Vom Schmusetier zum Raubtier: Eine Horde Hunde rächt sich

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Von Hundefängern gejagt und zur Bestie ausgebildet
08/27/2015

Von Hundefängern gejagt und zur Bestie ausgebildet

"Underdog": Sozialkritischer Horror-Schocker über die menschlichen Seiten von Hunden. Weiters: "Trenker", "Compton", "Der Chor" u.v.a.

Tierische Helden gibt es in der Filmgeschichte jede Menge. Von Rin Tin Tin über Lassie bis hin zu Flipper und Schweinchen Babe: Fast immer sind sie die besten Freunde des Menschen und haben meist sogar menschliche Fähigkeiten – sie können sprechen, schmusen und manchmal die Welt retten.

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó hat einen etwas anderen Tierfilm gedreht. Sein Hunde-Held heißt Hagen und lebt mit seiner Besitzerin Lili (Zsófia Psotta) in Budapest. Er hat kurzes braunes Fell, treue blaue Augen und ausgeprägte Schwächen für Musik und frisches Rindfleisch. Als die ungarische Regierung eine Extra-Steuer auf Mischlinge beschließt, um reinrassige Hunde zu begünstigen, setzt Lilis Vater Hagen auf den Budapester Straßen aus. Parallel erzählt der Film Lilis Suche nach dem geliebten Schmusetier und den Erlebnissen des Hundes.

Hundefänger

Hagen wird von Hundefängern gejagt, er wird in einem heruntergekommenen Tierheim gequält und von sadistischen Hundetrainern ausgebildet – für illegale Hundekämpfe, bei denen es um Leben und Tod geht. Die Gewalt, mit der dieser "Underdog" konfrontiert wird, ist als Allegorie auf den zwischenmenschlichen Umgang mit Schwächeren oder Minderheiten zu verstehen. Der geliebte Haushund verwandelt sich zusehends in einen blutrünstigen und gemeingefährlichen Köter. Als Rudelführer versammelt er weitere ausgesetzte Hunde um sich und verunsichert die Straßen von Budapest. Am Ende erkennt Lili in der Bestie ihren treuen Hagen wieder. Es kommt zum Showdown zwischen dem Hund und seiner ehemaligen Besitzerin – und es stellt sich die Frage, welche Instinkte am Ende die Überhand gewinnen.

Der Film kommt ganz ohne Tricks und Animationen aus. Es gibt spektakuläre und authentisch wirkende Verfolgungsjagden zwischen Straßenkötern und Hundefängern, es gibt Massenszenen mit über 250 Hunden, die gemeinsam durch die Straßen von Budapest jagen und alles niedertrampeln. Und es gibt natürlich auch immer wieder die direkte Konfrontation zwischen Mensch und Tier.

Parabel

Dem ungarischen Regisseur ist damit eine ungewöhnliche Gratwanderung zwischen Horrorfilm und Sozialdrama gelungen, für Freunde von gut gemachten Thrillern – egal ob man Hunde mag oder nicht. Man kann diesen Film vor allem auch als Parabel sehen – über den Umgang mit Flüchtlingen und sozialen Randgruppen – nicht nur in Ungarn.

KURIER-Wertung:

INFO: "Underdog". Thriller. U/D/S 2014. 121. Min. Von Kornél Mundruczó. Mit Zsófia Psotta, Sándor Zsótér.

Hitlers Geliebte am Hintern getätschelt

Luis Trenker (1892–1990) kannte Hitler, Göring, Goebbels und wurde von diversen Nazigrößen protegiert. Hitlers Geliebte Eva Braun hatte er, wie er in seinen Memoiren bekannte, beim Tanz den Hintern getätschelt. Regisseur Murnberger hat sich nun die schwierige Aufgabe gestellt, den Bergsteiger ins urbane Flachland des Kinos zu holen – und er hat dafür, um es gleich vorwegzunehmen, in seinem Hauptdarsteller Tobias Moretti einen idealen Partner gefunden.

Moretti spielt den Trenker als charmanten Geschichtenerzähler, der die Tagebücher von Eva Braun an Hollywood verkaufen will. Leni Riefenstahl, etwas zu exaltiert gespielt von der Salzburger Ex-"Buhlschaft" Brigitte Hobmeier, bezweifelt deren Echtheit und bringt Trenker vor Gericht – sie fühlt sich darin als G’spusi Adolf Hitlers verunglimpft. Trotz Nahverhältnis zu den Mächtigen seiner Zeit bezeichnete sich Trenker als unpolitischen Menschen. Eine Ausrede, die Murnberger zugunsten des Unterhaltungswerts seines Films nicht wirklich hinterfragt.

KURIER-Wertung:

INFO: "Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit". Drama. Ö/D 2015. 90 Min. Von Wolfgang Murnberger. Mit: Tobias Moretti, Brigitte Hobmeier.

Der Soundtrack der Empörung

Umgeben von unzähligen Schallplatten liegt ein junger Mann auf dem Boden seines Zimmers. Während am Plattenspieler „Everybody loves the Sunshine“ von Roy Ayers rotiert, versucht er den tristen Alltag in Compton, einem von Gang-Auseinandersetzungen und Polizeigewalt geprägten Vorort von Los Angeles, auszublenden. Die Ruhe währt aber nicht lange: Die Mutter nervt. Denn der Sohn soll endlich was arbeiten, anstatt auf der faulen Haut herumzuliegen. Nach einem intensiven Wortgefecht, das mit einer Ohrfeige endet, ist die Sache ein für alle Mal geklärt: Der Bub verlässt wütend das Haus und wird fortan seine Brötchen als DJ verdienen. Es ist der Beginn der bis heute andauernden Erfolgsgeschichte von Andre Young, besser bekannt als Dr. Dre, und der Anfang von „Straight Outta Compton“.

Das Biopic über die Rapper von N.W.A. ("Niggaz Wit Attitudes"), zu denen Dr. Dre, der mit dem „Compton“-Soundtrack soeben sein drittes Soloalbum vorgelegt hat, Ice Cube, MC Ren, Eazy-E und DJ Yella zählen, ist überaus erfolgreich in den US-Kinos gestartet und spielte mehr als 56 Millionen Dollar (umgerechnet über 50 Millionen Euro) ein. Damit ist die Gangsta-Rap-Geschichte der Blockbuster des Sommers.

"Straight Outta Compton" führt zurück in die 80er Jahre. In Compton ziehen Gangs durch die Straßen, Drogen und Gewalt stehen an der Tagesordnung und die Polizei geht systematisch wie brutal gegen die Kriminalität vor: Häuser werden durchsucht, Menschen verprügelt und die vorwiegend schwarze Bevölkerung schikaniert. Jeder ist verdächtig. In diesem Umfeld treffen sich EricEazy-E“ Wright (Jason Mitchell), der sein Geld mit Drogen-Geschäften verdient, “Dr. Dre“, hervorragend gespielt von Corey Hawkins und Ice Cube, der von seinem Sohn O'Shea Jackson Jr. beeindruckend verkörpert wird. Sie gründen das Label “Ruthless Records“ und holen noch DJ Yella (Neil Brown, Jr.) und MC Ren (Aldis Hodge) mit an Bord. Es ist die Geburtsstunde der einflussreichen Hip-Hop-Combo N.W.A.

Mordverdacht

In den folgenden zweieinhalb Stunden ist man dabei, wie das Album "Straight Outta Compton" entsteht, der erste Plattenvertrag unterschrieben wird, sie vom Manager Jerry Heller (Paul Giamatti) über Nacht groß gemacht und aus talentierten Rappern findige Geschäftsmänner werden. Man feiert mit, wenn sich die Crew nach dem Konzert mit dutzenden Frauen, teurem Schampus und lustigen Zigaretten belohnt. Aber wo Erfolge, da auch Neider. Als das Album die Charts stürmt, dauert es nicht lange, bis die ersten Streitereien um die Aufteilung der verdienten Millionen einsetzen.

1989 steigt Ice Cube aus und ist zwei Jahre danach noch derart negativ gegenüber seinen einstigen Mitstreitern gestimmt, dass er sie mit dem Track „No Vaseline“ übelst beschimpft. Auch Dr. Dre sucht das Weite und gründet mit Suge Knight, der im Film von R. Marcos Taylor als gewalttätiger und psychopathischer Unterwelt-Boss dargestellt wird, das Label Death Row Records. Aktuell sitzt Knight im Gefängnis, weil er zwei Leute mit seinem SUV überfahren haben soll, die am Set des Films beteiligt waren. Einer der beiden Männer starb, während der andere schwer verletzt überlebte. Knight wurde unter Mordverdacht festgenommen.

Das vom ehemaligen Videoregisseur F. Gary Gray umgesetzte Biopic handelt sich chronologisch, episodenhaft durch die einzelnen Stationen der kurzen, aber intensiven Karriere von N.W.A. Dabei fällt einiges unter den Tisch. So bekommt man nur am Rande mit, dass die Band schon vor dem Durchbruchalbum “Straight Outta Compton” Musik machte und Platten veröffentlichte. Auch das damalige Mitglied Arabian Prince ist nicht zu sehen. Kritische Töne gibt es aber wegen eines Vorfalls aus Dr. Dres Vergangenheit, der im Film nicht gezeigt wird. Die Rede ist etwa von Dres Angriff auf Dee Barnes, eine Fernsehmoderatorin, die der Rapper auf einer Party im Jahr 1991 zusammenschlug. Dr. Dre wurde für die Tat von einem Gericht in Los Angeles zu Geldstrafe sowie einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Auch die sexuellen Missbrauchsvorwürfe, für die sich Dre nun offiziell entschuldigte, haben im Film keinen Platz.

Bilder aus dem Film

Straight Outta Compton Corey Hawkins

Straight Outta Compton

Straight Outta Compton cast

Straight Outta Compton O'Shea Jackson Jr. Corey Ha

Straight Outta Compton

Film Title: Straight Outta Compton

Straight Outta Compton

Straight Outta Compton

Straight Outta Compton

Straight Outta Compton

Aktuelle Note

Als die Bandmitglieder im Rahmen ihrer Studioaufnahmen in einer weißen Gegend kurz vergessen haben, wer sie in den Augen der Polizisten sind - nämlich keine Künstler, sondern potentielle Gangster - bekommt „Straight Outta Compton“ eine aktuelle Note. Ohne ersichtlichen Grund werden Dr. Dre und Co. von den Cops dazu angehalten, sich auf den Boden zu legen und sich kontrollieren zu lassen. Gewalt wird angewendet, das F-Wort bedient und Schusswaffengebrauch angedroht. Diese Situation könnte gut und gerne aus dem Jahr 2015 stammen, denn es häufen sich wieder brutale Übergriffe der Polizei gegenüber der schwarzen US-Bevölkerung. Noch heute gilt: Wenn man als Schwarzer in Amerika lebt, gilt es, nicht weiter ungut aufzufallen. „Geh in der Reihe. Arbeite leise. Mach nichts falsch“, lauten die Regeln.

Gegen diese sozialen Missstände machten N.W.A. in ihren Texten aufmerksam. Sie rappten über das Leben auf der Straße, forderten Gleichberechtigung und eine bessere Zukunft ein. „Fuck Tha Police“ heißt einer ihrer erfolgreichsten wie provokantesten Songs, der in allen Radiostationen sowie beim Musikfernsehsender MTV verboten war. Die Botschaft ist klar und wird auch heute noch in den Straßen Amerikas skandiert. „Straight Outta Compton“ hat alles, was ein Hollywood-Märchen braucht: Action, Drama, Sex, gute Musik und ein tragisches Ende. Es gibt Gewinner (Dr. Dre, Ice Cube) und Verlierer: Eazy-E starb 1995 an Aids.

Infos: "Straight Outta Compton" ist ab 27. August in den heimischen Kinos zu sehen.

Chorknabe mit Herz, Seele und Kehle

Wieder einmal ist die Musik ein Mittel zum sozialen Aufstieg. Nach dem Tod seiner Mutter muss sich der talentierte, aber rebellische Schüler Stet (Garrett Wareing) auf einem Elite-Musikinternat zurechtfinden. Der strenge Chorleiter Carvelle (Dustin Hoffman), entdeckt erst allmählich die überragende Stimme des Zwölfjährigen.

Der "American Boychoir", zu dessen Star er wird, ist das US-Pendant zu den Wiener Sängerknaben. Beim gemeinsamen Auftritt im Chor – auf Bühnen, die er alleine nie zu betreten gewagt hätte, wächst der jugendliche Held auch menschlich. Musik und Darsteller versöhnen mit dem klischeehaften Plot, in dem es weniger um schöne Stimmen geht als um den Kampf eines Teenagers um Liebe und Anerkennung.

KURIER-Wertung:

INFO: "Der Chor – Stimmen des Herzens". Drama. USA 2014. 103 Min. Von François Girard. Mit Dustin Hoffman.

Mit Fellini durch tausend und eine Nacht

Mit einem farbenprächtigen Film-Märchen hält der sonst eher auf Mafia-Dramen spezialisierte Regisseur Matteo Garrone ("Gomorrha") der internationalen Seitenblicke-Gesellschaft einen Spiegel vor und holte dafür die moralistische Märchensammlung "Das Pentameron" von Giambattista Basile vom 17. ins 21. Jahrhundert. Es geht darin weniger um den Kampf Gut gegen Böse, der die Hollywood-Märchen dominiert, sondern um soziale Ungerechtigkeiten und Gegensätze.

Mit der Mischung aus opulenten Bildern und Sozialkritik will der Regisseur an seine zwei großen Vorbilder erinnern: an Federico Fellini und an Pier Paolo Pasolini. Ein ehrgeiziger Ansatz, der Garrone nicht durchwegs gelungen ist.

KURIER-Wertung:

INFO: "Das Märchen der Märchen". Fantasy. I/F/GB 2015. 134 Min. Von Matteo Garrone. Mit Salma Hayek, Vincent Cassel.

Zwei Männer und zwei Frauen im Liebeschaos

In eleganten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt der Film von einem Mann und einer Frau, die zusammen an einem Dokumentarfilm über die französische Resistance arbeiten. Sie verbringen also nicht nur die Feierabende gemeinsam, sondern auch ihre gesamte "Dienstzeit".

Pierre und Manon haben kein Geld und leben sozusagen von der Hand in den Mund. Dem allzu langen und zermürbenden Ehealltag versuchen sie durch Seitensprünge zu entfliehen.Trotz seiner jungen Geliebten, einer Praktikantin, will Pierre aber seine Frau nicht verlassen. Er will – wie viele Männer – beide behalten.

Eines Tages entdeckt Pierres Geliebte, dass auch seine Frau Manon einen Liebhaber hat.

Aus einem Mann und einer Frau werden vorübergehend zwei Männer und zwei Frauen – bis die Eheleute letztendlich doch wieder zusammenfinden.

Der etwas geschwätzig philosophierende Film rund um die Liebe und das Leben erinnert an Eric Rohmer und François Truffauts und wird ein cinephiles Publikum sicher in seinen Bann ziehen.

KURIER-Wertung:

INFO: "Der Schatten von Frauen". Drama. F 2015. 73 Min. Von Philippe Garrel. Mit Clotlide Courau, Stanislas Merhar.

Blunzenkönig" und "Hitman

Der Blunzenkönig

Komödie Karl Merkatz klopft als Fleischhauer weniger Schnitzel als Sprüche.

KURIER-Wertung:

The Gallows

Horror Tote bei einer Schüleraufführung sorgen nicht nur für Gänsehaut, sondern für gesträubte Haare – wegen des dämlichen Plots.

KURIER-Wertung:

Hitman: Agent 47

Actionthriller Die glatte Ästhetik täuscht nur kurz über dünne Story hinweg, basierend auf einem Computerspiel.

KURIER-Wertung:

We Are Our Friends

Drama Teenie-Schwarm Zac Efron als cooler DJ Cole. Er verliebt sich in die Freundin seines Mentors und muss sich zwischen Liebe und Karriere entscheiden.

KURIER-Wertung:

Wunder der Lebenskraft

Doku Esoterik-Doku über Seelenheilung.

KURIER-Wertung:

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