Kultur
02.12.2017

Verbotenes aus China

Im Roman "Die vier Bücher" schreibt Yan Lianke über den kollektiven Gedächtnisverlust, der die Verehrung von Mao möglich macht.

Ein stellenweise biblischer Text, in dem Wörter wie Umerziehungslager und Ausbeuterklasse vorkommen, ist der Roman "Die vier Bücher".

Spätestens damit wäre – auch – Yan Lianke aus Peking reif für den Nobelpreis. Sein Name stand heuer ganz oben auf der Liste der britischen Buchmacher.

Nach der als "gefühllos" kritisierten Akademie-Entscheidung des Jahres 2012 für Mo Yan, der vielen als Staatsschriftsteller gilt, hätte Yan Lianke die chinesische Literatur ins Gleichgewicht gebracht.

Vertuscht

Der heute 59-Jährige hat sich nie darum gekümmert, ob die Führung mit dem Geschriebenen einverstanden ist. Meistens wurden seine Werke in China sowieso verboten.

Etwa "Der Traum meines Großvaters" (2009) über die armen Bauern in der Provinz Henan, die Blut spendeten ... die Folge: eine Million Aids-Tote. Der Skandal wurde vertuscht.

Auch "Die vier Bücher" wurde von 20 Verlagen abgelehnt, denn man will ja nicht riskieren, behördlich geschlossen zu werden. Selbstverständlich ist auch dieser Roman in Liankes Heimat verboten.

Erinnerung ist ohnehin nur eine Reifenspur im Sand (Copyright, auch wenn’s im Zusammenhang mit dem Nobelpreis nicht ganz so gut passt: Rainhard Fendrich).

Bei geliebten Menschen ist das so und wohl auch, was Diktaturen betrifft.

Sonst würden Wahlen in der Welt heute ganz anders ausgehen.

China bemüht sich noch dazu sehr um den kollektiven Gedächtnisverlust. Das führt dazu, dass Mao heute noch wie ein Gott verehrt wird ... obwohl der "liebe Vorsitzende" zwischen 1958 und 1962 durch die hausgemachte Hungersnot inkl. Folterungen schuld an 45 Millionen Toten ist.

Diese Zahl ist neu, erste Öffnungen der Archive in kleinen Städten für die Wissenschaft haben sie ergeben,

Aber Nobelpreisträger Mo Yan hat in seinen Memoiren die Jahre der "Umerziehungslager" kein einziges Mal erwähnt.

Großer Sprung

Lianke hingegen schrieb gleich einen ganzen Roman über die Zeit vom "Großen Sprung nach vorn" mit den größenwahnsinnigen, gescheiterten, tödlichen Experimenten.

Intellektuelle wurden als sogenannte "Rechtsabweichler" aufs Land gezwungen und sollten dort um zehn, 20-, 30-mal mehr Weizenkörner aus dem Boden holen, als es die kundigen Bauern schafften. Riesenmais sollte geerntet werden ...

Die Landwirtschaft brach zusammen. Die Menschen brachen zusammen.

Yan Lianke erzählt vom Lager Nr. 99 am Gelben Fluss mit den namenlosen, entmenschten Inhaftierten – alles Verbrecher, die Etikettierung geht ganz schnell, denn lesen war plötzlich ein Verbrechen, Sex war ein Verbrechen ...

Rote Blüten

Der Kommandant scheint sehr jung zu sein, er wird nur "das Kind" genannt, und kindisch ist, was er – was Mao – verkündet: Gehorsame bzw. Denunzianten bekommen rote Papierblüten.

Wer 125 hat, darf zu seiner Familie zurück.

Aber ob nur zehn oder 125 Papierln: Man stirbt.

Yan Lianke gibt den Opfern eine Stimme. Vier Bücher sind es, die den Roman speisen (wie die vier Evangelien). Stilistisch sind sie verschieden, man liest gewissermaßen abwechselnd Kafka und Bibel.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. (Aber es war halt nirgendwo Licht.)


Yan Lianke:
„Die vier
Bücher“
Übersetzt von Marc Hermann.
Eichborn Verlag.
352 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern