Kultur
05.12.2011

"Was keine Emotion erzeugt, überlebt nicht"

"Ich war noch niemals in New York" ist zurück im Raimund Theater.

Zur Wiederaufnahme des Musicals gab's nach der Aufführung am Sonntag sogar einen Überraschungsauftritt von Udo Jürgens: "Das hat mir Spaß gemacht. Die Wiener Produktion gefällt mir ohnehin am besten." Außerdem läuft die Schlager-Melange derzeit noch in Stuttgart, hat demnächst in Japan Premiere und soll sogar verfilmt werden, "aber da müssen wir natürlich noch einmal neu daran arbeiten", so Jürgens.
In England will man sein 1973 in Wien uraufgeführtes Musical "Helden, Helden" nach G. B. Shaws "Arms and the Man" wieder herausbringen. Und ist "Ich war noch niemals in New York" im Big Apple eine Option? "Ja, es gibt Gespräche mit Leuten vom Broadway, aber das ist noch Zukunftsmusik." Udo Jürgens findet es "überhaupt besser, man arbeitet immer wieder neu an einem Musical, und macht es nicht wie die Engländer und Amerikaner zurzeit: Dass seit 20 Jahren bei 'Phantom der Oper' bis ins letzte Kulissendetail alles gleich ist. Ich finde neue Inszenierungen durch neue Gedanken den interessanteren Weg."

Emotion

Dabei wurde der 1989 veröffentlichte Song "Ich war noch niemals in New York" erst zwölf Jahre später zum Hit. Geschrieben hat der 77-Jährige rund 1000 Lieder. Und worauf kommt es an? "Auf die Emotion. Sie ist das Wichtigste. Wenn ein guter Text und die passende Musik zusammenkommen, dann löst das die stärksten Emotionen aus."
"Rap-Songs haben nicht mehr das Potenzial, zum Evergreen zu werden", so Jürgens, "weil ihnen die melodischen und harmonischen Strukturen fehlen. Also die beiden Elemente,
die Emotionen erzeugen. Und was keine Emotion erzeugt, überlebt langfristig nicht."

Grenzüberschreitend

Die Klassik habe Anregungen aus der Musical-Szene gebraucht. Das Pop- und Musical-Genre sei seriöser geworden und werde ernster genommen.
"Die Künstler, die in der Unterhaltungs- und Pop-Musik und im Musical arbeiten, gehen heute Hand in Hand mit denen in der Klassik. Dieselben Dirigenten, Arrangeure, Orchester und Musiker arbeiten in beiden Welten", so Jürgens. "Deswegen sind Musiker wie ich, die immer schon grenzüberschreitend waren und sind und damit am Anfang auch Ratlosigkeit hervorgerufen haben, auf einmal Kult. Ich erlebe plötzlich etwa in Salzburg, dass ich Fans in der klassischen Musik habe."

25 Jahre möchte Udo Jürgens nicht mehr sein: "Das Alter, das ich jetzt erreicht habe, hat etwas Beklemmendes, weil man vor einer Lebensphase steht, die auch mit Angst behaftet ist. Aber es ist auch faszinierend, mit wie viel Akzeptanz und Respekt man mir - nach vielen Erfolgen, aber auch Niederlagen - heute begegnet. Das erlebe ich mit Dankbarkeit. Und das macht das Altern leichter."