Veronica Kaup-Hasler: „Ich werde die Zerstörung nicht zulassen“
Sie will „nicht radikal Häuser schließen“: Veronica Kaup-Hasler kämpft um Geld.
Man hat den Eindruck, dass die Wiener Kulturstadträtin jegliche Kontrolle über ihren viel gepriesenen Zauberbesen verloren hat: Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen im dritten Jahr, macht, was er will. Und nun ergänzte er das diesjährige Programm auch noch mit einem nicht abgesegneten „Add-on“ in Form einer Einladung an Peter Thiel.
Dabei hat Veronica Kaup-Hasler ohnedies kein leichtes Los. Denn die mittelfristige Planung von Finanzstadträtin Barbara Novak sieht für 2027 in der Geschäftsgruppe Kultur und Wissenschaft eine Reduzierung der Mittel von 353,7 Millionen Euro auf deren 308 vor, um 45,7 Millionen oder 13 Prozent weniger. Kaup-Hasler aber will sich nicht kampflos fügen. Diesen Eindruck vermittelt sie.
KURIER: Sie standen bei der Festwochen-Eröffnung auf der Bühne und empfingen den „gebenden Blick“ von Braco. Sind Sie nun geheilt?
Veronica Kaup-Hasler: Hier ein Buchtipp einer sehr gern lesenden Stadträtin: „Die Macht des Charlatans“ von Grete de Francesco, 1937 veröffentlicht. Sie war Jüdin, geboren 1893 in Wien, und starb 1945 vermutlich im KZ Ravensbrück. Dieses Buch sollte man lesen! Milo Rau setzt sich in seiner Rolle als Intendant spielerisch mit Scharlatanerie auseinander. So ordne ich den Auftritt von Braco ein. Für mich war das Nonsense, eine Marginalie. Er hat kein Geld bekommen, und es gab auch viele schöne Sachen bei der Eröffnung, viel nachhaltiger war zum Beispiel der Auftritt von Patti Smith.
Braco rühmt sich, vor 120.000 Menschen aufgetreten zu sein. Diese Zahl erscheint uns übertrieben.
Ich habe die Menschen nicht gezählt – und auch nicht diese Zahl veröffentlicht. Da müsste man bei den Festwochen nachfragen. (Diese gaben keine Antwort, Anm.) Aber auch hier gilt: Kinder, Ball flach halten! Man muss nicht immer Superlative anwenden! Der Heldenplatz war jedenfalls rappelvoll.
Wird das Budget der Wiener Festwochen 2027 gekürzt?
Das werden wir nach den Budgetverhandlungen sehen. Ich stehe am Anfang dieser Verhandlungen. Die Festwochen sind das größte Festival, sie müssen finanziell adäquat ausgestattet sein, um ihren kulturpolitischen Auftrag – auch mit Eigenproduktionen in der Oper und im Schauspiel – zu erfüllen. Mein Ziel ist es insgesamt, das Kulturbudget stabil zu halten.
Die Finanzstadträtin sieht das anders: Sie will das Kulturbudget um etwa 45 Millionen kürzen.
Im Moment stehen die Zeichen auf Auseinandersetzung, das muss ich schon sagen. Aber die mittelfristige Finanzplanung hat noch nie mit dem Bedarf übereingestimmt. Die kulturelle Landschaft ist sehr fragil, jede Kürzung macht sich sofort negativ bemerkbar. Und über 90 Prozent des Kulturbudgets werden für Förderungen verwendet. Wir müssen schauen, wie wir – extrem kostenbewusst – diese blühende Landschaft durch die nächsten drei Jahre bringen. Ein Beispiel: Ich habe eine Million Euro für das Kindertheater-Touring in die Hand genommen, aber es handelt sich dabei eigentlich um ein Sparmodell, weil die Produktionen nicht nach ein paar Vorstellungen verschwinden, sondern auf Tournee durch fünf Flächenbezirke – Floridsdorf, Liesing, Simmering, Donaustadt und Favoriten – gehen. Es gibt jetzt also Angebote in Bezirken, in denen es bisher nicht viel für Kinder und Jugendliche gab.
Aber es ist ein zusätzliches Angebot. Das widerspricht dem Ansatz, insgesamt weniger Geld auszugeben.
Es ist trotzdem der Versuch, die Subventionen noch sinnvoller einzusetzen.
Angenommen, Finanzstadträtin Barbara Novak bleibt hart: Wo werden Sie sparen beziehungsweise kürzen? In einem Monat muss das Budget stehen …
Ich habe Modelle vorgelegt, was einnahmenseitig möglich wäre. Das heißt: I did my work, auch wenn ich jetzt nicht konkreter werden kann. Ja, dieser Monat will genutzt werden. Ich werde mich mit all meiner Überzeugungskraft für ein ausreichendes Kulturbudget einsetzen. Wir dürfen die kulturelle Landschaft nicht beschädigen! Ich muss das schützen, was Wien ausmacht und wofür Wien berühmt ist.
Die Finanzstadträtin lässt sich vielleicht nicht mit einem Plädoyer überzeugen. Wo und wie sparen? Sie hatten ein Jahr, sich mit Ihrem Team etwas zu überlegen …
Und diese Zeit haben wir wahrlich genützt. Ich kann nur minimalst einsparen. Aber das ist auch nicht der Punkt. Ich bin ja für das Funktionieren des Kultursektors zuständig. Und ich kann nur sagen, was dieser Sektor braucht, um zu funktionieren. Wir reden über das allerkleinste, aber unglaublich wirkmächtige Ressort. Einer Zerstörung dieses Sektors kann ich nicht zustimmen, und das wollen die Stadtregierung und die Stadt auch nicht. Wir stellen daher nicht den Bau des Kinderkulturhauses ein oder des Atelierhauses. Wir werden die Institutionen weitertragen.
Das sind ja nur minimale Budgetposten.
Wir müssten mit einem Schlag das Volkstheater, die Josefstadt und die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) schließen, um überhaupt auf eine maßgebliche Summe zu kommen. Machen wir das? Nein, das ist unmöglich.
Warum subventioniert die Stadt die Musicals im Ronacher und im Raimund Theater mit geschätzten 20 Millionen Euro pro Jahr? Der Entertainment-Konzern ATG errichtet ein Theater im Prater und will es ab dem Herbst 2027 mit Musicals bespielen. Ohne Subventionen.
Ich würde gerne über Dinge sprechen, für die ich die Verantwortung trage. Diese beiden Bühnen gehören zu den VBW – und damit zur Wien Holding. Über die Subventionierung der Sparte Musical müssen Sie daher mit der Finanzstadträtin sprechen.
Zu den VBW gehört als dritte Bühne das Theater an der Wien, das als Opernhaus geführt wird. Intendant Stefan Herheim musste bereits das Programm massiv kürzen. Und er darf die zweite Spielstätte, die Kammeroper, ab dem Herbst nicht mehr nutzen. Obwohl es von Ihrer Geschäftsgruppe Kultur eine eigene Subvention gibt.
Es gab einen kulturpolitisch klaren Auftrag an VBW-Geschäftsführer Franz Patay und den ehemaligen Wien-Holding-Geschäftsführer Kurt Gollowitzer: Das Theater an der Wien soll weiterhin die Mittel bekommen, die es braucht. Immerhin wurde es zum Opernhaus des Jahres erkoren. Es ist da etwas Großes geglückt. Aber die Umsetzung liegt nicht in meiner Hand. Auch hier kann ich nicht ins operative Geschäft eingreifen.
Zusammengefasst: Sie sehen wirklich nirgends die Möglichkeit, einzusparen?
Man muss zur Kenntnis nehmen, dass große kulturelle Institutionen bereits enorm eingespart haben. Es gibt ein Ende der Fahnenstange, wenn wir nicht radikal Häuser schließen wollen. Mein Ziel hingegen ist, alles bestens zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Schon jetzt wird viel zerstört: Die Theatermacher, die Planungssicherheit benötigen, bejammern, dass es künftig keine Mehrjahresverträge mehr geben soll.
Ja, ich auch. Wir sind in einem gemeinsamen Beschwerdechor. Das ist so.
Dabei waren doch Sie es, der den Theatern diese Entscheidung verkündet hat …
Ja, zu meinem großen Bedauern. Das ist eine Vorgabe der Stadt, daran kann ich nichts ändern. Zum jetzigen Zeitpunkt mehrjährige Zusagen zu machen, wäre unseriös.
Kommentare