Rötel, Bakterien, Pilze und menschliche DNA auf Karton:  Die Forscher nehmen Proben vom berühmtesten Selbstbildnis des Leonardo

© The Authors, Pinar

Kultur
11/21/2020

Was Forscher aus dem Dreck auf Leonardos Zeichnungen herauslesen

Österreichische Mikrobiologen haben sieben Werke da Vincis mit Hightech-Methoden untersucht.

von Susanne Mauthner-Weber

Rom, Institut für Papierrestaurierung: Vorsichtig halten behandschuhte Hände ein fingerdickes Plastikteil und lassen es über eine gut fünfhundert Jahre alte Zeichnung gleiten. Ein Schlauch führt zu einer angeschlossenen Box. Fast wie bei einem Staubsauger. „Ja“, Guadalupe Pinar lächelt und sagt: „Das ist nichts anderes als ein Ministaubsauger.“ Hightech, versteht sich, stammen die abgesaugten Bilder doch von niemand geringerem als Leonardo da Vinci höchstpersönlich.

Kostbarer Schmutz

Nachdem es um den Maler der Maler geht, ist sogar der Dreck auf den Werken kostbar. Zumindest für Wissenschafter. Denn die mikrobielle Zusammensetzung von Kunstwerken kann interessante Fakten über ihre Vergangenheit enthüllen – und den Weg, den sie zurückgelegt haben. Darum hat ein interdisziplinäres Team von Forschern, Kuratoren und Bioinformatikern aus Österreich und Italien sieben Zeichnungen des Renaissance-Genies analysiert – „Studien von Insekten, Pferdebeinen und Menschen, die er für Bilder und Skulpturen gemacht hat. Darunter auch das berühmte Selbstporträt aus dem Jahr 1512“, erzählt Studienleiterin Pinar im Gespräch mit dem KURIER.

Am Freitag wurde ihre Studie „Das Mikrobiom von Leonardo da Vincis Zeichnungen: ein Bio-Archiv ihrer Geschichte“ im Wissenschaftsmagazin Frontiers in Microbiology veröffentlicht.

Was die Forscher herausgefunden haben, erfahren Sie hier:

 

Leonardo da Vinci
Er wurde am 15. April 1452 in der Toskana als unehelicher Sohn des Florentiner Notars Ser Piero und des Dienstmädchens Caterina geboren. Damit war es mit der akademischen Laufbahn, sozusagen von Geburt wegen, vorbei. Leonardo wurde ein bescheidener Handwerker, ein Maler eben. Er sezierte heimlich Leichen, als die Strafe dafür noch der päpstliche Bann war. Er erfand Flugzeug, Fahrrad sowie Hubschrauber, und malte das wohl bekannteste Bild der Welt: die Mona Lisa.

Leonardo hat allein 6000 Manuskript-Seiten mit Zeichnungen und Erklärungen aus den verschiedensten Fachgebieten hinterlassen: Medizin, Physik, Mechanik, Architektur. 1481 rühmte er sich in einem Bewerbungsschreiben in erster Linie als Ingenieur. Erst zuletzt merkte er bescheiden an, „in Friedenszeiten auch auf dem Gebiet der Malerei, Plastik und Baukunst das Beste zu leisten“.

Lange Jahre stand er im Dienste der Medici. 1515 wurde ihm von Franz I. von Frankreich der Job des „Ersten Malers und Ingenieurs des Königs“ angeboten. Vier Jahre später, am 2. Mai 1519, starb er in Amboise.

Für ihre Untersuchungen nahm Pinar, was sie kriegen konnte: Fünf der Zeichnungen liegen in Turin, zwei in Rom. Dort lagern sie unter optimalen Bedingungen, was Temperatur und Feuchtigkeit betrifft. „Immer wenn sie irgendwohin verliehen werden, werden sie überprüft und restauriert.“ Das passiert im eingangs erwähnten Institut für Papierrestaurierung in Rom.

Bisher wurde der Schmutz, den die Restauratoren mit minimalinvasiven Methoden von den Kunstwerken entfernt haben, weggeworfen. Doch diesmal landeten die Proben mit den verschiedenesten Partikeln in Schachteln mit der Adresse Boku Wien, Muthgasse. „Denn wir können aus dem Schmutz viel ablesen“, sagt Pinar.

Was die Forscher vom Institut für Mikrobiologie und Mikrobielle Biotechnologie gefunden haben, waren einerseits „viele Exkremente von Insekten".

Das sind sicher alte Spuren, denn mittlerweile ist es nicht mehr möglich, dass Insekten ihr Geschäft auf einem da Vinci machen.

Guadalupe Pinar | Mikrobiologin

"Doch früher wurden die Zeichnung einfach irgendwo gelagert. Noch dazu ohne Glas.“ Pinar tippt auf Anfang 19. Jahrhundert.

Auch große Mengen menschlicher DNA haben die Mikrobiologen entdeckt, als sie den Spuren mittels modernster Sequenziertechnologie zu Leibe rückten. Wie viele Menschen sich unfreiwillig auf den da Vincis verewigt haben, kann die Expertin für Biotechnologie nicht sagen. Könnte man vielleicht, war aber nicht das Ziel ihrer Untersuchung. Auch die ewige Frage, ob man nicht die DNA des Meisters finden könnte, schmettert sie ab: „Man bräuchte etwas zum Vergleichen und leider ist da Vincis Erbgut in keiner Datenbank.“ Sie tippt ohnedies eher auf die Restauratoren als Verursacher.

Wobei ihr eigentliches Ziel ohnedies ein viel praktischeres war: Herauszufinden, welche Mikroorganismen vorhanden sind, die die Kunstobjekte beschädigen. „Bakterien und Pilz können nämlich Ölmalerei abbauen, Papier und Pergament genauso. Diese Zeichnungen waren aber in einem guten Zustand.“

Apropos Praktisches

Im Jahr 2019 gelang es dem Team von Pinar, Herkunft und Lagerbedingungen von drei Statuen mithilfe ihres Mikrobioms aufzudecken, nachdem sie Schmugglern abgenommen worden waren. Die Mikrobiologin abschließend: „Die Sequenzierungsmethode bietet ein großartiges Werkzeug für die Überwachung von Kunstobjekten.“

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