Hinter dem glänzend polierten Gründungsmythos der USA
Es war ein unscheinbares, von Thomas Jefferson mit schmaler Handschrift verfasstes Manuskript, das die Vertreter der britischen Kolonien in der Neuen Welt am 4. Juli 1776 unterzeichneten. Dabei waren viele Delegierte noch zögerlich: Sich von der Kolonialgroßmacht in London lossagen? Doch die Unabhängigkeitserklärung, die heuer in den USA mit großem Pomp zum 250. Mal gefeiert wird, schuf eine neue politische Gemeinschaft – und ein neues Volk.
Was als bitterer Steuerstreit mit London begonnen hatte, führte seine ehemaligen Kolonien – nach blutigen Kämpfen und Kriegen – in die Freiheit.
Millionen Sklaven
Mit allen pathetischen Heldenerklärungen, die heuer in Washington zu erwarten sind, räumt der Mannheimer Historiker Hiram Kümper gründlich auf. Kenntnisreich und spannend rollt er die Entstehungsgeschichte der USA vor, während und nach den Geburtsstunden des jungen Staates auf.
Dabei seziert er ein Politikverständnis, das seine Freiheitsideen exportierte, während es im Inneren Millionen versklavte Schwarze und Indigene systematisch unterdrückte, vertrieb und von seinen Grundsätzen ausschloss: Selbstbestimmung, Gleichheit und unveräußerliche Rechte.
Die Unabhängigkeitserklärung und die erst 13 Jahre später ausgearbeitete Verfassung von 1789 gehören bis heute zum Seelengerüst der USA. Und von Anfang an, so schildert es Kümper, sind die USA eine gespaltene Nation: zwischen den Föderalisten, die einen starken Bundesstaat anstreben, und den Antiföderalisten, denen Regierung und Staat und Steuern möglichst vom Leib bleiben sollen.
Diese Widersprüche und eminenten inneren Kämpfe hätten die USA immer wieder nach vorne gebracht, glaubt Kümper. Nur heute – und da spannt der Historiker den Bogen bis zu US-Präsident Donald Trump – fragt er sich, „ob die amerikanische Demokratie noch die Fähigkeit besitzt, aus Konflikten Stärke zu gewinnen“.
Hiram Kümper: „Mythos 1776“, Propyläen, 470 Seiten, 26 Euro
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