Kultur
12.12.2017

Und wieder zwölf neue Bücher

Oktopus, Kaiserschmarren, Nibelungen ... aber auch die Frage, ob man im Wirbel der Mariahilfer Straße Mensch sein kann: Der KURIER stellt neue Bücher in Kürze vor.

Werde glücklich! - Schleich dich!

Sie sagen, wenn sie einander begegnen: taves bachtalo – werde glücklich! (Weil selten IST jemand bereits glücklich.) Wenn sie einem "Fremden" begegnen, sagt dieser mitunter: Schleich dich, Zigeuner! Die Kurzgeschichten von Mago (21, aus Wien) und Károly (36, aus Budapest) sind doppelter Gewinn: für das bessere Verständnis der Roma – und für die Literatur.

Samuel Mago und Mágó Károly:

"glücksmacher – e baxt romani"

Deutsch und Romanes. Edition Exil. 208 Seiten. 14 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Gute Erinnerung an Onkel und Tante

Im Roman wird dem Titel gleich das Geheimnisvolle genommen: „Das Dorf der 13 Dörfer“ heißt bloß so, weil es 13 Ortsteile hat. Aha. Und was bleibt? Ein eleganter, trotzdem luftig-locker bleibender Rückblick auf die Kindheit, geschrieben vom deutschen Schriftsteller und Literaturprofessor Köpf. Gute Erinnerungen an Onkel, Tante, Lehrer, Haus und Wald.

Gerhard Köpf:
„Das Dorf der 13 Dörfer“
Braumüller Verlag.
280 Seiten.
24 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

In der Stadt ist niemand Mensch

Nur in der Natur ist der Mensch Mensch. Im Gewurl der Mariahilfer Straße (zum Beispiel) verliert er seine Einzigartigkeit. Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Thoreau wollte mit See, Berg und Wald verschmelzen. Sein neu aufgelegter Essay kommt zu Weihnachten genau richtig: Bedürfnisse gehören reduziert, um mehr Zeit fürs „wirkliche Sein“ zu haben.

Henry David Thoreau:

„Leben ohne Grundsätze“ Übersetzt von Peter Kleinhempel, herausgegeben und mit einem Nachwort von Frank Schäfer.
Limbus Verlag. 96 Seiten, 10 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Der Vogelmarkt ist eine Insel

Man hört beim Lesen seine tiefe Stimme. Man sieht ihn sogar: Friedrich Orter, bis 2012 regelmäßig mit Reportagen in Kriegs- und Krisengebieten für den ORF im Einsatz, erzählt vom Vogelmarkt in Kabul; vom Tschilpen und Gurren inmitten des Terrors, eine Insel. Und Orter geht weiter, sieht den Käfig über ganz Afghanistan ... zumindest über Afghanistan.

Friedrich Orter:
„Der Vogelhändler von Kabul
Ecowin Verlag.
128 Seiten.
20 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Kaiserschmarren auf Persisch

Schon das achte Heft der hochgelobten zweisprachigen Bilderbuchzeitschrift. Thema diesmal: Kochen. Erstmals auch auf Deutsch/Farsi – und immer auch Deutsch kombiniert mit Arabisch oder Polnisch, Türkisch, Englisch, Kroatisch . . . Es sind Geschichten zum Vorlesen, bei der Geschichte über den Kaiserschmarren haben auch die Vorleser Spaß. Kaiserschmarren = Carski drobljenac (Serbisch) = Kral Uydurması (Türkisch).

Karin Hirschberger (Chefredaktion): „Papperlapapp“
Kinderzeitschriften-Verlag.
Schottenfeldgasse 53, 1070 Wien.
40 Seiten. 5,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Radfahren erquickt und salbt

Das ist nur zusätzlich ein Kalender. Das ist Lektüre . . . mit Hunderten Geburts- und Sterbedaten berühmter Schriftsteller, mit Fotos, die man selten noch zu sehen bekommen hat, mit Texten, die zum Motto „Ruhe und Bewegung“ passen: Hesse hat im Garten „geistige Verdauung“ betrieben, und Henry Miller fühlte sich beim Radfahren „erquickt, belehrt und gesalbt".

Arche Literatur Kalender 2018:
„Ruhe und Bewegung“
Arche Kalender Verlag.
60 Blatt, 54 Fotos.
22 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Vorbild für "Game of Thrones"

Die Ungereimtheiten in der Nibelungen-Sage haben Martin Huber keine Ruhe gelassen: Erst hat er die historischen Hintergründe penibel recherchiert, dann die Geschichte neu erzählt. Zusätzlich zur etwas
anderen Geschichte bietet das Buch Informationen über eine Zeit, die gern in sogenannten Fantasy-Serien wie „Game of Thrones“ konsumiert werden. H.H.

Martin Huber:
„Saat der Rache“
Neobooks.
390 Seiten.
12,99 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Eine Siedlung der Trauernden

Dass Feri Gulyás sein Gebiss verloren hat, ist ein heiterer Einstieg in „Stumme Wiesen“. Aber er wohnt in einer Siedlung der Verlorenen. Einer Siedlung der um ihr Leben Trauernden. In Ungarn zwar, könnte aber genausogut in Österreich sein. Die Autorin, Soziologin, schaut genau hin, ohne Verachtung, ohne Romantik. Im Wissen, gar so viel anders ist es nirgendwo.

Tibor Noé Kiss:
„Stumme Wiesen“
Übersetzt von Eva Zador.
Nischen Verlag.
180 Seiten. 19,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Keine Münzen, aber ein Mordopfer

Es wirken mit: 13-jährige Schüler, die auf einer Wiese nach römischen Münzen graben. (Der Lehrer hat etwas versteckt, aber pst!) Und was finden sie? Ein Skelett. Einen Mann, der vor 50 Jahren erschlagen wurde. Der frühere KURIER-Redakteur Ernst Bieber führt ein Kriminaltheater auf. Ein Mysterium, fast als hätte es Andrea Camilleri geschrieben (der von einem archäologischen Kriminalfall in "Die Münze von Akragas" erzählte).

Ernst Bieber:
„In der Mördergrube“
Arovell Verlag.
139 Seiten.
14,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Wer ist diese Muschelmaus?

Nehmen wir an, Sie bekommen ein Telegramm: „Muschelmaus grüßt Fuchsenfräulein!“ Sie sind also Fuchsenfräulein, haha. aber Sie fragen sich: Wer ist denn die Muschelmaus? Georg Biron hat daraus eine seiner bösen Kurzgeschichten gemacht. In dieser Auswahl seiner Texte aus 40 Jahren ist u.a. auch ein Interview mit de Sade (eh klar, fiktiv) und ein „richtiges“ mit Jack Unterweger.

Georg Biron:
„Buchstabensuppe“
Verlag Der Apfel.
296 Seiten.
24,80 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Nie mehr Schal und Strumpfhose!

Die Linzerin Melanie Laibl legt sich’s mit Eltern, Tanten, Großeltern an, die es immer nur gut meinen: Die kleinen Stars ihres neuen Werkes tragen im Winter keine Handschuhe mehr, keine Strumpfhosen, keine Schals – sie stellen sich in eine Tiefkühltruhe und rappen: „A! B! C! Wir lieben Eis und Schnee!“ Ist ja gesund. So provokant muss Kinderbuch sein.

Melanie Laibl und Susanne Göhlich (Illustration):
„Verkühl dich täglich“
Mixtvision Verlag.
80 Seiten. 13,30 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Ein Kopf wie Vanillesoße

Oh Jammer, gegrillte Oktopusarme kann man also auch nicht mehr essen ... Wird man nicht mehr essen wollen: Klug ist der Oktopus, schön ist er, die US-Naturforscherin Montgomery, die einen berührt hat, schreibt: Der Kopf ist seidig, geschmeidig wie Vanillesoße, und die rote Haut wird weiß und entspannt, wenn man sie streichelt. Empfehlung. (Das Buch, nur das Buch !!)

Sy Montgomery:
„Rendezvous mit einem Oktopus
Übersetzt von Heide Sommer.
Mare Verlag.
336 Seiten. 28,80 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern