Kultur
11.07.2018

Warum Drake die Beatles übertrumpft: Die Tücken der Charts

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Rapper Drake hat einen 54 Jahre alten Chart-Rekord der Beatles gebrochen. Das sagt mehr über die Charts als über die Musik.

Die Beatles haben Musikgeschichte geschrieben. Der US-Rapper Drake hat sie nun, 54 Jahre später, umgetextet.

Er hat einen mehr als 50 Jahre alten Rekord eingestellt: Sieben seiner neuen Songs befinden sich derzeit in den Top Ten der US-Charts, die Beatles brachten es 1964 auf fünf Lieder. Insgesamt hatte der Rapper in seiner Karriere nun schon 31 Top-Ten-Songs in den Charts – das schaffte zuvor als männlicher Sänger nicht einmal Michael Jackson. Und Drakes Album „Scorpion“ wurde innerhalb einer Woche über eine Milliarde Mal über Streaming-Plattformen abgespielt – auch das ein neuer Rekord.

Es geht noch weiter: Er hatte zuletzt 27 Songs in den Top 100 – alle 25 von „Scorpion“ und zwei weitere. Zwölf davon waren in den Top 20.

Man könnte fast meinen – und damit, wie es die Populärmusik immer gern getan hat, die Elterngeneration ärgern – dass Drake beliebter ist als die Beatles.

Nein, nicht erschrecken.

Der zugespitzte Charterfolg zeigt nämlich etwas ganz anderes: Dass die Charts als Ein-Blick-Indikator von musikalischem Erfolg unter Druck geraten sind. Es ist nämlich kompliziert.

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16-mal in den Top 20

Denn die Hitparaden weltweit versuchen seit wenigen Jahren, zwei völlig verschiedene Dinge unter einen Hut zu bringen: Welche Musik die Menschen kaufen – und welche sie hören. Und nein, das ist nicht das selbe. Es gibt Bereiche, in denen es vergleichsweise viele Musikkäufer gibt – das sind die Stile, die konservative(re) Hörergruppen versammeln, Klassik natürlich, Schlager und Heavy Metal. Und es gibt Bereiche, die von vielen, vielen Menschen (via Streaming und Radio) gehört werden, die aber keine Songs mehr kaufen. Dazu zählt der Hip-Hop und in weiten Teilen inzwischen auch der Pop.

Und was gekauft wird, spitzt sich immer mehr zu: Einzelne Künstler wie Adele oder Ed Sheeran vereinen den Löwenanteil aller gekauften Musik auf sich. Die britische Sängerin Adele verkaufte – natürlich auf Platz eins der Charts – phasenweise so viele Songs wie die neun anderen in den Top Ten zusammen.

Und Ed Sheeran hat es geschafft, mit allen 16 Songs seines aktuellen Albums in den Top 20 der britischen Charts zu sein – ja, gleichzeitig. Bei aller Begeisterung für den sympathischen Musiker – das entspricht in keiner Weise der Bedeutung, die Sheeran hat.

 

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Sondern es zeigt vielmehr, dass die Berechnung der Charts heute komplizierter ist als je zuvor. Einst waren sie Listen der meistverkauften und im Radio meistgespielten Singles. Das sind Daten, die gar nicht so eindeutig waren, wie man denken würde, aber dennoch ein klares Bild zeichneten.

Heute bilden die Musikcharts etwas ganz anderes ab. Sie vereinen Verkäufe – physisch und digital – und Streams, in vielen Ländern sowohl auf Bezahlplattformen wie Spotify als auch auf Gratisdiensten wie YouTube. Also, aus Hörersicht sowohl den aktiven Erwerb von Musik – als auch den passiven Konsum. Sagte hier jemand Äpfel und Birnen? Dieses nicht unproblematische Zusammenziehen von Kaufen und Hören soll ein möglichst genaues Bild davon zeichnen, welche Musik den Menschen wichtig ist.

Und das hat zum Teil auch funktioniert: Der lange in den Charts unterspielte Hip-Hop hat seit der Umstellung seinen verdienten Platz als erfolgreichste Musikrichtung in den USA eingenommen.

Tücken im System

Aber das System hat Tücken. Wie etwa soll man Streams und Verkäufe vergleichen? Die Währungen hierfür sind höchst unterschiedlich. In den USA zählen 1.500 Streams als ein verkauftes Album. In Österreich sind es 1000 – die sich auf die Songs des Albums aufteilen. Wenn also zehn Songs eines Albums innerhalb einer Woche je 100 Mal gestreamt werden, gilt das als ein verkauftes Album. Nicht gewertet werden die zwei meistgespielten Tracks des Albums – deren Streams zählen für die Single-Charts. Wie einleuchtend dieses „englische Modell“ klingt, kann jeder für sich bewerten. In den heimischen Single-Charts sind gerade vier Hip-Hop-Songs in den Top 5, drei davon von Capital Bra. Wie weit das dem gesamten heimischen Musikgeschmack entspricht?

Gerade beim Beispiel Sheeran kann man sich sicher sein, dass er selbst am Höhepunkt seines Erfolges niemals 16 Singles zugleich am Markt in dem Ausmaße verkauft hätte, dass sie die Charts beherrscht hätten. Die Beatles hätten das vielleicht sogar wirklich geschafft. Und Drake? Der ist in den USA ein absoluter Superstar. Doch agiert er in einem Musikmarkt, den die Beatles zwar einst miterfunden haben, der aber heute nach ganz anderen Gesetzen funktioniert.