau. Und vernetzt wie kaum einer. Der Bestsellerautor mit der federleichten Erzählkunst und leidenschaftlichen Essayistik kannte sie alle:

Theodor Herzl, der ihn in der Neuen Freien Presse publizierte, den Seelenerkunder Sigmund Freud, die Journalistin und Salonnière Berta Zuckerkandl. Die Musiker Bruno Walter und Arturo Toscanini standen in seinem Adressbuch, und Richard Strauss, für den er ein Libretto schrieb.

Fundstücke und Hype

Gezeigt wird neben Manuskripten, Erstausgaben und Schreibutensilien u. a. der Ausschnitt einer sowjetischen Verfilmung von „Der Amokläufer“ aus 1927.

In China wiederum setzte in den 2000er-Jahren ein Stefan-Zweig-Hype ein, nachdem Regisseurin Xu Jinglei ihre Fassung von „Brief einer Unbekannten“ präsentierte.

Eine französische Graphic Novel beschäftigt sich 2013 mit den letzten Lebensjahren vor dem Selbstmord 1942.

Vorgestellt wird Zweig zudem als passionierter Weltreisender, den die Neugier und Abenteuerlust quer durch Europa bis nach Nord- und Südamerika, Russland und Indien brachte. Und der am Ende seiner letzten Wahlheimat Brasilien, dem „Land der Zukunft“, eine große Liebeserklärung hinterließ.

Anhand von Notiz- und Tagebüchern, Briefen, Fotografien, Film- und Tonaufnahmen, aber auch großflächigen Inszenierungen und interaktiven Stationen führt die in Zusammenarbeit mit dem Stefan Zweig Zentrum Salzburg und dem Literaturarchiv Salzburg entstandene Schau rund um den Globus.

Was bleibt vom Weltbürger, der zum Pazifisten und Exilanten wurde? Und der eine europäische Kultur beschwor, die heute wieder bedroht wirkt?

Seine Bücher, seine Ideen, seine Positionen sind im gegenwärtigen Europa-Diskurs unvermindert aktuell.

Und die Erinnerung an ein Europa, das einmal mondän war und gebildet und kosmopolitisch – eine Geisteshaltung eben und keine regelungs- und verordnungswütige Bürokratie.

 

"Stefan Zweig. Weltautor“

Bis 27. Februar; Wien 1, Johannesgasse 6, Di bis So, 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, Katalog 27,80 €

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