Kultur
05.03.2018

Verena Altenberger: Scheitern ist nur einen Schritt entfernt

Verena Altenberger, 30, wollte schon als Kind Schauspielerin werden. Gut so, denn ihre Auszeichnungen, vom Bayrischen bis zum Österreichischen Filmpreis, spechen für sich. Bald könnte die Romy als beliebteste Schauspielerin folgen. In der freizeit erzählt sie, warum sie sieben Sprachen spricht, Angst vor dem Scheitern hat und was ihre Traumrolle ist.

Frau Altenberger, Österreichischer Filmpreis, Bayrischer Filmpreis: bei Ihnen flutscht es nur so. Macht Ihnen der Erfolg Angst?

Ein bisschen Angst habe ich eigentlich immer und auch immer schon gehabt. Das hört nie auf. Aber manchmal ist das ein guter Motor, um nicht bequem zu werden.

Lässt sich Ihre Angst in Worte fassen?

Ich bin selbstständig und der Schauspielberuf ist ein schwieriges Metier. Ich habe bei jeder Rolle das Gefühl, das Scheitern ist nur einen Schritt entfernt. Man darf sich nicht zurücklehnen und denken: „Hey cool, das läuft, jetzt muss ich nichts mehr machen.“ Das stört mich aber auch nicht. Trotzdem war das gerade Ende Jänner und Anfang Februar eine Phase, die ich auch genießen konnte.

Haben Sie manchmal das Gefühl, das geht alles zu schnell?

Na ja, eigentlich ist es nicht schnell gegangen. Angefangen habe ich mit 18 und seither sind zwölf Jahre vergangen. Ich wollte Schauspielerin werden, seit ich mich erinnern kann. Dabei gab es in meiner Familie niemanden, der damit zu tun hatte. Die Mama hatte einen Bauernhof, der Papa ist ein Banker. Ich komme aus Dorfgastein, da gab es wenig Berührungspunkte mit dem Theater und das Theater ist für mich beim Schauspiel der Kernpunkt.

Das heißt, Sie waren als Kind nicht im Theater – oder sind die Eltern mit Ihnen nach Salzburg gefahren?

Das gab es bei uns nicht. Trotzdem habe ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln auf den Schauspielberuf vorbereitet. Ich bin extra in eine Schule gegangen, in der man viele Sprachen lernt. Ich habe mir gedacht, das kannst du einmal für die Schauspielerei brauchen. Ich habe auch Tanzen gelernt. Natürlich, weil es mir Spaß gemacht hat, aber auch mit dem Hintergedanken, dass ich diese Fähigkeiten später einmal brauchen kann.

Sie sind dann mit 18 Jahren auch nach Wien gegangen, um am Reinhard-Seminar zu studieren. Man hat sie aber nicht aufgenommen. Was ist da in Ihnen vorgegangen?

Ich habe weitergemacht. Ab dem ersten Tag habe ich mir in Wien eine Statisten-Agentur gesucht und jeden Statisten-Job angenommen, den ich kriegen konnte. Ich bin auch ständig ins Theater gegangen, weil ich das in Salzburg ja versäumt hatte. Man muss sich viel anschauen, um zu lernen. In Wien habe ich alles aufgesogen wie ein Schwamm. Auch, um zu wissen, was Theatersprache ist. Ich habe manchmal das Gefühl, es ist fast wie eine Fremdsprache. Es ist eine Kunstform, die man verstehen lernen muss.

Ein Theaterabend kann kostspielig sein.

Ich habe immer einen der Stehplätze um 2,50 Euro genommen. Billiger kann man eigentlich nirgends ins Theater gehen. Und sobald es dunkel wird, kann man sich ja vorsetzen. (lacht)

Was war das Wichtigste, was Sie bei Ihren Besuchen dort gelernt haben?

Mut. Wenn du als 18-Jährige einen Text aufsagen sollst, ist das nicht so leicht. Mit dem Aufsagen alleine ist es ja nicht getan. Klar legst du viel Gefühl hinein, aber Theater spielen heißt auch, eine Übersetzung in den ganzen Körper zu finden. Man kann auf einer Bühne herumrennen, man kann schreien. Dazu braucht es den Mut, eine Sprache zu erfinden. Und egal wie abgehoben ein Text ist und in welcher Form er geschrieben ist: Er muss immer so klingen, als würde man ihn in diesem Moment wirklich so sagen.

Sie spielen in der RTL-Serie „Magda macht das schon“ eine Pflegerin mit polnischem Akzent und beherrschen ihn perfekt. Ist das Ihrer frühen Beschäftigung mit Sprache geschuldet?

Wie alt ist man, wenn man ins Gym kommt? Zehn, glaube ich. Die „Europaklasse“ war ein Schulversuch. Wir haben vier Fremdsprachen gelernt und hatten jedes Jahr einen Austausch. Wenn du ab dem zehnten Lebensjahr dein Gehirn darauf trainierst, möglichst viele Sprachen authentisch nachzumachen, ist das schon was. Viel besser kann man sein Gehirn von der Struktur her nicht vorbereiten. Es geht viel ums Auswendiglernen, aber auch ums Hören und Imitieren. Einen Dialekt imitiert man ja im Grunde genommen.

Mit der RTL-Comedy-Serie "Magda macht das schon!" hat Altenberger den Sprung nach Deutschland geschafft

In „Willkommen Österreich“ wurden Sie mit dem Satz angekündigt: „Sie spricht 40 Sprachen und 260 Dialekte.“ Ganz so viele werden es nicht sein, auch wenn es eine Zeitung so übernommen hat.

Das haben Stermann und Grissemann als Witz gesagt. Wenn eine Zeitung Infos aus einer Satiresendung abschreibt, kann ich auch nix dafür. Aber ich finde es toll, wenn es Leute gibt, die mir das zutrauen. Ich dachte mir nur: „Wow!“

Wie viele Sprachen sind es wirklich?

Es bewegt sich im normalen Bereich. Sieben.

Normal ist das nicht.

Normal für viele, die auch an einer Schule wie der meinigen waren. Alle aus meiner Klasse sprechen einige Sprachen.

Als Tirolerin muss ich Sie fragen: Sprechen Sie Tirolerisch?

Ich habe vergangenen Herbst eine Tirolerin gespielt, als ich mit Karl Markovics „Der Geldmacher – Das Wunder von Wörgl“ gedreht habe. Da spielen wir ja alle Tiroler. Ich tu mir aber immer schwer, wenn ich im Radio oder im Fernsehen gebeten werde, einen Dialekt nachzumachen. Ich verweigere immer. Es ist spontan nie so gut wie vorbereitet und dann sagen die Leute, aber so gut ist das jetzt gar nicht.

Wie haben Sie’s gelernt?

Ich suche mir immer Menschen, die nichts mit Schauspielerei am Hut haben, die ich bitte, mir den Text zu lesen.

Hätten Sie mich doch angerufen.

Wenn ich das gewusst hätte! Ich will aber auch nicht, dass mir jemand den Text interpretiert. Das will ich selber machen. Ich möchte den reinen Duktus haben. Das lasse ich mir alles aufs Handy sprechen und höre es mir dann zehntausend Mal an.

Verena Altenberger im Interview mit Barbara Reiter

Verena Altenberger holt ein Süßungsmittel aus ihrer Tasche – für ihren Tee.

Pflanzliches Stevia aus dem Reformhaus.

Sie mögen Bio?

Ich bin auf einem Biobauernhof groß geworden. Meine Mama hat Landwirtschaft studiert. Es gibt in Salzburg den Winklhof, einen Lehrbauernhof. Den kann man vom Land pachten, um dort angehende Bauern und Bäuerinnen zu unterrichten. Die Mama hat den Bauernhof übernommen und war Direktorin dieser landwirtschaftlichen Fachschule.

Gibt es den Hof noch?

Den gibt es. Als meine Mama vor zwei Jahren an Brustkrebs gestorben ist, hat ihn ein anderer Direktor übernommen. Das tut mir leid. Es ist noch nicht lange her.

Man sagt immer, das erste Jahr ist das schwierigste. Da sind wir jetzt drüber hinaus. Aber es ist immer schwer, jemanden zu verlieren, gerade die Mama.

Die Schwere findet sich oft in Ihren Rollen wieder. Sie spielen Prostituierte, drogenabhängige Mütter – ist Ihnen die Rolle der unbeschwerten Magda auf RTL da nicht viel lieber?

Es zieht mich mehr zu den schweren Rollen hin. Alles, was ich in Österreich bisher gemacht habe, war düster. Dabei bin ich eigentlich ein lebensfroher Mensch, der gerne lacht.

Die drogenabhängige Mutter spielen Sie im Film „Die Beste aller Welten“, für den Sie bei der Diagonale 2017 den großen Schauspielpreis gewonnen haben. Sie haben im Milieu recherchiert. War Ihnen diese Welt fremd?

Aus meiner Perspektive sind eher die Superreichen eine fremde Welt. Da würde ich mir schwerer tun, mich hinein zu fühlen. Ich bin aber auch mit Drogenabhängigen vorher nicht in Berührung gekommen. Deshalb war es umso wichtiger, offen zu sein und hinzuschauen. Im Film (Anm.: wahre Geschichte von Regisseur Adrian Goiginger), ist die Mutter des sechsjährigen Buben heroinabhängig, spritzt fünf Mal am Tag, ist danach zwei Stunden ohnmächtig und lässt die Dealer bei sich ein- und ausgehen. Wenn man mir vor meiner Recherche den Fall geschildert hätte, hätte ich gesagt: „Um Gottes Willen, warum nimmt das Jugendamt der Frau das Kind nicht weg?“ Aber ich habe beim Recherchieren liebevolle, abhängige Mütter kennengelernt, die ihre Kinder ganz normal in die Schule schicken, betreuen, sie bekochen und darum kämpfen, nicht mehr abhängig zu sein. Ich habe gelernt, dass es nicht in jeden Fall besser ist, einer Mutter ihr Kind wegzunehmen.

„Die Beste aller Welten“ war der erste Spielfilm von Adrian Goiginger als Regisseur. Wahrscheinlich war das Budget nicht hoch. Angenommen, ein junger Regisseur mit einem tollen Filmprojekt würde Sie gerne engagieren, traut sich aber aufgrund der vielen Preise, die Sie nun gewonnen haben nicht, Sie anzusprechen: Was sagen Sie ihm?

Was Verena Altenberger auf diese Frage geantwortet hat und wie ihre Lieblingsrolle mit der eigenen Geschichte zusammenhängt, lesen Sie in der aktuellen freizeit.

Info: „Magda macht das schon!“ läuft jeden Donnerstag um 21:15 Uhr auf RTL. Bei der Kurier Romy ist sie in der Kategorie beliebteste Schauspielerin Kino/TV für www.diebesteallerwelten.at nominiert. Abstimmung unter: www.romy.at