© Elena Zaucke

Porträt
07/19/2020

Walter Arlen: Einer der letzten Zeitzeugen einer großen Epoche

Der Komponist und Musikkritiker Walter Arlen, 1920 als Walter Aptowitzer in Wien-Ottakring geboren, wird 100. Der KURIER hat ihn in Los Angeles besucht (Von Eva Schwarzmann)

Wie vielen österreichischen Emigranten, die vor der Nazi-Diktatur fliehen konnten, wurde Walter Arlen Los Angeles zur neuen Heimat. Persönlichkeiten wie Erich Wolfgang Korngold, Fred Zinnemann, Otto Preminger, Billy Wilder, Hedy Lamarr und viele andere haben hier nicht nur Zuflucht gefunden, sondern auch die Geschichte Hollywoods entscheidend geprägt.

Arlen kannte sie alle. Er ist einer der wenigen, die heute noch leben. Und sein unglaubliches Gedächtnis macht ihn zu einem einzigartigen Zeitzeugen.

Schreckliches erlebt

In seinem Haus auf der 19. Straße, mit einem schönen Balkon und einer riesigen Dachterrasse, lebt er seit vielen Jahren mit seinem Lebensgefährten Howard Myers. Es war gar nicht leicht, einen Termin für ein Interview zu vereinbaren, denn Howard ist sehr um Walter besorgt, immerhin ist der fast 100 Jahre alt.

Ein Team aus Wien ist auch gerade da, mit dem schönen Projekt, den Film „Die Stadt ohne Juden“ mit Walters Musik zu unterlegen.

Wohl gelaunt erzählt Arlen gern über sein Leben, gleitet aber auch immer wieder ab in die Kindheit und die schrecklichen Erfahrungen während der Nazi-Zeit, als sein Vater deportiert und das Kaufhaus seiner Familie (das berühmte „Dichter“ am Brunnenmarkt) arisiert wurde.

Walter Arlen spricht ein wunderbares Wienerisch, das man so heute kaum noch hört. Fühlt er sich auch noch als Wiener, nachdem er so viel Schreckliches erlebt hat? „Zu Hause bin ich dort ja und nein“, sagt Arlen. „Ich kenne jede Straße. Ich bin dort geboren und aufgewachsen.“

Aber wie bei den meisten Emigranten ist das Verhältnis zur alten Heimat verständlicherweise auch getrübt. Sehr gefreut hat er sich aber, dass der ehemalige Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny eine Gedenktafel für das Warenhaus der Familie anbringen ließ.

Früh erkannt wurde Walter Arlens musikalisches Talent. Schon als Kleinkind begann er mit dem Klavierspielen, bald wurde sein absolutes Gehör festgestellt und sein Showtalent erkannt.

So hatte der kleine Walter im Geschäft der Familie, zum Vergnügen der Angestellten und Kunden, seine ersten Auftritte: „1921 ließ mein Großvater einen Lautsprecher im Warenhaus aufstellen. Fräulein Mizzi bediente das Grammophon und verbrachte den ganzen Tag damit, Platten aufzulegen und umzudrehen, denn die waren damals ja nur 4 Minuten und 30 Sekunden lang.“

„Die letzte Blaue“

Da wurde der Fünfjährige „auf die Budel gestellt, um zu singen. ,Wenn die letzte Blaue geht’ hat mir sehr gut gefallen. Später schrieb ich dann selbst ausgehend von diesem Musikstück ein Lied mit diesem Titel.“

Nach einem Opernbesuch beginnt Arlen mit elf Jahren selbst zu komponieren. „Wir hatten einen großen Flügel zu Hause. Und meine Mutter sagte immer: ,Klimperst schon wieder? Geh mach deine Schularbeiten!’“

Nach der Matura wollte er Komposition studieren, aber nach dem Einmarsch Hitlers war alles anders. „Am Sonntag kam Hitler, und am Montag konnte ich nicht mehr in die Schule gehen, weil sie mich blutig geschlagen hätten. Am Montag in der Früh holten sie meinen Vater aus dem Bett, und ich sah ihn für viele Jahre nicht mehr. Ich war jede Woche bei der Gestapo, und sie fragten: ,Was will der kleine Jud schon wieder?“ Ich sagte: ,Sie wissen es eh: meinen Vater!’“

Flucht in die USA

Aber es gelang Arlen nicht, seinen Vater herauszubekommen. Am 14. März 1939 stieg er in den Zug und verließ Wien. Am 15. März wäre sein Affidavit, sein Einreisevisum in die USA, erloschen. Er musste weg.

Arlen konnte nach Amerika, weil sich die in Chicago lebende Schwester seines Großvaters verpflichtet hatte, für ihn finanziell aufzukommen. Trotzdem musste er verschiedene Jobs annehmen und hatte wenig Zeit für seine Leidenschaft, die Musik. Nach dem Krieg kam er zu Verwandten nach Santa Monica und konnte endlich an der Universität in Los Angeles studieren.

Bei einem Kurs über Musikkritik fällt er dem Vortragenden bald auf. Der damalige Musikkritiker der LA Times ruft Arlen zu sich und bietet ihm einen Job an. Seine erste gedruckte Kritik sollte ausgerechnet eine Uraufführung sein: Strawinskys „Cantata 1951“.

Kontakt zu Emigranten

Er lernte dabei Strawinsky kennen und war in Folge bei all seinen Proben anwesend. Arlen: „Er war unglaublich nett und kam immer auf mich zu. Nach einer Probe in der Hollywood Bowl hat er mich gefragt: ,I want to go home, would you drive me?’ Danach wollte ich den Wagen nicht verkaufen, weil Strawinsky drinnen gesessen ist. Ich bin noch jahrelang mit meinem alten Auto gefahren.“

Auch zu den großen Komponisten, die emigrieren mussten und in Los Angeles eine neue Heimat gefunden hatten, hatte Walter Arlen stets Kontakt: Korngold, Schönberg, Zeisl, Toch und anderen. Vom Begräbnis Schönbergs, dem Begründer der Zwölftonmusik, erzählt er eine Anekdote (die von der Familie Schönberg allerdings nicht bestätigt wird):

„Auf dem Begräbnis waren nur 12 Leute. Der Rabbi hielt eine Rede und sagte: ,Wenn er in den Himmel kommt, werden sich die Tore für seine schönen Melodien öffnen.’ Er hatte offensichtlich keine Ahnung von Schönbergs Musik.“

Mit Anna Mahler, Tochter von Alma Mahler-Werfel, verband ihn eine enge Freundschaft. Sie schätzte an ihm, dass er so „herrlich bissig“ sein konnte. Durch sie lernte er auch viele Künstler in Los Angeles kennen – auch ihre Mutter Alma, die ihrer Tochter das Leben nicht immer leicht gemacht hat.

Erst in der Pension begann Arlen wieder zu komponieren. Seine Werke wurden sowohl in den USA als auch in Österreich aufgeführt.

Warum die lange Pause? „Das war ein Blödsinn, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Aber ich habe immer befürchtet, dass dann jemand sagen könnte: ,Der schreibt so an Dreck – und mich kritisiert er.’“

Später Erfolg

In Los Angeles hat sich der auch an der Wiener Staatsoper dirigierende James Conlon um Arlens Werke sehr bemüht. Aber dass die auch im Konzerthaus von den Wiener Symphonikern gespielt wurden, bedeutet dem Exil- Wiener viel.

„Es war eine sehr gute Aufführung und ein großer Erfolg. Das ist schon eine gewisse Genugtuung und Freude.“ In Österreich ist Arlen auf jeden Fall nicht vergessen. Neben dem goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien erhielt er auch die Ehrenbürgerschaft von Bad Sauerbrunn. Denn dort hatte die Familie einen Zweitwohnsitz, wo sie jeden Sommer verbrachte.

Letztes Jahr konnte Stephanus Domanig seinen Film „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ nicht nur bei Festivals in Österreich, sondern auch in den USA präsentieren. Er zeigt nicht nur den späten Erfolg des Komponisten, sondern gibt auch berührende Einblicke in die Beziehung zu seinem Lebensgefährten Howard Myers, der über Arlen sagt: „Seine Geschichte sitzt auf ihm, als wäre das alles gestern passiert.“

Klassiker mit neuer Musik
Das Filmarchiv Austria zeigt  „Stadt ohne Juden“ (1924): Walter Arlen hat für diesen
wichtigen Film der Zwischenkriegszeit mit Michael-Alexander Brandstetter (Composer’s Loft) neue Filmmusik entwickelt (31. 7. Open Air im Augarten um 21.30 Uhr;   1.  8. Metrokino um 20 Uhr)

Kulturmontag mit Film-Porträt
Walter Arlen hat seine Wiener Wurzeln nie vergessen. Das ganze letzte Jahrhundert wird in seinen Geschichten und in seiner Musik wieder lebendig. ORF 2 sendet zu Walter Arlens 100er Stephanus Domanigs berührende Film-Doku „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“  über den 1938 vertriebenen Musikkritiker und Komponisten (27. 7., 23.35 Uhr)

 

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