Kultur
24.03.2017

"Unschuldsengel" im Rollstuhl wird zum Politikum

Zwischen Moskau und Kiew wird alles zur Waffe – jetzt ist der Song Contest zu einer geworden.

Der Eurovision Song Contest (ESC) und die Krim scheinen eine schicksalhafte Beziehung zueinander zu haben. Ein Lied über die Krim und die Vertreibung der Tataren durch Stalin 1944 brachte der Ukraine im Vorjahr den Sieg – und damit den Song Contest 2017 nach Kiew. Moskau demonstrierte damals: Das Lied sei politisch gewesen. Und jetzt ist es schon wieder die Krim, die rundfür Wirbel sorgt.Schließlich hatte der ukrainische Geheimdienst bekannt gegeben, die von Russland nominierte ESC-Teilnehmerin, Julia Samoilowa, nicht einreisen lassen zu wollen – wegen der Krim. War die mit dem Kreml bestens vernetzte Sängerin doch 2015 auf der von Russland annektierten Halbinsel aufgetreten – und damit aus Sicht Kiews illegal in die Ukraine eingereist. Wegen dieses Auftritts war sie auf einer Liste unerwünschter Personen gestanden. Ukrainische Medien berichten trocken über diese Entscheidung – und durchaus verständnissvoll. Ein Präzedenzfall sei verhindert worden, so der Tenor.

Boykott

Der Kreml aber tobt erwartungsgemäß – auf höchster Ebene. Sprecher Peskow sprach von einem "Schlag für das Image" des ESC. Ein Boykott durch das russische Fernsehen steht im Raum. Die Europäische Rundfunk Union (EBU) ist ratlos und drängt auf Einigung. Vorgeschlagen wurde, Samoilowa per Videoschaltung teilnehmen zu lassen. Dies lehnte der russische Fernsehsender Perwy-Kanal jedoch prompt ab. Politikfrei sollte er sein, der Contest. Diesmal wird er aber zum Politikum. Dabei kann man schon Samoilowas Nominierung durchaus als zynische Breitseite gegen Kiew verstehen. Zumindest dürfte dahinter einiges an Kalkül gestanden sein. Denn dass ihr laut ukrainischer Gesetzgebung eine Einreiseverweigerung droht, lag auf der Hand. Dass sie zudem für Moskau als im Rollstuhl sitzender blonder Unschuldsengel das perfekte Opfer einer aus Sicht Russlands illegitimen Regierung in Kiew abgeben würde, ebenso.Nicht so ganz abzusehen allerdings war, dass die Behörden in Kiew sehenden Auges in diesen Fettnapf treten würden, den ihnen der Kreml da allseits sichtbar vor die Füße geschoben hatte. Denn wenn sich in diesem seit Anfang 2014 laufenden Krieg zwischen der Ukraine und Russland eines gezeigt hat dann, dass er auf vielerlei Ebenen geführt wird – und, dass die militärische Dimension nur eine von vielen ist.Dass Samoilowa jetzt Interviews gibt, in denen sie über ihren Traum vom ESC schwärmt, der ihr verwehrt worden sei und sich gar unpolitisch gibt (obschon sie 2014 bei der Eröffnung der Paralympics in Sotchi sang, was durchaus als Anerkennung des Kreml gewertet werden kann), war absehbar.Sieben Wochen sind es noch bis zum ESC. Gefährlich viel Zeit für Interviews.