Coronavirus effects in Dresden

© EPA / FILIP SINGER

Kultur
11/03/2020

Und wieder: Die Kultur ist stummgeschaltet

Das neuerliche Zusperren trifft eine unter Druck geratene Branche mit Vorerkrankungen.

von Georg Leyrer

In Berlin wurde es nicht nur einen Tag, sondern auch noch 4 Minuten und 33 Sekunden früher still: Kirill Petrenko sandte am Sonntag seine Berliner Philharmoniker mit jenem Werk von John Cage in den Lockdown, das aus viereinhalb Minuten Stille besteht. Am Montagabend folgten dann die letzten Klänge in Österreich. Und jetzt sind große Teile der Kultur wieder stumm – für zumindest vier Wochen.

Wiederholungen sind unbeliebt, niemand sieht sie im Fernsehen gerne; aber diese Wiederholung des Zusperrens trifft eine bereits schwer verwundete Branche umso härter. Und auch wenn kaum jemand – außer manch’ Opernstar, männlich wie weiblich – jetzt die virologische Notwendigkeit angesichts der erschreckenden Zahlen groß in Frage stellt: Erneut bekommt die Kultur ihren Stellenwert in der Gesellschaft per Verordnung auch quasi notariell beglaubigt. Sie wird wieder zugesperrt, und wohl nicht zum letzten Mal. Sie ist, trotz aller Lippenbekenntnisse in besseren Zeiten, gesellschaftlich insgesamt nicht wichtig genug für eine Ausnahme. Die gibt es anderswo natürlich.

Einsicht und Unmut

In die Trauer um die geschlossenen Häuser (ja, die darf man sich zugestehen), das Mitleid für die existenzbedrohten Kulturschaffenden und in die nun einsetzende Stille dringt dementsprechend auch der verbale Direktorendienst nach Kulturvorschrift: Man signalisiert virologische Einsicht – und „Unmut“ (wie der Burgtheaterdirektor), dass die Kultur „quasi als Freizeitgestaltung definiert mit Spielhallen, Wettbüros, Bordellen und Paintballanlagen in einen Topf geworfen“ wird.

Sie wird, das stimmt, ohne großen Aufhebens verräumt.

Die Kultur-Direktoren machen vor ihren geschlossenen Häusern den Rücken breit: Man grummelt über die Maßnahmen, lobt sich zugleich für die ersten Monate der Saison und äußert Kampfbereitschaft für die nächsten. In besseren Zeiten würde man bei dieser und weiterer Kulturselbstbehauptungsrhetorik abwinken: Klar, Aufplustern gehört in der an großen Egos und strahlendem Selbstbild nicht armen Kultur zum Publikumsgeschäft.

Diesmal aber stutzt man, und man tut auch gut daran. Denn ja, die Kultur ist – ebenso wie der Sport – ein viel größeres Projekt im Menschsein, im Wir-Sein, als dass sie so quasi diskussionslos beiseite gewischt werden sollte. Von außerhalb der Branche hört man ohnehin kaum nur den Hauch eines Bedenkens. Aber auch die Branche findet nicht gleich die richtigen Worte. Die müssen von all dem sprechen, was Kultur ist, nicht was sie bedeuten sollte, von ihrem Beitrag zum Leben und nicht ihrem Aus- und Zugesperrtwerden. Auch wenn das Ergebnis letztlich das Zusperren bleiben muss und die virologischen Aufrechnungsspiele (warum die und nicht wir) zynisch sind: Ohne Kultur sind wir nach Corona nicht mehr dieselben. Und sich auch dagegen zu wehren, ist ebenfalls gesellschaftliche Aufgabe.

Was natürlich Symptom einer Vorerkrankung der Kultur ist: Im aufgeregten Selbstgespräch der Social-Media-Öffentlichkeit ist sie unvermittelbar – und daher dort, wo sie nicht Entertainment ist, längst an den Rand gedrängt. Sie ist vorurteilsbehaftet („Staatskünstler“, „#Elfenbeinturm“), unbequem und keineswegs aufwandsneutral. Ihre Definition in der Verordnung beschreibt die grassierende gesellschaftliche Zugangsverengung in perfektem Juristendeutsch: „Zusammenkünfte und Unternehmungen zur Unterhaltung, Belustigung, körperlichen und geistigen Ertüchtigung und Erbauung“ sind verboten.

Und wer da den Reichtum all dessen, was dieses Land auf die Bühne, in die Kinos, die Konzertsäle, Stadien und Clubs bringt, wer da Nestroy und Wanda, „Die Entführung aus dem Serail“ und die Albertina modern ohne Beklemmungsgefühle hinein packen kann, der macht die Kultur fatal kleiner, als sie ist.

Wiederkehr

Auch wenn die Handlungsoptionen beschränkt sind: Die Kultur tut gut daran, auf all das hinzuweisen, worin sie über Belustigung und Erbauung hinausgeht, dass sie dem Virus vorübergehend weicht, aber sich nicht duckt. Und dass sie für das Leben abseits der Virenbekämpfung gebraucht wird.

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