Für den Song Contest braucht man heuer den "Tanzschein" von Cosmó

Der 19-jährige Cosmó gewann bei "Vienna Calling" das Song-Contest-Ticket mit "Tanzschein". Außerdem gab es Schlagerbombast, Falco-Epigonen und Butterbrot.
Vienna Calling - Wer singt für Österreich?

Der 19-jährige Burgenländer Cosmó wird am 16. Mai Österreich beim Song Contest in Wien vertreten. Es ist natürlich ein undankbarer Job, diese Titelverteidigung. Die Statistik spricht gegen einen. In der Geschichte des Eurovision Song Contests ist es nur vier Mal passiert, dass ein Land zwei Jahre hintereinander gewonnen hat. Gelungen ist es Spanien, Luxemburg, Israel und Irland. Letzteres gewann gleich drei Jahre hintereinander, die müssen wieder übertreiben.

Cosmó vereint einige Erfolgsfaktoren für den Singwettbewerb. Seine Solostern-Gesichtsbemalung steht in der Tradition von Ziggy Stardust, Kiss und allen Kindergartenkind-Eltern, die wieder vergessen haben, rechtzeitig Nachschub an Faschingsschminke zu kaufen. Mit einem Top aus Spiegelfliesen, der Bühnengesellschaft von Löwe und Affe und einem Refrain, der sich in der Einlass-Schlange am Vogelweidplatz trefflich nachgrölen lässt, hätte Cosmó zumindest das Zeug zum Spaßfavoriten.

Er setzte sich schließlich gegen Jury-Favoritin Lena Schaur ("Painted Reality") und die auch selbst von ihrem Punkte-Erfolg überraschte Bamlak Werner ("We are not just one thing") durch.

Wenn man wollte, konnte man unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Vorentscheids zur Vertretung Österreichs - der Show "Vienna Calling" - auch Spuren der drei siegreichen heimischen Vorgänger ausmachen. Es gab einen beseelten Mann am Klavier (Sidrit Vokshi), es gab einen Sänger mit sehr ungewöhnlicher Stimmfarbe (David Kurt) und es gab eine Sängerin in dramatischer Robe. Kayla Krystins Schlager-Powerballade „I brenn“ mit fast ausschließlich Refrain und zugehörigem Flammenwurf auf der Videowall zündete aber weniger Assoziationen an Conchita denn an das brennende Klavier der Makemakes, mit denen Österreich den ESC 2015 von hinten gewann.

Eine Frau im roten Abendkleid singt auf einer Bühne, im Hintergrund lodern große Flammen.

Viel Feuer, wenig Funke: Kayla Krystin mit "I brenn".

Huch, eine Gitarre

Kayla Krystin hat jedenfalls den meisten Stoff von allen getragen. Ihre Rundumschleppe war möglicherweise aus der Altkleidersammlung von Helene Fischers Showgarderobe geschneidert.

Das modische Gegenstück war David Kurt, der im gar legeren Schlurflook mit dem leisen „Pockets Full Of Snow“ antrat. Seine nasale Stimme ließ an die Band „Passenger“ denken und gegen Ende des Songs würde man ihm durchaus gern eine Brustcaramelle reichen. Eine Zweitkarriere als Insta-Story-Soundtrack ist bei diesem Lied vorstellbar. Sympathisch sein Verzicht auf jegliche Showpose.

Ein Mann singt auf einer Bühne mit Mikrofon, im Hintergrund sind Schatten und eine winterliche Landschaft zu sehen.

Hat eine Zukunft auf Instagram: David Kurt und "Pockets Full of Snow".

Auf die waren andere abonniert. Etwa Anna-Sophie, die mit „Superhuman“ einen soliden Popstampfer im Stil von Dua Lipa präsentierte. In einer kuriosen Wendung ließ sie sich eine E-Gitarre reichen, nur um sie nach zweieinhalb Akkorden wieder abzugeben. So als hätte sie kurz vergessen gehabt, dass sie ja gar nicht Gitarre spielen kann.

Eine Frau in rotem Outfit singt auf einer Bühne mit leuchtenden roten Lichteffekten im Hintergrund.

Anna-Sophie mit Anleihen von Dua Lipa in "Superhuman".

Berühmte Wiener

Ein solches Intermezzo gab es auch bei Nikotin, der spielte aber ein paar Takte mehr. Sein Song „Unsterblich“ war einer von zwei Beiträgen, die versuchten, internationales Wissensgut über Wien einzubauen: Man muss sich schon sehr konzentrieren, um Nikotin nicht als Falco-Wiedergänger – mit Locken, ohne Gel – zu empfinden.  Die Textzeile "Ich kann Löffel noch nicht abgeben, den brauch ich fürs Dessert" kauft ihm vielleicht die Bestattung Wien ab.

Eine Person steht auf einer Bühne vor einem leuchtenden Kreis mit Sternmuster und hebt eine Hand in die Luft.

Falco im James-Bond-Kreis: Nikotin mit "Unsterblich".

Die Rockband Frevd bemächtigte sich eines anderen berühmten Wieners, das Buchstabenrätsel ist zu lösen, wenn man schon einmal vor der Inschrift der Secession stand: Sigmund Freud. Letztlich war der Auftritt zu „Riddle“ weniger der Psychoanalyse als dem „Phantom der Oper“ nahe: Der Sänger trug nicht nur eine Halbmaske, es gab auch salbungsvolles „Tatatam“. So klingt es, wenn man gern ein finnischer ESC-Beitrag wäre, aber sich zu ernst nimmt.

Ein Sänger mit weißer, rissiger Maske und weißem Sakko performt auf einer Bühne, daneben ein Musiker mit Kapuze und Gitarre.

V wie vad: Frevd fehlte bei "Riddle" das gewisse Etwas.

Seriöses Liebeskummer-Songwriting gab es von Sidrit Vokshi, der mit einem ganzen Strauß an unreinen Reimen (nah/warst!) wohl Generationen von Germanistikprofessoren nachhaltig verstört hat. Wäre das „Liebesg’schichten und Heiratssachen“, würde seine Klage darüber, dass er nur mehr beim Rauchen an die Verflossene denken muss, eine Flut an Zuschriften mit Nikotinpflaster zeitigen.

Ein Mann spielt Klavier und singt in ein Mikrofon auf einer Bühne mit lila Hintergrundbeleuchtung.

Nikotinpflaster würden helfen: Sridit Vokshi mit "Wenn ich rauche".

Lied über sich selbst

Viel Ohrwurmpotenzial hatte „Julia“ von Julia Steen, eine von Countrypop angetriebene Nummer. Ihr Outfit warf die Frage auf, ob 2024-Sieger-Act Nemo neben seiner Trophäe auch seine Kunstfelljacke wegen Israel-Boykott zurückgegeben hat und sie bei der ESC-Tombola an Julia gegangen ist.

Eine Sängerin mit pinker, flauschiger Jacke tritt mit zwei Tänzerinnen vor pinkem Hintergrund auf.

Ohrwurmpotenzial mit Country-Einschlag bei "Julia" von Julia Steen.

Keinen Kunstpelz, dafür Pomade im Haar gab es bei „Reverend Stomp“. Die Band mit dem erfrischend nicht-songcontest-üblichen Blues in „Mescalero Ranger“ lud zum Träumen ein: Darf Rudolfsheim-Fünfhaus (wo die Stadthalle steht) Louisiana werden? Aber dann müsste man die Visuals im Hintergrund ändern: von der US-Wüste auf, sagen wir, Windräder im Marchfeld im Sonnenuntergang.

Vierköpfige Band spielt auf einer Bühne mit Wüstenlandschaft und Sonnenuntergang im Hintergrund.

"Darf Rudolfsheim-Fünfhaus Lousiana werden?", fragt Reverend Stomp mit "Mescalero Ranger".

In der Sitzlandschaft

Bamlak Werners „We Are Not Just One Thing“ wollte sich vor allem mit nervösen Beats und Migränetrigger-Lichtspielen ins Gedächtnis bohren. Gelang nicht so gut. Dafür war die Mischung aus Techno, Jodel, Rap und Ethno und noch ganz viel mehr zu überladen und unordentlich. 

Frau mit langen Locken singt in glitzerndem Outfit auf einer Bühne mit rotem Hintergrund und Nebel.

Packt ein bisschen viel in nur einen Song: "We are not just one thing" von Bamlak Werner.

Ebenso bei Lena Schaur, die ihre Alannah Myles studiert hat. Dass man sich hier als Bühnendeko für einen großen Luster entschieden hat, weil zumindest Teile des Refrains von „Painted Reality“ Sias „Chandelier“ referenzieren, ist zumindest originell.

Eine Frau in schwarzem Kleid singt leidenschaftlich auf einer Bühne mit rotem Hintergrund und Nebel, zwei Sängerinnen im Hintergrund.

Lena Schaur mit "Painted Reality".

Philosophie? Gewagt

Philip Piller sang in einer Sitzlandschaft „Das Leben ist Kunst“, ewig schade, dass es nicht die Liedzeile „Das Leben ist Butterbrot und Peitsche“ zu Titelehren gebracht hat. Ein Lied, das definitiv zu intellektuell für den Song Contest ist.

Eine Person mit Brille sitzt auf einem großen, mit Stoff bedeckten Sessel und singt in ein Mikrofon.

Philosophie im Sitzen: Philip Piller mit "Das Leben ist Kunst".

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