© Kurier/Juerg Christandl

Kultur
11/12/2019

Voodoo Jürgens: Ein Kosmos für gebrochene Wiener

Voodoo Jürgens spricht im KURIER-Interview über Angst in der Schule, in der Gesellschaft und seinen „Ohrwaschlkräuler“

von Brigitte Schokarth

„Verbiegen bringt es nicht. Ich mach das alles intuitiv. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass ich auf meine Intuition vertrauen kann. Dass gut funktioniert, was einfach so aus mir rauskommt!“

Was aus Voodoo Jürgens „rauskommt“, funktioniert nicht nur gut, sondern hervorragend. Sein 2016 erschienenes ersten Album „Ansa Woar“ stieg direkt auf Platz eins der Charts ein, wurde mit Gold ausgezeichnet. Und es begeisterte in Deutschland trotz wienerischer Dialekt-Texte über wienerisch-morbide Charaktere am Rande der Gesellschaft von Bayern bis in den Norden des Landes. „Dort habe ich dann aber schon gehört: ‚Das ist ja super was du machst, aber von den Texten hab ich nicht einmal die Hälfte verstanden!‘“, erzählt der als David Öllerer geborene Musiker im KURIER-Interview. „Dort ist es dann offenbar die Stimmung der Musik und das Lebensgefühl das wir transportieren, was gefällt.“

Wie würde Jürgens dieses Lebensgefühl beschreiben? „Es geht mir gar nicht um mein Lebensgefühl. Ich erzähle Geschichten, die ich wert finde zu erzählen, will sie auf den Punkt bringen. Aber neutral – ohne zu sagen, so und so gehört es.“

Auch auf dem neuen Album „’S klane Glücksspiel“ folgt Jürgens diesem Credo, liefert 15 neue Geschichten über Strizzis und Schmarotzer, Zocker und Verlierer. Musikalisch untermalt der 36-Jährige das unkonventionell wie beim Debüt mit Geigen, Bläsern, Gitarren, Akkordeon, und Klavier, fusioniert dabei Chanson, Wienerlied, Balkan-Flair und Jazz zu einer neuen Form, die sich dem üblichen Strophe/Refrain-Schema versperrt und stattdessen lieber die Erzählung der Texte dramatisiert. Und das tut sie diesmal noch pointierter als bei „Ansa Woar“.

Wieder ist es die Intuition und kein ausgeklügelter Masterplan, der Jürgens dahin gebracht hat. „Ich habe mir nie überlegt, wie kann ich rausstechen und am Puls der Zeit sein. Sondern ich hatte – nach dem ich in der Band Die Eternias zehn Jahre auf Englisch gesungen habe – einmal die Grundidee, weil ich viel Qualtinger und André Heller gehört habe. Und je länger man das macht, desto mehr konkretisiert sich, was deins ist.“

Hat Jürgens sich bei „Ansa Woar“ noch in vielen Songs auf seine Jugend in Tulln bezogen, geht er jetzt thematisch mehr auf das Heute ein, wird in „Angst haums“ sogar ein bisschen politisch. Wenn auch nicht mit Absicht. Denn wieder ist es etwas, das „einfach aus mir rauskam“.

„Das Thema liegt ja in der Luft. Aber ich habe mir auch dabei nicht vorgenommen, eine Zeitströmung einzufangen. Erst im Nachhinein hab ich mir gedacht, aha, offensichtlich war es mir ein Anliegen, etwas darüber zu sagen, wie Politiker mit den Ängsten der Leute spielen, sie anstacheln und die Medien das auch noch weitertreiben.“

Zwischen Songs über „Scheidungsleichen“ und „Taxler“ ist einer der Eindrücklichsten „2l Eistee“. Da geht Jürgens erschreckend deutlich auf die Erziehungspraktiken in seiner Schulzeit ein. „Die war schon katastrophal“, sagt er. „Da muss man sich dauern verstellen und auch verstecken. Ich habe nie Hausübungen geschrieben, bin dann immer mit Angst dahin, wollte noch schnell abschreiben, um nicht eine Mitteilung ins Mitteilungsheft zu bekommen. Und dabei hätte ich das ja auch leicht umgehen und die depperte Hausübung machen können.“

Die beschriebenen Erziehungsmethoden wie „In die Ecke stellen“ hat er noch selbst erlebt. „Uns hat das noch gestreift. Man merkte schon, dass ein Umschwung kommt. Aber es gab ein paar alteingesessene Lehrer, denen schon mal die Hand ausgekommen ist, wenn sie extrem wütend waren. Nicht oft, aber es kam vor.“

Wie im mit Jazz Gitti aufgenommenen Titel-Song des Albums bezieht sich Jürgens gern auf frühere Songs. „’S klane Glücksspiel“ erzählt die Geschichte des am ersten Album im Song „Gitti“ nur in einer Nebenrolle vorkommenden „Rickerl“ weiter, in den Videos baut er Dinge ein, die in Songs erwähnt waren. Alles „um einen eigenen Kosmos aufzumachen und die Geschichten der Figuren nach vorn und hinten weiter erzählen zu können.“

Dass die nie gut enden, alle seine Figuren gebrochen sind, ist auch keine Absicht. Aber: „Ich weiß nicht, was ich über einen glücklichen Typen schreiben sollte. Wir haben auch in der Band darüber geredet, dass das alles schon schwere Kost ist. Deshalb hab ich dann ‚Ohrwaschlkräuler‘ geschrieben, was sich von Ohrwurm ableitet. Das ist ein Song, der so ein biss’l auffängt und Trost spendet.“

Voodoo Jürgens auf Tournee:

2. 12. Wien/Arena (ausverkauft)

3. 12. Wien/Arena

4. 12. Salzburg/Rockhouse

5. & 6. 12. Innsbruck/Treibhaus

7. 12. Saalbach/Bergfestival

11. 12. Linz/Posthof

12. 12. St. Pölten/Cinema Paradiso

13. 12. Graz/Orpheum

20. 12. Ebensee/Kino Enensee

14. 2. 2020 Obermarkersdorf/Kufo

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