Kultur
06.05.2017

Urbane Legenden: Die Märchen von heute

Giftige Spinnen in der Topfpflanze, Krokodile im Kanal: Urbane Mythen sind die Märchen von heute, das Internet übernimmt die Arbeit der Gebrüder Grimm. Und so wie einst ist nicht alles gänzlich erfunden ...

Man hört ja viel, aber haben Sie vielleicht das auch schon gehört? Die Geschichte von jener Frau, die jahrelang tagein und tagaus bei einer bestimmten Stelle einer Stadt Position bezieht und wartet. Und wartet. Und wartet.
Auf ihren Mann, ihre einzige Liebe im Leben.


So oder so ähnlich wird diese Story in den verschiedensten Sprachen erzählt. Sowie in den unterschiedlichsten Ländern und Städten. Auch in Wien. Wenn man so will, führt die lokale Version dieser urbanen Legende direkt zur „Spinnerin am Kreuz“ an der Triester Straße. Tausende Autofahrer kommen hier täglich vorbei. Die wenigsten aber wissen, dass diese kunstvoll verzierte Steinsäule an die glückliche Heimkehr eines Kreuzfahrers erinnert. Der Legende nach zumindest. Besser gesagt: Laut zumindest einer Version der Sage von der „Spinnerin am Kreuz“, denn es existieren immerhin sieben unterschiedliche Fassungen davon, inklusive jener, in der man sich in der benachbarten Gemeinde Inzersdorf von einer zum Tode verurteilten Goldspinnerin erzählt habe, die genau jene besagte steinerne Kreuzsäule gestiftet haben soll, nachdem sie sich durch eine Fülle von Spenden die Freiheit erkauft habe.

So ein Kreuz

Das ist ja das Kreuz mit Sagen und Legenden: Nichts Genaues weiß man nicht, man hat alles nur von einem Freund, der es von einem Freund erzählt bekam.

Vor 205 Jahren waren es die Volkskundler Jacob und Wilhelm Grimm, die mündlich überlieferte „Kinder- und Hausmärchen“ wie jene vom „Rotkäppchen“ oder von „Hänsel und Gretel“ niederschrieben und als Buch herausgaben.

Kroko im Kanal

Das war noch Lichtjahre davon entfernt, als Menschen begannen, einander davon zu erzählen, Elvis sei von Außerirdischen entführt worden. Oder davon, dass sich Krokodile im New Yorker Kanalsystem tummeln. Ebenso bekannt sind Legenden von Mäusen, die sich unbemerkt an Bord von Flugzeugen schlichen und dort eine Gefahr für die Kabelstränge bedeutet haben sollen. Auch die Mär von einer giftigen Spinne in der Yucca-Palme machte die Runde: Laut Rolf Wilhelm Brednich, der dieses makabre Kleintier zum Star seiner vor 25 Jahren erstmals erschienenen „Sagenhaften Geschichten von heute“ machte, wurde es mit einer geschenkten Topfpflanze unabhängig voneinander in Haushalte in Deutschland, Schweden und England eingeschleust.

Ist das nun alles bloß leicht übertrieben oder doch schon der totale Blödsinn?

So leicht lässt sich das gar nicht beantworten. Vor einigen Jahren schaffte es ein gewisser George Turklebaum zu internationaler Medienprominenz, da er fünf Tage lang tot an seinem Schreibtisch im Großraumbüro gesessen sein soll, ohne dass es seinen Kollegen aufgefallen wäre. Die Moritat machte von der Londoner Times bis zur BBC die Runde. Dumm dabei: Die von vielen ernst genommene Zeitungsnotiz war ursprünglich eine Scherzmeldung der US-amerikanischen Satirezeitschrift Weekly World News.

Warum dieser makabre Scherz sich dennoch so lange als durchaus ernst zu nehmendes Gerücht hielt, ist rasch aufgeklärt. Sagenhaftes verträgt sich gut mit überbordender Fantasie, so nach dem Motto: je unglaubwürdiger, desto eher findet es Gehör.

So oder so, der Vorrat an urban legends habe sich allmählich erschöpft, konstatiert der deutsche Ethnologe Rolf Wilhelm Brednich, "und zwar nicht nur im deutschen Sprachbereich, sondern international". Ihn selbst hat es vor etwas zehn Jahren nach Australien und Neuseeland gezogen und er hat das Kapitel urbane Mythen für sich beendet. Brednich: "Auch die Brüder Grimm mussten nach drei Bänden und 200+ Märchen eingestehen, dass mehr auf diesem Markt nicht vorhanden war."

Urbane Mythen

Das ist es auch, was moderne „urbane Mythen“ mit alten Sagen verbindet. Denn das Weitersagen solcher Gschichterln funktioniert seit Jahrhunderten nach demselben Prinzip. „Grundsätzlich ist eine Sage eine Erzählung, die durchaus wahr sein kann, es aber mit der historischen Genauigkeit nicht so exakt meint“, sagt Sagen-Spezialist Wolfgang Morscher aus Innsbruck.

18.000 Sagen

Mehr als 18.000 Sagen aus aller Welt hat er zusammengetragen, von Albanien bis Ungarn, von Belgien bis zu den Vereinigten Staaten. In diesem Schatz finden sich allein aus Österreich mehr als zehntausend Sagen. Sie alle liegen sowohl in Buchform – „Die schönsten Sagen aus Österreich“ (Haymon Verlag) – vor, sind aber ebenso frei im Internet zugänglich.

Apropos: Gerade das so rational funktionierende Internet bringt zu Tage, dass wir uns auch in der vielgelobten und -bemühten fortschrittlichen Welt 4.0 mitunter wie Hinterwäldler verhalten. Morscher: „Beim wiederholten Verkehrsunfall an bestimmter Stelle gibt es etwa eine Kontinuität zu Unfällen mit Kutschen, die Jahrhunderte zurückliegen.“ Bei aktuellen Bauprojekten kommt es laut dem Volkskundler immer wieder vor, dass Gutgläubige vor verstaubtem Spuk kapitulieren.

Superpromis im Yellow Cab

Dazu kommt, dass manche Medien die Bereitschaft fördern, urbane Mythen für bare Münze zu nehmen. Das US-Magazin Vanity Fair etwa thematisierte als Erster, dass sich die Superpromis Michael Jackson, Elizabeth Taylor und Marlon Brando auf der Flucht vor den 9/11-Anschlägen in New York ein Yellow Cab geteilt hätten. Als ob das den Lauf der Welt geändert hätte. Der TV-Sender Sky Arts machte jedenfalls dieses Gerücht zum Auftakt seiner vor wenigen Wochen gestarteten Reihe „Urban Myths“, in der Unglaubliches auf seinen Wahrheitsgehalt abgeklopft wird.

Zurückgezogen aber wurde die Ausstrahlung jener Episode nicht, weil sie grundlos herbeifantasiert wäre – sondern, weil sich Tochter Paris Jackson daran stieß, dass ihr Vater darin ausgerechnet von einem Weißen – Ralph Fiennes – dargestellt wurde.

Die Debatte um News und Fake-News zeigt außerdem: Per E-Mail und sozialen Medien breiten sich Gerüchte wesentlich schneller rund um den Globus aus. Ein „Ausbrechen aus diesem Horizont“ sei derzeit für viele Menschen nicht leicht, meint Morscher.

Makabres kommt an

Dass der Anteil des Makabren bei der mündlichen Überlieferung von Sagen und Mythen so hoch sei, führt der Volkskundler auf unsere Natur zurück und illustriert dies mit einem persönlichen Beispiel. „Als meine Frau schwanger wurde“, so Wolfgang Morscher, „wurden wir von immer mehr Leuten angesprochen, die uns Dinge erzählten, die Freunden von Freunden bei der Schwangerschaft und Geburt passiert seien. Ob bei der Bushaltestelle oder im Supermarkt, es sprachen uns Unbekannte an, die uns mit dramatischen Geschichten regelrecht schrecken wollten. Neben einem schadenfrohen Motiv dürften bei solchem Verhalten auch Elemente der Warnsage mitspielen.“

Morscher ahnt den Grund zu kennen, warum der moralische Fingerzeig nach wie vor so beliebt ist: „Vielleicht liegt es in unserer Gesellschaft, dass wir bei neuen Errungenschaften zuerst die Nachteile abwägen.“

Lust aus Sagenhaftes?

Die Wiener Psychotherapeutin Claudia Gertrude Trausmuth meint, dass es in der Natur des Menschen liege, etwas Spannendes zu berichten und auch hören zu wollen. "Ein angstauslösender Stimulus – etwa eine gruselige Geschichte – sowie das Wissen, dass einem nichts passieren kann, löst Lustvolles in uns aus. Angst wird hier positiv wahrgenommen, obwohl sie allein für sich eine unangenehme Erfahrung darstellt. Die starke Erregung des freiwilligen Schauderns oder Erschreckens wird zum Kick, da man weiß, dass es für einen selbst gut ausgeht."