Kultur
02.12.2017

Und wieder 17 neue Bücher

Wein, Seele, Nashörner, Rosen, Klobrillen ... neue Bücher, vorgestellt in aller Kürze.

Die Eltern im Swinger-Club

In der leider vor die Hunde gehenden Reinprechtsdorfer Straßein Wien-Margareten hat der Clemens sein Sonnenstudio. Und eine Freundin hat er, und eine Affäre hat er, nebenbei ist er Privatdetektiv. Zufällig entdeckt er, dass seine so unauffälligen Eltern Swinger sind – dass sie in Clubs Partner tauschen. Die hören doch normalerweise Radio Wien! Und essen Schnitzel! "Sunnyboys" ist eine Wiener Komödie mit einer kleinen Orgie in der Mitte. Es wird nicht tiefenpsychologisch, doch wird die Familiengeschichte ernst genommen. Die Gefühle werden es ebenfalls. Jan Kossdorff ist gelernter Drehbuchautor. Und gut ist er!

Jan Kossdorff: "Sunnyboys"

Milena Verlag. 328 Seiten. 20 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Was man der FPÖ lassen muss ...

Bernhard Görg – einst Vizebürgermeister von Wien – kann Krimi. Er spielt sich ein Buch lang mit einem Würfel, der gefunden wird, als ein Mädchen ihren toten Hund in einem Weingarten bei Weißenkirchen vergraben will. Es ist aber nicht nur der Würfel, den sie findet. Es ist auch das Skelett einer älteren Frau. Drei „abscheuliche Verbrechen“ müssen im bereits dritten Einsatz von Kommissarin Doris Lenhart geklärt werden. Außerdem erfährt man von einem Polizisten: Man muss der FPÖ lassen, dass es bei ihr feschere Frauen gibt. Fescher als bei den Roten – „von den Schwarzen gar nicht zu reden.“

Bernhard Görg:
„Dürnsteiner Würfelspiel“
Salomon Verlag.
336 Seiten. 16,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Budapester Humor im Kaufhaus

Was der Nischen Verlag in Wien für die ungarische Literatur leistet, ist großartig; und bleibt mitunter in der Fülle der Bücher generell unbelohnt. Es ist die Herzensangelegenheit von Zsóka und Paul Lendvai, und Krisztina Tóth ist eines ihrer – Pardon – Aushängeschilder. Das sind kurze Erzählungen vom Überleben im heutigen Ungarn. Beobachtungen beim Füttern von Schwänen. Im Aufzug. Im Kaffeehaus. Beim Friseur ... Obdachlose, die in einem Budapester Kaufhaus Geburtstag feiern: Mann und Frau, einen Hotdog in der Hand, legen sich in der Schlafzimmer-Abteilung ins Bett. Überleben geht nur mit Humor.

Krisztina Tóth:
„Die brennende Braut“
Übersetzt von Gyorgy Buda.
Nischen Verlag.
296 Seiten. 21 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Jeden Tag drei Liter Wein

Vor 500 Jahren trank jeder erwachsene Wiener täglich drei Liter Wein. Der Wein war allerdings viel leichter. Und sauberer als das Trinkwasser ... Streifzüge durch die Wiener Weindörfer: Stammersdorf, Nussdorf, Ottakring, Oberlaa usw. Heurige werden besucht. Man steigert: Fett, voifett, blunznfett. Wo kehrte Kronprinz Rudolf ein? Wie schnell fuhr die Zahnradbahn auf den Kahlenberg? Historische Fotos ergänzen Beppo Beyerls süffige Texte. Die Fotos mit dem Autor sind zu viele.

Beppo Beyerl:
„Es wird a Wein sein“
Edition Winkler-Hermaden.
120 Seiten.
19,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Zu Nashörnern muss man nett sein

Genauso macht man das: Man holt sich einen dieser plumpen, dicken Typen her, einen leicht in Wut geratenden noch dazu, der einen herzlich wenig interessiert, auch im Tiergarten verweilt man nicht lange beim Nashorn ... und dann liest und erfährt man: Wilde Nashörner werden sofort zahm, wenn man nett zu ihnen ist. Von Seite zu Seite wächst die Sympathie für die vom Aussterben bedrohten Tiere. Von den Breitmaulnashörnern leben nur noch drei (in Kenia)– und die sind unfruchtbar. Oh Jammer. Schon Harry Rowohlt dichtete: „Lieber Gott, Du bist der Boss, Amen, Dein Rhinozeros.“

Lothar Frenz:
Nashörner“ aus der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky. Verlag Matthes & Seitz.
128 Seiten. 18,50 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Ein Heuschreck, der lachen kann

Nur drei Zeilen, Silbenfolge 5 – 7 – 5: Die Kürzestgedichte erobern längst die lyrischen Gedanken außerhalb Japans. Hier aber sind Haiku aus dem Ursprungsland gesammlt, und zwar aus fünf Jahrhunderten. Dazu wird viel erklärt, die einzelnen Dichter werden vorgestellt, das Buch ist eine Freude – auch eine Überraschung: Kobayashi Issa, ein Bauernsohn, dichtete ums Jahr 1790 übers Pinkeln: „Mach dich nur lustiug / über mein Schütteln beim Wasserlösen / Grashüpfer du!“ Interessanter Gedanke: Ein Wasserschüttler hat Angst, vom Heuschreck ausgelacht zu werden. ... Haiku machen auch das möglich.

Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller (Herausgeber):
„Haiku“
Reclam Verlag.
422 Seiten. 45,30 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Aber die Rosen lassen wir in Ruhe

Neues vom Wanderforscher. Auch die Berufsbezeichnung Wildkräutler passt auf den Salzburger Michael Machatschek – wenngleich sein Blick auf Landschaften schon weiter reicht. So hält er im aktuellen Buch Nr. 4 ein Plädoyer für Ziegen, bevor er uns mit dem Ferkelkraut, dem G’schmierten Michl, bekannt macht. Als man Wiesen und Weiden noch nicht intensiv düngte, waren die Kräuter häufig zu finden; und zu essen. Aus Sauergras werden Schuhe, aus Schwammerln wird Pulver ... Neugier steckt an – aber die jungen Rosentriebe lassen wir brav in Ruhe, die muss man nicht in Zuckerwasser kochen ...

Michael Machatschek:
„Nahrhafte Landschaft 4“
Böhlau Verlag.
370 Seiten. 240 Abbildungen.
29,99 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Zwanghaft witzig mit Alkolikern

Und wenn wir alles, wirklich alles wissen, dann beschäftigen wir uns vielleicht mit der Frage, weshalb der Kot von Biertrinkern so ekelhaft stinkt – was man von einem Campari-Orange-Schiss nie behaupten würde. Im ersten Buch der neuen Science Busters – also ohne Oberhummer und Gruber – stört das zwanghafte Bemühen, witzig zu sein. Das geht oft schief. Alkoholikern wird z.B.empfohlen, wegen ihres Vitaminmangels, auf dem Heimweg vom Wirtshaus in ein Vogelhäuschen zu greifen und eine Handvoll Sonnenblumenkerne zu naschen. „Sind Engel Säugetiere?“ ist auch originell. Oder was.

Puntigam / Freistetter / Jungwirth: „Warum landen Asteroiden immer
in Kratern?“
Hanser Verlag.
287 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ***

Auch Klobrillen spielen mit

Wenn Gerhard Ruiss Österreichs Bundeskanzler und auch noch viele andere Poltiker in Gedichte packt, wird das zum heiteren Ratespiel. Wenns um eine Sauerkraut-Diät geht, no, dann ist noch relativ klar – Gusenbauer ist gemeint. Die Zeitungen berichteten damals, als er abnahm. Zwölf Jahre nach „Kanzlergedichte“ war es Zeit für „Kanzlernachfolgegedichte“. Sebastian Kurz kommt auch schon vor. Für viele gilt: „vom vorgänger die klobrille putzen / macht die welt zwar nicht besser / aber man muss jede gelegenheit nutzen / um eigene spuren zu hinterlassen“. Die Vorstellung ist – grandios.

Gerhard Ruiss:
„Kanzlernachfolgegedichte“
Geleitwort von Klaus Zeyringer.
Edition Aramo.
192 Seiten. 18 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Das Drama aus der Geschichte kletzeln

Stefan Zweigs erfolgreichstes Buch in Neuauflage –und wieder das Staunen: Wieso sind denn DAS „Sternstunden der Menschheit“? Hätt’ er nicht die Französische Revolution in die Sammlung aufnehmen können? Zweig meinte zwar, die Weltgeschichte selbst schreibe dramatische Kunst. Andererseits wollte er nicht Chronist sein, sondern mit seinem Können das Drama erst aus der Geschichte kletzeln. Der Sturm auf die Bastille wäre so gesehen schon fertig geschrieben gewesen. Diese Neuausgabe ist der Beginn der kommentierten Studienausgabe von Stefan Zweigs erzählerischem Werk. Fünf Bücher folgen.

Stefan Zweig:
„Sternstunden der Menschheit
Herausgegeben von Werner Michler und Martina Wörgötter. Zsolnay
Verlag. 448 Seiten. 26,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Lächeln wie vor 2011

Das Land vor dem Krieg: Dieser großformatige Bildband will keine Reminiszenz an bessere Zeiten sein. Syrien lebt, natürlich. Die Fotos sollen aber Hoffnung geben, dass Syrien wieder so einzigartig, so vielfältig, so lächelnd wird wie vor dem Jahr 2011. Der Fotograf und Islamwissenschaftler Lutz Jäkel tourt zurzeit mit seinen Fotografien aus Damaskus, Aleppo, Palmyra durch Deutschland. Im fast zwei Kilo schweren Buch sind es rund 200. Und Texte – auf Deutsch und Arabisch – mehrerer syrischer Autoren über Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Liebe.

Lutz Jäkel und Lamya Kaddor:
Syrien. Ein Land ohne Krieg“
Übersetzung vonLarissa Bender und Suleman Taufiq. Malik Verlag.
200 Seiten. 46, 30 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Es geht ganz ohne Mord

Einen Krimi mit dem Titel „Kalte Sonne“ gab’s schon einmal, von einem Hamburger Vogelzüchter geschrieben. Diese neue „Kalte Sonne“ stammt von einem studierten Wiener Philosophen und handelt davon, dass einer der „Ärzte ohne Grenzen“ heim in die Favoritenstraße kommt, aber seine Frau und sein Neugeborenes sind weg. Johannes Epple kommt ohne Mord aus. Die Haken, die er bis zum Fitnesswahn schlägt, sind bemerkenswert. In der Verlagswerbung steht etwas von „schmerzhafter Dualität von Geworfenheit und Selbstbestimmung“. Man soll sich nicht abschrecken lassen.

Johannes Epple:
„Kalte Sonne“
Salomon Verlag.
220 Seiten.
16,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Sein Erbgut ist das Lachen

Wann bist du angekommen? Morgen. Vielleicht. Erwin Javor kam aus dem Schtetl in Ostgalizien nach Budapest, dann Wien, Bad Gastein, Israel ... Seine Lebensgeschichte ist Reisegeschichte. „Ich bin ein Zebra“ ist ein tragisches Erinnerungsbuch. Eigentlich. Aber Javors Erbgut ist das Lachen. Nun sind die jüdischen Witze, die der Zeitungsherausgeber und Gründer eines unabhängigen Nahost-Thinktank erzählt, zumeist sehr lustig (und oft „unkorrekt“). Aber er unterbricht damit auf fast jeder Buchseite die Odyssee. Zu viel des Guten. Die Familie gerät dabei völlig in eine Nebenrolle.

Erwin Javor:
„Ich bin ein Zebra“
Amalthea Verlag.
256 Seiten.25 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

1922, noch immer aktuell

In den USA ist ein „Babbitt“ einer, der sich von konservativen Politikern und der Kirche sagen lässt, was zu tun und zu lassen ist. Sinclair Lewis’ Roman ist folglich immer aktuell. Sein George F. Babbitt ist kein Zerrbild, sondern ein richtiger, ein müde gewordener Immobilienmakler, der irgendwann kein „braver Bürger“ mehr sein will. Amerikanischer Klassiker aus dem Jahr 1922.

Sinclair Lewis:Babbitt
Übersetzt von Bernhard Robben. Nachwort Michael Köhlmeier.
Manesse Verlag.
784 Seiten.
28,80 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Haben Verbrecher eine Seele?

Die Seele – 21 Gramm wiegt sie angeblich, und trotzdem ist, wer sie nicht hat, leer. Die Seele ist eine Erfindung, eine schöne, und immer wurde sie neu erfunden. Der norwegische Kulturwissenschaftler Høystad marschiert in der Antike los. Am Ende der Reise scheut er die Frage nicht: Hatte auch Adolf Eichmann eine Seele?

Ole Martin Høystad:
„Die Seele“
Übersetzt von Frank Zuber.
Böhlau Verlag. 440 Seiten. 30,90 Euro.

Mit den Memoiren vor Gott

Wenn Viktorija Torkarjewa, 80, über Schriftsteller schreibt, dann schreibt sie auch über sich selbst. Über Männer, die sie auf den Weg gebracht haben. Dazu gehörte auch jener freche Schüler, der ihr den Beruf als Lehrerin madig gemacht hat. Sodass die Russin aus St. Petersburg Schriftstellerin geradezu werden musste ... Tokarjewas Memoiren sind ganz kurz. Man hat das Gefühl, sie tritt damit vor Gott.

Viktorija Tokarjewa:
„Meine Männer“ Übersetzt von
Angelika Schneider. Diogenes
Verlag.
176 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Im Moment der Ermordung

Schon der neunte Fall für den traurigen neapolitanischen Commissario in den 1930er Jahren, der die Gabe hat, die Ermordeten im Moment ihres Todes zu sehen und zu hören. Oder ist es nicht doch eher ein Fluch? Noch immer würde man gern stärker die Mussolini-Zeit spüren. Diesmal hat Autor de Giovanni lieber ganz viel Liebe und einen totgeprügelten Ehemann im Sinn.

Maurizio de Giovanni:
„Abendlied für
einen Mörder“ Übersetzt von
Judith Schwaab. Goldmann Verlag.
448 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern