Vor zwei Wochen in Asien unterwegs, zurzeit im Iran: Die Literatur reißt Vea Kaiser, 26, herum

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Interview
05/02/2015

Vea Kaiser: Nie wieder Gabalier hören

Ihr zweiter Roman "Makarionissi" ist dramatischer als "Blasmusikpop", aber sie bleibt verspielt.

von Peter Pisa

Die Quelle ist nicht versiegt. Es sprudelt wieder Geschichten und Anekdoten; und kommen auch nicht alle aus der Tiefe, so erfrischen sie, und je länger man ihnen lauscht, desto wärmer wird es – soll heißen: "Makarionissi oder Die Insel der Seligen" braucht etwas Zeit und ist "hinten" am allerbesten.

Der Unterschied zum so erfolgreichen Debüt "Blasmusikpop" (2012) ist:

Die Niederösterreicherin Vea Kaiser, auch Kolumnistin der KURIER-freizeit, erlaubt sich Dramatisches. (die gesammelten Kolumnen finden Sie hier)

Glück mit Trudi

In einem Bergdorf an der griechisch-albanischen Grenze zerreißt es eine Familie zur Zeit der Militärdiktatur.

In die halbe Welt schleppen einzelne Mitglieder ihre Vergangenheit (nach Niedersachsen und Chicago und Zürich und sogar nach St. Pölten), sodass die Zukunft wenig Chancen hat.

Vea Kaiser schuf Helden, die nichts und niemanden brauchen – aber der Lefti Zifkos kriegt seine Trudi, und die Eleni Stefanidis den Otto.

Denn es ist halt schon ein großes Glück, wenn man in trauter Zweisamkeit furzen kann, ohne sich genieren zu müssen. (Eine Feststellung im Roman; wobei das Wort "Pups" verwendet wird.)

Trost mag auch diese Erkenntnis sein, zumindest im Buch ist sie das:

Die große Liebe trifft man mehrmals im Leben.

Von 1956 bis 2014 erzählt Vea Kaiser und gönnt sich viel Platz fürs Fabulieren:

Reden wir über den Buchsbaumzünsler!

Schauen wir in ein griechisches Restaurant, in dem australische Riesenameisen geröstet werden!

Beobachten wir eine Autolenkerin, die einen Zug zum Entgleisen bringt. Sie war nämlich bei Musik vom "VolksRock'n'Roller" in Ekstase geraten, hatte Brems- mit Gaspedal verwechselt und war mit Schwung vor einen herannahenden Zug auf die Schienen gesprungen.

Weil alles halbwegs gut endete, schwört die Dame, nie wieder Gabalier zu hören ... (Und das darf man vielleicht auch als Statement der Autorin verstanden wissen.)

Hauptsächlich geht es ums Loslassen.

Oder um Versöhnung.

Um Sehnsüchte, Neuanfänge, Einsamkeit, um Unterhaltung – der Versuch, mit Vea Kaisers Hilfe etwas Ordnung zu schaffen, scheitert kläglich ...

***

KURIER: Sind Sie in der Lage, das für Sie Wesentlichste kurz zusammenzufassen?

Vea Kaiser: Die traurige Wahrheit ist: Wenn ich den Roman in zwei, drei Sätzen zusammenfassen könnte, hätte ich ihn ja nicht schreiben müssen. Ein Roman ist für mich eine Gattung, die entwirft, die anbietet, die ausfaltet, aber keine endgültige Aussage über das Leben trifft wie eine Fabel, wo es am Ende immer heißt "und die Moral von der Geschicht'".

Laut Facebook waren Ihnen die Krimis von Petros Markaris Inspiration für den griechischen Teil. Was aber inspirierte zu Hildesheim, wohin der Roman wandert? Ihr einjähriges Studium dort? Bernd Clüvers Lied "Der Junge mit der Mundharmonika"? Er stammte aus Hildesheim.

Irgendetwas haben Sie falsch verstanden. Die Markaris-Krimis waren keine Inspiration. Ich hab’ aber alle Markaris-Krimis zur Recherche gelesen, genau wie 76 andere Bücher – einfach um zu sehen, wie gehen andere Autoren mit Griechenland um. Alle Schauplätze im Buch, Chicago, Zürich, St. Pölten .... sind Stationen meiner eigenen Biografie. Orte, an denen ich länger Zeit verbracht, gelebt, geliebt, gelitten habe.

Hat Ihnen das Kreative-Schreiben-Studium in Hildesheim irgendetwas gebracht?

Das Studium selbst nichts. Gar nichts. Allerdings hab’ ich einen meiner allerbesten Freunde dort kennengelernt, den Schriftsteller Kevin Kuhn. Wir haben uns irrsinnig beim Verfassen unserer Romane unterstützt – tun wir nach wie vor. Freundschaft fürs Leben. Das war es dann eh wert.

Was bringt am meisten?

Leben. Erleben. Durchleben. Natürlich muss man nicht jede Erfahrung selbst machen. Aber man muss genug Erfahrung haben, um sich Dinge wirklich mit allen Sinnen vorstellen zu können. Fühlen zu können.

Buch zwei ist nicht mehr so fröhlich, wie es "Blasmusikpop" war. Hängt das damit zusammen, dass Sie mittlerweile ... alt geworden sind?

Entschuldigung, ich bin 26! Ich würde das jetzt nicht unbedingt "alt werden'" nennen.

Haben Sie während des Schreibens gemerkt, dass Sie erwachsener, g'scheiter, abgeklärter wurden?

Klar wird man erwachsener, etwas reifer, aber Gott sei Dank nicht weniger verspielt. Das hat mich beruhigt.

Wollten Sie nicht von Bandwürmer in der Monarchie erzählen? Kommen die bitte im nächsten Roman?

Auf jeden Fall werden die Kronländer der Monarchie und eine Leiche eine wichtige Rolle spielen. Inwiefern das mit Bandwürmern zu tun hat, wird sich dann beim Schreiben zeigen. Das hab ich ja mittlerweile verstanden: Die Geschichte macht eh immer, was sie will.

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