... und wieder 16 neue Bücher

Buchmesse Leipzig
Foto: APA/dpa-Zentralbild/Jens Kalaene Besuch auf der Buchmesse Leipzig

Neuerscheinungen im sogenannten "Bücherfrühling", sehr bunt gemischt

Bis wir keine Menschen sind ...

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari bewies in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, wie locker UND  seriös man über Neandertaler bis zum Kapitalismus reden bzw. schreiben kann. Jetzt erzählt er eine Geschichte von Morgen. Vom Streben der Menschen, Götter zu werden und Unsterblichkeit zu erreichen ... bis sie keine Menschen mehr sind. Das provoziert und bringt aufs Wunderbarste zum Denken. Schon die englische Buchausgabe wurde vom KURIER zum Anlass genommen, mit Hirnforscher, Genetiker, Historiker ...  zu diskutieren. Auf Kurier.at ist die Serie noch zu lesen. „Homo Deus“ ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Yuval Noah Harari:
„Homo Deus“
Übersetzt von Andreas Wirthensohn.
Verlag C.H. Beck.
576 Seiten. 25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *****

PP ist zu gut für einen Krimi

Dritter Krimi der Serie mit  PP, Pieter Posthumus – dem Beamten in Amsterdam, der für anonyme Leichen zuständig ist: Die Stadt, das ist wahr,  bereitet den Toten, die sozusagen niemanden haben, ein „einsames Begräbnis“ mit Musik und Keksen. Diesmal fehlt Atmosphäre, dafür  wird zu viel geredet. Die Figur des PP ist derart gut gelungen, dass da keine Krimihandlung mithalten kann. Diesmal   liegt halt ein  unbekannter Mann mit Überdosis im Rotlichtviertel. Ein Junkie. Wieso aber hat er einen Armani-Kamelhaarmantel an, der dem amerikanischen Teilnehmer  am Umweltgipfel Earth 2050 gehört?

Britta Bolt:
„Der Tote im fremden Mantel“
Übersetzt von Heike Schlatterer.
Verlag Hoffmann und Campe.
304 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Der Professor ist unwichtig

Heinz Fischers Buch über den  Fall Taras Borodajkewycz, erstmals 1966 erschienen und dann viele Jahre vergriffen gewesen, jetzt ergänzt durch zusätzliche Dokumente: Nicht die unwichtige Person des  Hochschullehrers steht im Vordergrund, sondern der mühsame, aber  – trotz des bremsenden ÖVP-Unterrichtsministers – erfolgreiche Kampf gegen den antisemitischen  Professor; juristisch und moralisch. Nicht durch schamhaftes Schweigen muss  ein solches Problem „gelöst“ werden. Ex-Bundespräsident Fischer: „Das Fall T.B. war – alles in allem –  eine gute und eine heilsame Lehre.“

Heinz Fischer:  „Einer im Vordergrund: Taras Borodajkewycz“
Verlag Ephelant.
320 Seiten. 22 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Am coolsten ist, wer nichts macht

Wahrscheinlich ist nur ein schlechter Tag schuld daran, wenn man „Auf die sanfte Tour“ des Texaners Castle Freeman nicht bemerkenswert witzig findet. Sein Unterricht, man redet mit
 Betrunkenen am besten, indem man ihnen die Nase umdreht, ist gewiss ... hochinteressant. Echt cool aber ist
 es allemal, wie der Sheriff einer Kleinstadt in Vermont alles zur Zufriedenheit regelt, indem er  möglichst nichts
 unternimmt. Was soll man denn  groß machen, wenn ein russischer Mafioso nackt an einen Baum gefesselt die Leute bespuckt?

Castle Freeman:
„Auf die sanfte Tour“
Übersetzt von Dirk van Gunsteren.
Nagel & Kimche Verlag.
192 Seiten. 19,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Das Unmoralische wird vererbt

Wenn schon Literaturkritiker in Österreich derart gute, fordernde Romane schreiben können, braucht man sich nicht darüber zu wundern, was die österreichischen „Nur“-Schriftsteller Großes zusammenbringen ... Vom Zweiten Weltkrieg ausgehend, verfolgt ORF-Radioredakteur Peter Zimmermann drei Generationen: Man steigt mittels Kriminalität aus dem Proletariat zu den Bürgerlichen; und gibt die  Schuld an die Nächsten weiter; und lässt die Moral sausen, immer. Vieles bleibt unausgesprochen, alles entsteht, ist beim Lesen in Arbeit.

Peter Zimmermann:  „Aus dem Leben der infamen Menschen“
Milena Verlag.
262 Seiten.
23 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Als Vogel tat er sich schwer

Die großen Regenwürmer haben Haare, und das schmeckt nicht so gut. Aber Dachse fressen sie, also hat auch der englische Tierarzt und Anwalt Charles Foster welche gefressen.  Weil er Dachs war, in einem unterirdischen Bau wohnte und mit seiner Sch... das Revier markierte. Foster war auch Otter, Rothirsch, Fuchs und Mauersegler – okay, da hat er sich  übernommen, das Fliegen an Seilen ist nicht dasselbe. Er selbst ist ironisch, das macht seine Versuche, als Tier zu leben, unterhaltsam., In ernsten Lesestunden  lässt sich unser Verhältnis zur Natur überdenken.

Charles Foster: 

„Der Geschmack von Laub und Erde“ Übersetzt von
Gerlinde Schermer-Rauwolf und
Robert Weiß. Malik Verlag.
288 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Florence Foster klopfte noch

Das ist nicht das „Buch zum Film“, wie es auf dem Cover steht. Sondern die Ergänzung. Die Fakten hinter dem Film, in dem Meryl Streep großartig falsch singt – wie Florence Foster Jenkins, die es mit ihrem Sopran in die Carnegie Hall gebracht hat; einen Tag nach dem Auftritt von Frank Sinatra. Ihr Lebensgefährte (= Hugh Grant) hörte sie noch Jahre nach ihrem Tod klopfen ...

Nicholas Martin und Jasper Rees:
„Florence Foster Jenkins“
Übersetzt von Maria Zettner und Reinhard Tiffert. Goldmann Taschenbuch.
287 Seiten. 10,30 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Immer mit Speck und Pfefferoni

Empfehlung mit Rufzeichen! Zwölf Mal erzählt US-Autorin Mary Miller  mit viel Wärme von Frauen in deren kleinen Welt (inkl. Pizza, darauf immer Speck und Pfefferoni, und  einem Wasserfleck am Plafond).  Hatten die Eltern nicht die schöne, große Welt versprochen? Der persönliche Lieblingssatz zeigt, dass es immerhin kleine Erfolge gibt: „Meine Blase ist besser als deine.“

Mary Miller:
„Big World“
Übersetzt von Alissa Walser.
dtv.
192 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Empfehlung: **** und ein halber Stern

Die Trompete spielt Vergeblichkeit

 Sie hat nicht nur den Blues, sie bläst ihn auf der Trompete: Karla, die im Tsunami ihre Eltern verloren hat. „Ihr“ Roman geht von einer kleinen Stadt in Mähren, wo Karla wohnt, nach Thailand und nach Kuba, und immer spielt die Trompete das Lied der Vergeblichkeit, sie spielt das Ende der Jugend und der Illusionen. Sehr schön lyrisches Buch der Tschechin Pilátová.

Markéta Pilátová:
„Tsunami Blues“
Übersetzt von Mirko Kraetsch.
Braumüller Verlag.
384 Seiten. 24 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Mehr Respekt vor Pflanzen

Die Chili-Samen sind heuer schon in die Erde gelegt worden, die Pflänzchen sind schon zehn Zentimeter hoch,  jetzt sollte man lernen, mehr Respekt zu haben vor dem, was da wächst und lebt. Stefano Mancuso von der Universität Florenz ermuntert dazu. Er porträtiert Pflanzenforscher, denen viel zu verdanken ist. 60 Prozent der zurzeit eingesetzten Krebsmittel werden großteils aus Pflanzen gewonnen.

Stefano Mancuso:  „Aus Liebe zu den Pflanzen“ Übersetzt von
Christine Ammann. Kunstmann Verlag. Erscheint am kommenden Mittwoch.176 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Soll sie doch halluzinieren!

 „Lars Kepler“ ist ein schwedisches Autoren-Ehepaar, „Flammenkinder“ (2012) und „Sandmann“   (2014) gehörten zu den besten Krimis ihrer Jahrgänge. Aber „Playground“ ... eine Frau halluziniert von einem  Hafen in China und von der Mafia. Das wird bestimmt einen Grund haben. Aber nicht jeder muss ihn kennen. Persönlicher Lieblingssatz: "Halt's Maul"

Lars Kepler:
„Playground“
Übersetzt von Christel Hildebrandt.
Piper Verlag.
464 Seiten. 17,50 Euro.

KURIER-Wertung: ***

Schottland schlägt alle

Der Held in den Büchern des Glasgower Schriftstellers Peter May  ist Schottland. Ein düsterer Held. Überhaupt dann, wenn das Moor bricht – weil der Torf so trocken ist – und ein vor 17 Jahren abgestürztes Flugzeug  sichtbar wird. Im Cockpit saß  der coolste keltische Rockstar. Und wer sitzt jetzt? Der Roman äuft ab wie ein Drehbuch mit Landschaftsbildern.

Peter May:
„Moorbruch“
Übersetzt von Silvia Morawetz.
Zsolnay Verlag.
336 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Dulala schreibt an Schnurrika

Dass die Familie um Thomas  Mann nicht nur genial war, hat Tilmann Lahme 2015 großartig gezeigt – alle acht Manns in einer Biografie. Parallel erzählt, chronologisch. Ein Erlebnis! Jetzt die Zugabe: 2000 Briefe sind überliefert, diese Auswahl von 199 ist zusätzlicher Beweis, wie diese  Familie  selbst beim persönlichen Austausch an die Nachwelt dachte. Und es wimmelt von Lämmlein, Häsin, Dulala, Schnurrlika, hier Mielein (Katia Mann), dort Pielein (Thomas Mann) ...  Jede(r) hatte einen eigenen Ton, was man sofort wahrnimmt – im Hörbuch, erschienen im Hörverlag, mit acht Schauspielern ist das noch stärker.

Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein (Herausgeber):
„Die Briefe der Manns“
Verlag S. Fischer.
720 Seiten. 25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *****

Geschichten vom Untergang

Autorin Birgit Mosser, die für den ORF  Dokumentationen über Österreich zwischen Kaiserreich und „Anschluss“ sowie  über Leopold Figl (mit)gestaltet hat, hält es mit dem Spruch: Geschichte ist ein Mosaik von Geschichten. Das lebt sie auch in ihrem ersten Roman aus, sehr zur Zufriedenheit der Leser. Das Ende der Donaumonarchie spiegelt sich im Kindermädchen einer unguten Gräfin wieder, im Kaiserjäger an der Dolomitenfront, in russischer Gefangenschaft ... So geht das. So lernt man. So sieht man, dass Leben ein Glücksspiel ist: Nicht alle bekommen einen schützenden Stahlhelm.

Birgit Mosser:
„Der Sturz des Doppeladlers“
Amalthea Verlag.
320 Seiten.
22 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Knud könnte schräger sein

Der Orkan schreit, Drachenboote landen auf  Bornholm. Aber diese Wikinger haben Laptops, das können nicht die alten sein. Neu sind sie, man könnte von einer Öko-Bande reden. Jedenfalls setzen sie die Bürgermeisterin ab, und Knud vom Nordfjäll ist jetzt der König der dänischen Ostseeinsel. Schlecht? Die Wikinger grillen mit ihren „Feinden“  ... Das hat was. Kein Gammelfleisch  mehr, kein Glyphosat – selbst die Polizei kann sich mit Majestät und dem naturnahen Leben anfreunden. Auch der Roman hat was. Leider macht er  frühzeitig schlapp. Wenn schon, denn schon: Er hätte  noch schräger sein können bzw. müssen.

Uli Wohlers:
„Projekt Rahanna“
Braumüller Verlag.
240 Seiten.
20 Euro.

KURIER-Wertung: ***

Blick von der Terrasse

Das ist ein schönes Bild: Man baut sich eine kleine Terrasse, dort steht man dann, und von dort schaut man hinunter – vielleicht findet man sich selbst. Die steirische Schriftstellerin Erika Kronabitter lässt ihre Heldin noch weiter blicken, zu ihrem Vater, der in den 1980ern auf Teneriffa ermordet wurde. Der Roman ist Spurensuche und autobiografisch inspiriert. Aber egal: Sucht man den Vater, sucht man auch die Mutter. Die waren gar nicht verheiratet miteinander. Vater hatte eine andere Ehefrau ... Verworrene Liebe, verworrenes Leben. Das Buch ist trotzdem nicht dick geworden. Eine Leistung im „Eindampfen“.

Erika Kronabitter:
„La Laguna“
Verlag Wortreich.
256 Seiten.
19,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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